Person der Woche

Person der Woche 3,9 Millionen Dollar Kopfgeld für Salman Rushdie

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Nach dem Attentat auf Rushdie ist die westliche Intellektuellenszene schockiert. Viele Autoren und Karikaturisten haben Angst, dass auch sie ins Visier der Schergen Irans geraten, sollten sie Islamkritisches veröffentlichen. Gegen ein Klima der Furcht und Selbstzensur sollte Rushdie jetzt den Literatur-Nobelpreis bekommen

Wer Salman Rushdie umbringt, der bekommt mehr als 3,9 Millionen Dollar aus dem Iran. Das Kopfgeld ist offiziell ausgesetzt: 3,3 Millionen will die staatliche "15 Khordat Stiftung" mit Sitz in Teheran an den Mörder zahlen. Weitere 600.000 Dollar hat die halbstaatliche Nachrichtenagentur Fars ausgelobt. Unverhohlen will das iranische Mullah-Regime den britisch-indischen Schriftsteller seit 34 Jahren umbringen lassen, weil der 1988 das Buch "Die Satanischen Verse" geschrieben hat.

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Trotz Fatwa seit Jahrzehnten in der Öffentlichkeit: Autor Salman Rushdie

(Foto: picture alliance / abaca)

Die religiösen Fanatiker um den damaligen Staatschef Ajatollah Chomeini sahen ihren Religionsstifter Mohamed durch das Buch beleidigt, weshalb sie Rushdie mittels einer Fatwa am 14. Februar 1989 zum Tode verurteilten. Begründet wurde dieses Todesurteil damit, das Buch sei "gegen den Islam, den Propheten und den Koran". Chomeini rief die Muslime in aller Welt zur Vollstreckung auf.

Nun ist ein 24-jähriger Islamist im Bundesstaat New York dem Aufruf aus Teheran gefolgt, hat Rushdie mit einem Messer niedermetzeln wollen und den Schriftsteller dabei schwer verletzt. Während sich in der westlichen Welt allenthalben Entsetzen breitmachte, keimt in Teheran kaum verborgene Freude. Die regierungsnahe Zeitung "Kayhan", deren Chefredakteur von Irans Staatsoberhaupt Ali Chamenei direkt ernannt wird, kommentierte mit tausend Bravos "für die mutige und pflichtbewusste Person, die den abtrünnigen und bösen Salman Rushdie in New York angegriffen hat". Weiter hieß es: "Die Hand des Mannes, der dem Feind Gottes den Hals umgedreht hat, muss geküsst werden."

Die Zeitung "Chorasan" brachte die Schlagzeile: "Satan auf dem Weg zur Hölle". Die Nachrichtenseite "Asr Iran" veröffentlichte ein Zitat von Chamenei, in dem es heißt, der vom ehemaligen iranischen Revolutionsführer Ayatollah Ruhollah Chomeini abgeschossene "Pfeil" werde eines Tages das Ziel treffen.

Die Regierungen in den USA und Großbritannien beklagen, dass Teheran mit der Verfolgung Rushdies offenen Staatsterrorismus betreibe. Der iranische Regierungssprecher Nasser Kanaani will das allerdings nicht gelten lassen. Kanaani gibt dem verfolgten Rushdie in einer zynischen Stellungnahme selbst die Schuld: "Bei diesem Angriff ist niemand anders als Salman Rushdie und seine Unterstützer verantwortlich zu machen oder gar zu verurteilen."

Iran weist alle Schuld von sich

Indem er die heilige Sache des Islam beleidigt und damit für mehr als 1,5 Milliarden Muslime rote Linien überschritten habe, habe sich Rushdie "selbst dem Volkszorn ausgesetzt". Der Schriftsteller selbst sei für den Anschlag verantwortlich. Niemand habe daher das Recht, der Islamischen Republik Iran die Schuld zuzuweisen, so Kanaani.

Teherans Politik des religiösen Kulturkampfes folgt einem perfiden Plan. Regime- oder Religionskritiker werden nicht nur brutal verfolgt (so sind gerade mehrere Filmschaffende, darunter auch der Starregisseur Jafar Panahis verhaftet worden), sie werden auch an einen öffentlichen Pranger gestellt, um der lebenslangen und weltweiten Repression durch islamistische Fanatiker ausgesetzt zu werden. Damit soll ein weiträumiges Klima der Angst entstehen, in dem sich keiner mehr irgendeine Kritik zu äußern traut.

Islamexperten sprechen von der "Kettenreaktion des Mobs", die in Teheran gezielt angestoßen werde. So fürchten nun einige Beobachter, dass der Angriff auf Rushdie weitere religiöse Fanatiker zu Attacken anspornen könnte. Die britische Schriftstellerin und "Harry Potter"-Schöpferin J. K. Rowling ist bereits zur Zielscheibe von Bedrohungen geworden.

Von der Enthauptung des französischen Geschichtslehrers Samuel Paty bis zum Massaker an den Karikaturisten der Zeitschrift "Charlie Hebdo" reicht eine Blutspur islamistischer Angriffe auf westliche Intellektuelle. Auch der in Deutschland lebende Musiker Shahin Najafi ist mit zwei Todes-Fatwas belegt. Fürchten sollen sich auch alle, die Najafis Konzerte besuchen.

Heute hätte "keiner genug Mut" für das Buch

Derart gezielte Kettenreaktionen der Einschüchterung zeigen inzwischen Wirkung. Heute hätte "doch keiner genug Mut, um die 'Satanischen Verse' zu schreiben", glaubt der Romancier Hanif Kureishi. Und wenn doch jemand das Buch schriebe, führt die frühere Präsidentin des britischen PEN-Clubs, Lisa Appignanesi, das Argument weiter, "würde es nicht veröffentlicht".

Die Angst in Verlagen ist auch deswegen groß, weil die islamistischen Schergen Teherans ganz gezielt auch den Übersetzern Salman Rushdies nach dem Leben trachten. So ist Rushdies japanischer Übersetzer Hitoshi Igarashi 1991 in Tokio mit einem Messer ermordet worden, in Norwegen entging Verlagschef William Nygaard nur knapp einem Mordanschlag mit Schusswaffe, der italienische Übersetzer Ettore Capriolo wurde schwer verletzt, in der Türkei entging Aziz Nesin nur knapp einem Brandanschlag, der 37 unbeteiligte Menschen das Leben kostete.

In dieser Bedrohungslage scheuen immer mehr Verlage und Autoren schon in vorauseilendem Gehorsam vor Kontroversen oder kritischen Veröffentlichungen zurück. Der Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro beklagte im vergangenen Jahr ein "Klima der Angst", das Menschen daran hindere, das zu schreiben, was sie wollen. Junge Schriftsteller würden fürchten, dass ein "anonymer Lynchmob online auftaucht und ihnen das Leben zur Hölle macht". Er sagte der BBC: "Ich mache mir große Sorgen um die jüngere Generation von Schriftstellern". Der britische Publizist Kenan Malik warnt davor, dass Rushdies Verfolger den Krieg um die Meinungsfreiheit leider gewonnen hätten.

Wallraff: Dann wurde ich selbst bedroht

Auch der deutsche Publizist Günter Wallraff sieht in dem Mordversuch auf Rushdie einen Versuch, Islamkritiker generell einzuschüchtern. Es sei "widerlich", dass die iranischen Staatsmedien den mutmaßlichen Attentäter frenetisch feierten. Wallraff hatte Rushdie 1993 vorübergehend in seinem Kölner Haus versteckt. "In dieser Zeit war er bereits unter ganz akuter Gefährdung. Rund um die Uhr wurde er damals geschützt." Einige der Personenschützer seien damals sogar als Obdachlose verkleidet gewesen. Die "Satanischen Verse" seien ein großartiger satirischer Roman, über den er gerne in einer Kölner Moschee diskutiert hätte. Das sei aber nicht möglich gewesen: "Da wurde ich dann selbst bedroht, als ich das vorschlug."

Deutschlands Kulturstaatsministerin Claudia Roth bezeichnet die Attacke auf den Schriftsteller Salman Rushdie als Angriff auf die Freiheit der Literatur und die Freiheit des Denkens. Es sei vollkommen klar: "Es klebt auch dann Blut an den Händen, nicht nur des Attentäters, sondern auch und ganz besonders an denen des iranischen Regimes, das bis heute an der schrecklichen Fatwa gegen ihn festhält."

Das US-Außenministerium kritisierte das Vorgehen Irans als "empörend und widerwärtig". Ein Sprecher des britischen Premierministers Johnson bezeichnete die Schuldzuweisung aus Teheran als "abstrus". Der Anschlag auf Rushdie sei ein Angriff auf die Redefreiheit gewesen. Unter westlichen Diplomaten, aber auch in der Literaturszene kursiert nun der Vorschlag, dem Attentat auf Rushdie eine große symbolische Gegenreaktion entgegenzustellen. So schlägt der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy im "Journal du dimanche" vor, Rushdie mit dem Literatur-Nobelpreis 2022 auszuzeichnen. Das ist eine gute Idee.

Quelle: ntv.de

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