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Kanzlerkandidat Schulz Nicht schuld und trotzdem der Depp

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Erlebte einen bitteren Abend: SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz.

(Foto: AP)

Die Niederlage in Nordrhein-Westfalen ist ein Drama für die SPD. Das Ergebnis richtet sich nicht gegen Martin Schulz. Aber das wird dem Kanzlerkandidaten in den nächsten Monaten kaum helfen.

"Ein Maitag ist ein kategorischer Imperativ der Freude" - das hat der deutsche Lyriker Friedrich Hebbel mal geschrieben. Der Mai gilt eigentlich als Wonnemonat, aber für die SPD hat das in diesem Jahr gewiss keine Gültigkeit. Spätestens seit dem bitteren Wahlabend in Nordrhein-Westfalen wird sie den Mai 2017 in bitterer Erinnerung behalten. Für die CDU ist der Wahlerfolg ein Coup. Sie fegt mit einem Schlag gleich eineinhalb Spitzengenossen vom Spielfeld. Die Ära von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft ist beendet, Martin Schulz schwer angezählt. Der Kanzlerkandidat trägt keine Verantwortung für die Niederlage, dennoch ist er derjenige, der sie nun ausbaden muss. Er ist nicht schuld und steht trotzdem da wie ein Depp.

Schulz hat in den vergangenen Wochen viel Wahlkampf gemacht zwischen Rhein und Weser. Nordrhein-Westfalen ist sein Bundesland, seine Heimat. Seit seiner Kür im Januar war klar, dass diese Landtagswahl die wichtigste Ouvertüre für die Bundestagswahl sein würde. Aber auf den Wahlzetteln stand der Name von Amtsinhaberin Hannelore Kraft. Abgestimmt wurde über die Politik der rot-grünen Landesregierung. Kraft ist vor allem über ihre bescheidene Bilanz gestürzt. Damit hat Schulz nichts zu tun. Der SPD-Kandidat hat jedoch sehr wohl etwas damit zu tun, dass diese Niederlage so überraschend kommt. Der Hype um Schulz hatte auch Kraft und der nordrhein-westfälischen SPD im Februar und März einen Aufschwung beschert, der einige Wochen über die Wechselstimmung hinweggetäuscht hat. Im März lag die SPD in Nordrhein-Westfalen zwischenzeitlich bei 40 Prozent und deutlich vor der CDU. Die Genossen fürchteten damals sogar um Mobilisierungsschwierigkeiten. Rückblickend ist das heute einigermaßen absurd.

Die Niederlage ist ein Drama für Kraft, für Schulz und die ganze SPD. Seit 2005 hat die Partei keinen Ministerpräsidenten verloren - damals übrigens auch in NRW - , jetzt verliert sie innerhalb einer Woche gleich zwei. Sie holt ihr schlechtestes Ergebnis in NRW, verliert trotz Vorsprungs, trotz vermeintlichen Heimvorteils in ihrem Stammland, trotz Amtsinhaberbonus, trotz eines blassen CDU-Kandidaten. Das alles macht dieses Wahlergebnis für die Sozialdemokraten schwieriger zu ertragen. Die Niederlage im bundespolitisch wenig bedeutenden Saarland konnte man noch kleinreden. Dann kam die Pleite in Schleswig-Holstein. Ein Wahlsieg in NRW hätte der große Befreiungsschlag sein können. Hätte.

Die Leichtigkeit ist weg

Zurück zu Schulz: Bis März schien es, als müsste der Kandidat nichts machen - er räumte ab. Die SPD erlebte einen Lauf wie lange nicht, bis die Blase im April platzte. Seitdem geht alles schief, seitdem ist die Leichtigkeit weg. Warum eigentlich? So übertrieben aufgebläht die Anfangseuphorie um Schulz war, mit ebenso übertriebener Wucht schlug die Stimmung ins Gegenteil um. Schulz ist ein Paradebeispiel einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Kaum hatte die SPD ihn aufs Schild gehoben, sagten die ersten bereits seinen Sturz vorher. Alle warteten darauf, auf jedes Anzeichen von Schwäche, um endlich zu triumphieren zu können und sich bestätigt zu sehen. Letztlich konnte Schulz machen, was er wollte, sein Fall ließ sich gar nicht abwenden. Innerhalb weniger Wochen vom Überflieger zum großen Verlierer - mit der Realität hat das nicht mehr viel zu tun.

Für die Wahlschlappe in NRW hat Hannelore Kraft die Verantwortung übernommen. Aber auch die Bundes-SPD wird um eine Fehleranalyse nicht herumkommen. Hat der Kanzlerkandidat Fehler gemacht? Vielleicht hätte Schulz in den dreieinhalb Monaten inhaltlich mehr anbieten müssen, hätte hier und da konkreter werden können. Hätte es Vorteile gehabt, wenn er gleichzeitig als Minister ins Kabinett gewechselt wäre? Vielleicht. Aber dann wäre vermutlich jeder seiner Schritte als Wahlkampfaktionismus verunglimpft worden. Dieser eine große entscheidende Fehler, der diese Dynamik schlüssig erklärt, ist Schulz bisher nicht unterlaufen.

Dennoch hat dieses Wahlergebnis nicht nur für Kraft Konsequenzen. Auch wenn die SPD-Spitze alles unternehmen wird, dürfte diese Niederlage kaum ganz von Schulz zu trennen sein. Natürlich wird sie dem Kanzlerkandidaten schaden und seine Chancen bei der Bundestagswahl verschlechtern. Wenn die SPD nicht mal in ihrem Stammland genügend Wähler mobilisieren kann, wie soll es dann im September im ganzen Land gelingen? Schulz bleiben vier Monate Zeit. Die letzten Wochen zeigen, wie volatil die Stimmung, wie launisch die Wähler sind. In den Umfragen für die Bundestagswahl liegt die Union schon wieder deutlich vorn. Was kann die Stimmung drehen? Vielleicht eine Seehofer-Attacke gegen die Kanzlerin oder neuer Streit um einen Austritt Griechenlands aus der Währungsunion? Um eine besonders bittere Erkenntnis kommt die SPD kaum herum: Schulz und die SPD sind jetzt auf gravierende Fehler der Union angewiesen. Aus eigener Kraft wird's wirklich ganz schwer.

Quelle: n-tv.de

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