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Vorwürfe gegen Essener Tafel Packt die Rassismus-Keule wieder ein

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Die Essener Tafel sieht sich mit "Nazi"-Vorwürfen konfrontiert.

dpa

Die Essener Tafel steht symbolisch für den Verdrängungswettbewerb unter den Ärmsten der Armen. Statt darüber zu reden, dreschen Politiker auf Ehrenamtliche ein. Wie Differenzierung geht, zeigt Dunja Hayali in erstklassiger Manier.

Treiben wir es einmal auf die Spitze: ​Dunja Hayali macht neuerdings auf Nazi-Versteherin. Ausgerechnet die ZDF-Moderatorin, die wegen ihrer nicht biodeutschen Wurzeln permanent beleidigt und verbal ausgegrenzt wird. Sie hat auf ihrer Facebook-Seite für eine differenzierte Betrachtung der Verantwortlichen der Essener Tafel geworben. "Alles Rassisten und Nationalisten?", fragte sie und antwortete: "So einfach kann man es sich nicht machen."

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Doch, viele Leute machen es sich so einfach. "Nazis" sprühten linke Hypermoralisten auf Fahrzeuge der Essener Tafel. Der Vorwurf kommt von Protagonisten der politisch Linken, die (natürlich zu Recht) bei jeder von einem Flüchtling begangenen Straftat davor warnt, Muslime oder Einwanderer pauschal zu verurteilen. Für Inländer jedweder Herkunft scheint diese rechtsstaatliche Regel aber nur noch begrenzt zu gelten. Ansonsten wird undifferenziert ge- und verurteilt.

Die Rassismus-Keule bei jeder Kritik am Verhalten von Flüchtlingen oder Migranten zu schwingen, führt am Thema vorbei: Der Verdrängungswettbewerb unter den Ärmsten der Armen ist bereits in vollem Gang. Nach Angaben der Essener Tafel war der Anteil der Flüchtlinge und Zuwanderer unter den Bedürftigen von 35 auf bis zu 75 Prozent gestiegen. Das heißt also, dass in der Spitze drei Viertel der Menschen, die nicht abgewiesen wurden, Ausländer waren. Sind die Essener Ehrenamtlichen also Rassisten mit Herz?

"Nehmer-Gen" und fehlende "Anstellkultur"

"Entscheidend kann nur die Bedürftigkeit, nicht die Herkunft sein", sagte NRW-Integrationsminister Joachim Stamp dem "Spiegel" und reihte sich damit in den Chor der Entrüsteten ein, ohne das Motiv der Tafel zu prüfen. Dabei gehört auch Stamps FDP zu den Parteien, die nach jeder verlorenen Wahl Besserung geloben: "Wir müssen wieder mehr vor Ort mit den Menschen reden."

Der Vorsitzende der Essener Tafel, Jörg Sartor, hatte einigen - nicht allen - Syrern und Russlanddeutschen "ein Nehmer-Gen" und das Fehlen einer "Anstellkultur" unterstellt und sich damit beste Chancen für das politisch unkorrekteste Wort des Jahres eröffnet. "Wenn wir hier um 9 Uhr die Tür aufmachen, dann wird die Oma, die seit 7 Uhr da steht, weggeschubst", klagte er. Schlechtes Benehmen ist nicht vererbbar, es steckt nicht in den Genen. Trotzdem ist es legitim, sich gegen aggressives Verhalten zulasten von Frauen jeden Alters zu wehren.

Ein Reporter der "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" machte sich im Gegensatz zu all den Moralaposteln aus der Politik die Mühe und fragte vor Ort nach. Zyniker werden mit Leichtigkeit feststellen, dass der Journalist - nach Lesart der Tafel-Kritiker - offenkundig nur Nazis und Rassisten getroffen hat. "Manche Ausländer kommen hier mit dicken Autos an, nehmen die Sachen und verkaufen sie drei Ecken weiter", zitiert er einen der in der Kälte Wartenden. Ein anderer habe beigepflichtet: "Einige haben eine Anspruchshaltung, das ist unglaublich. Werden wütend, wenn kein Hähnchenfleisch mehr da ist, sondern nur noch Schwein." Und ein Dritter: "Mir haben sie hier auch schon Schläge angedroht."

Wo bleibt der Aufschrei zum Schutz der Großmütter, egal welcher Herkunft? Bundesfamilienministerin Katarina Barley (SPD) hatte zum Aufnahmestopp der Tafel erklärt: "Eine Gruppe pauschal auszuschließen, passt nicht zu den Grundwerten einer solidarischen Gemeinschaft". Stimmt! Aber Omas schubsen? Ihre Parteikollegin Sawsan Chebli, in Berlin Staatssekretärin für bürgerschaftliches Engagement und Internationales, twitterte: "Mir läuft es eiskalt den Rücken runter. Essen nur für Deutsche. Migranten ausgeschlossen." Wo bleibt die Verurteilung der Schubser? Gerne auch ohne Erwähnung irgendeiner Herkunft: "Mir läuft es eiskalt den Rücken runter. Junge Menschen schubsen Omas."

Essener Tafel wählte schlechteste Lösung

Bei den Beschimpfern der Essener Tafel läuft das Programm mit, negative Folgen Merkelscher Flüchtlingspolitik, die die SPD vorbehaltlos unterstützt hat, zu ignorieren. Zur Erinnerung: Die SPD hat die Agenda 2010 geschaffen. Ihre Ambivalenz zu den Hartz-IV-Reformen nimmt groteske Züge an. Doch anstatt stolz darauf zu sein, getan zu haben, was Ländern wie Frankreich noch bevorsteht, geht sie auf jene Leute los, die die Auswirkungen der Sozialkürzungen zu mildern versuchen.

Wohlfeile Twitterbotschaften sollen nun überdecken, was nicht ins eigene Wunschbild von der heilen Welt des friedlichen, multikulturellen Miteinanders passt, das selbst Kanzlerin Angela Merkel verworfen hat. Vor einem Jahr hatte die ehemalige Ausländerbeauftragte Berlins, Barbara John (CDU), in einem Interview mit n-tv.de zur wachsenden Heerschar der Menschen ohne eigene Wohnung gesagt: "Selbstverständlich gibt es Konkurrenz zwischen Flüchtlingen und Obdachlosen." Was haben CDU, SPD und CSU seither getan? Viel Wahlkampf und noch mehr über Koalitionen verhandelt. Zu pauschal geurteilt? Sorry! Jeder Stich lässt mehr Luft aus der Blase, die sich die Vertreter der drei Parteien geschaffen haben, die gerade eine neue Koalition geschmiedet haben.

Dunja Hayali, die ihre Menschlichkeit jeden Tag gegen eine Flut von Hassmails verteidigt, hat es wunderbar auf den Punkt gebracht: "Die Essener Tafel hat die denkbar schlechteste Möglichkeit gewählt, ein Problem zu lösen", schrieb die ZDF-Journalistin und warb für woanders längst praktizierte Beispiele wie Punktesysteme, häufigere Öffnungszeiten und Losverfahren. In Chemnitz öffnet die Tafel seit etlichen Jahren an einem Tag speziell für Ausländer.

"Aber Essen zeigt eben auch auf, was da in unserem Land gerade passiert. Es gibt ein ernsthaftes Problem", fährt Hayali fort. "In manchen sozialen Brennpunkten fühlt sich die angestammte, eingesessene Bevölkerung an den Rand gedrängt", als die "vernachlässigte Minderheit im 'eigenen Land'. Zurückgeschubst, weggedrängt, ignoriert. Das darf so nicht sein." Es bringe jetzt auch nichts, diesen Menschen Toleranz zu verordnen, wenn sie sich ausgeliefert und verlassen fühlten. "Da hilft auch keine Erziehungsmaßnahme oder ein moralischer Appell."

Wie erleichternd wäre es doch, ein solch differenziertes Statement von Spitzenpolitikern von SPD und CDU zu hören. Denn Flüchtlinge und Ehrenamtliche baden nun die Versäumnisse in der Sozial- und Einwanderungspolitik aus, die die Große Koalition zu verantworten hat. Merkel, die zu fast nichts eine Meinung hat, verurteilte das Verhalten der Essener Tafel. "Da sollte man nicht solche Kategorisierungen vornehmen. Das ist nicht gut", sagte sie RTL. Jedoch zeige die Entscheidung auch "den Druck, den es gibt".

Leider hat Merkel nicht erklärt, dass sie es war, die die "nicht gute" Situation maßgeblich geschaffen hat, und wie sie gedenkt, die Lage zu verbessern sowie den Druck zu mildern. Aber sie hat ja vielleicht noch dreieinhalb Jahre Zeit, mit der SPD Lösungen zu finden.

Quelle: n-tv.de

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