USA, Iran, EuropaTrump erklärt den Sieg, aber alle haben verloren - außer einem Land
Ein Kommentar von Volker Petersen
Mit großem Getöse erklärt US-Präsident Trump den Sieg über den Iran. Das dortige Regime macht das Gleiche. Die Wahrheit liegt diesmal nicht irgendwo dazwischen. Verloren haben beide. Nutznießer gibt es dennoch.
Endlich steigen die Chancen auf Frieden im Nahen Osten. US-Präsident Donald Trump macht seine Drohung nicht wahr, den Iran auszulöschen. Stattdessen sollen die Waffen für zwei Wochen schweigen. Triumphgeheul ertönt auf beiden Seiten, in Washington und in Teheran. Doch tatsächlich haben beide verloren.
Natürlich, im Iran hat das Regime Grund zur Freude. Sie haben einem wochenlangen Feuersturm der größten Militärmacht der Welt überstanden. Allein das Überleben ist ein Erfolg. So wie es der frühere US-Außenminister Henry Kissinger während des Vietnam-Kriegs über die Guerrilla gesagt hatte: "Der Guerrillakämpfer gewinnt, wenn er nicht verliert." Das Mullah-Regime im Iran ist zwar keine Guerrilla-Organisation, sondern ein Staatsapparat - dieser Krieg war dennoch so asymmetrisch, dass der Satz hier ins Schwarze trifft.
Zugleich ist die Straße von Hormus wieder offen, aber über die Zukunft muss erst noch verhandelt werden. Trump akzeptierte den Zehn-Punkte-Plan der Iraner als Verhandlungsgrundlage, obwohl der reihenweise unannehmbare Forderungen enthält - wie eben die iranische Kontrolle über die Meerenge. Selbst wenn in einem zukünftigen Abkommen die Öffnung der Straße besiegelt wird, kann der Iran sie im Ernstfall erneut schließen.
Doch nach den heftigen Angriffen Israels und der USA muss das Land mit den Folgen leben. Militärisch ist das Land geschwächt und wird vermutlich Jahre brauchen, um die Schäden zu beseitigen. Zugleich sieht sich das Terror-Regime einem Volk gegenüber, das sich in großen Teilen abgewandt hat. Das Regime bleibt moralisch diskreditiert, spätestens nachdem es Anfang des Jahres rund 30.000 Demonstranten niedergemetzelt hat. Für den Moment mag die Freude über das Überleben überwiegen. Aber wie kann ein Regime, das innen- und außenpolitisch jedes Vertrauen verspielt hat, überleben, ohne wieder in eine Gewaltspirale einzusteigen?
Das Kissinger-Zitat geht noch weiter
Aus US-Sicht fällt es noch schwerer, dem Krieg etwas Positives abzugewinnen. Eine mögliche Verzögerung des iranischen Atomwaffenprogramms kann man als Erfolg sehen. Auch wenn die Iraner nun jetzt erst recht allen Grund hätten, eine Atombombe zu bauen - als eigene Lebensversicherung. Unterm Strich ist der Iran nun geschwächt. Nur, zu welchen Kosten? Der Krieg verschlang Milliarden von Dollar, die Benzinpreise explodierten. Das dürfte Trumps Republikanern bei den Midterm-Wahlen im November schaden.
Die wahren Kosten liegen aber woanders und lassen sich nicht in Geld aufwiegen. Denn das Zitat von Kissinger geht noch weiter: „Die konventionelle Armee verliert, wenn sie nicht gewinnt.“ Und gewonnen haben die USA nicht, auch wenn Trump das noch so laut in die Welt hinausschreit. Die Öffnung der Straße von Hormus ist zweifellos ein Erfolg für den Moment. Trumps apokalyptisch-befremdliche Drohungen mit Auslöschung könnten Eindruck gemacht haben. Aber jeder sieht das Offensichtliche: Trump hat hier ein Problem gelöst, dass es ohne ihn nicht gegeben hätte.
Zum ersten Mal haben die Iraner als Reaktion auf die US-Schläge die Straße von Hormus geschlossen. Und mit ihnen hat die Welt festgestellt, wie einfach das war und wie groß die Hebelwirkung tatsächlich ist. Die gesamte Weltwirtschaft geriet ins Wanken, auch Trumps Kriegslust schwand mit jedem Tag, an dem der Benzinpreis in den Vereinigten Staaten über vier Dollar pro Gallone lag. Jeder künftige Präsident, vielleicht sogar Trump selbst, wird es sich dreimal überlegen, noch einmal den Iran derartig zu provozieren. Wie ein Kind, das einmal auf eine heiße Herdplatte gefasst hat.
Damit sind die Grenzen der Macht der Vereinigten Staaten deutlich geworden. Nachdem Russland sich in der Ukraine maßlos überschätzt hat, bekommt auch der Nimbus der US-Armee Risse. Natürlich, die Rettungsaktion des abgeschossenen Piloten war spektakulär.
Aber auch die letzte große Supermacht war nicht in der Lage, einen Regimewechsel, ein Ende des Atomprogramms oder die Freigabe von Hormus herbeizubomben. Und selbst in der Trump-Regierung ahnte man, dass Bodentruppen zu einem blutigen Abenteuer geworden wären. Jede Macht lebt aber auch und vor allem von der Drohung. Dazu gehört, sie gelegentlich wahrzumachen - das ja. Aber dann sollte man sich auch durchsetzen. Das ist hier nicht gelungen.
Geschwächte Weltmacht
Trump hat die Stellung der USA in der Welt geschwächt. Die Amerikaner waren nicht in der Lage, die verbündeten Länder im Nahen Osten zu beschützen. Trotz massiver Militärpräsenz gerieten Dubai und andere Orte unter Beschuss. Zugleich zeigte sich die Anfälligkeit der Lieferwege für Öl und Flüssiggas aufs schmerzhafteste. Teilweise lässt sich die Straße von Hormus mit Energielieferungen durch Pipelines umgehen. Für iranische Drohnen und Marschflugkörper wären aber auch die ein leichtes, weil unbewegliches Ziel.
Hinzu kommt der Ansehensverlust der USA. Am Ende hat Trump davor zurückgeschreckt, den Iran „in die Steinzeit zu bomben“. Aber schon mit der Drohung hat er eine Schwelle überschritten. Was unterscheidet die USA noch von Russlands Präsident Wladimir Putin, wenn solche Grausamkeit überhaupt erwogen wird? Daran ändert auch nichts, wenn man Trumps Vorgehen als hoch pokernde Verhandlungstaktik verharmlost. Und all das, um nur annähernd einen Status Quo ante wiederherzustellen, die Öffnung der Straße von Hormus.
Trump wird es nicht so sehen, aber auch sein Umgang mit den Europäern macht die USA schwächer. Deren weltweites Netz von Verbündeten ist ein Pfeiler ihres Weltmachtstatus. Trump behandelte die Europäer wie Vasallen, beschimpfte sie, versuchte sie in die Straße von Hormus herbeizukommandieren - ohne überhaupt die offiziellen Kanäle zu nutzen. Und er reagierte beleidigt, als die nicht spurten. Großbritannien, Spanien und Italien verweigerten schon teilweise die Nutzung gemeinsamer Militärstützpunkte. Deren Präsenz in Europa ist keine Selbstverständlichkeit.
Während Trumps Iran-Abenteuer gibt es einen lächelnden Dritten: Chinas Präsident Xi Jinping. Ein Interesse an einer Eskalation hatte er zwar vermutlich nicht - schließlich ist auch China auf Ölimporte angewiesen. Aber je mehr Munition die Amerikaner in diesem sinnfreien Krieg verschossen, desto besser könnte seine Stimmung geworden sein. Denn sollte China demnächst Taiwan annektieren, werden den USA diese Bomben, Raketen und Marschflugkörper für die Verteidigung des Inselstaats fehlen. Trump vergleicht die internationale Politik gern mit einem Kartenspiel. Er hat in den vergangenen Wochen einige seiner Trümpfe aus der Hand gegeben.