Politik
Dienstag, 10. Februar 2015

Person der Woche: Oliver Welke - Links ausgerutscht 

Von Wolfram Weimer

Die "heute show" zählte seit Langem zum Besten, was TV-Satire zu bieten hat. Doch zusehends wirkt die Sendung politisch einseitig - und leistet sich deswegen jetzt einen Skandal.

"Das hätte nie passieren dürfen": Oliver Welke gibt sich zerknirscht.
"Das hätte nie passieren dürfen": Oliver Welke gibt sich zerknirscht.(Foto: picture alliance / dpa)

Oliver Welke sieht aus wie ein teddybärhafter CDU-Kreisvorsitzender, eine bürgerliche Mischung aus Bad Oldesloe und Bad Canstatt. Er kann aber reden wie Joschka Fischer und bissig scherzen wie linke Pardonistas der Frankfurter Sponti-Szene. Welke ist vielseitig, er parliert mit Oliver Kahn norddeutsch-ernsthaft (was an sich schon eine kommunikative Leistung ist) und blödelt mit Hannelore Kraft rheinisch-lustvoll. Er kann Fußball und Fernsehpreis, Kultur und Trash, Politik und Polterei. Er spaziert durch Sprachmilieus wie andere durch die Fußgängerzone. Pointensicherheit und Unberechenbarkeit sind seine Stärke.

Und so ist Welke etwas Großes für die deutsche Fernsehkultur gelungen. Er hat die politische Comedy - früher, als es noch VW-Käfer und Helmut Kohl gab, auch "Kabarett" oder "Satire" genannt - neu erfunden. Denn just dieses Kabarett schien mausetot aus schierer Links-von-oben-Herablassung. Wenn die Generation der Dieter Hildebrandts und Georg Schramms mit ihren Rollkragenpullis der Nation die Zeigefinger erhoben und rot-pädagogische Besserwisser mimten, dann roch das für die 1989er-Generation nach 1968, nach linken Lehrern, nach Schuhen mit Kreppsohle und abgestandenem ideologischen Käse. Unlustig eben.

Ablösung der "Unteroffiziere des Kabaretts"

Olaf Schubert, Gernot Hassknecht, Oliver Welke und Martina Hill (v.l.n.r.) bei der Bambi-Verleihung 2014.
Olaf Schubert, Gernot Hassknecht, Oliver Welke und Martina Hill (v.l.n.r.) bei der Bambi-Verleihung 2014.(Foto: picture alliance / dpa)

Doch die neue Generation anspruchsvoller TV-Komödianten von Harald Schmidt über Dieter Nuhr bis Oliver Welke haben die Unteroffiziere des Kabaretts abgelöst und das Genre neu definiert, ja gerettet. Statt mit vorgeschobenen Unterkiefern des Zorns kommen sie schon mal im italienischen Anzug und Schmeichelgrinsen daher, statt Besserwisserei machen sie die Selbstzweifel zur Grundhaltung, statt links-pädagogischer Erziehungsarbeit sind sie freidenkerisch-unparteiische Narren, die allen einen Spiegel vorhalten. Jeder bekommt bei ihnen sein Fett weg, selbst die Linken und Grünen, Gewerkschaften und Greenpeace - was das alte Paternalisten-Kabarett gar nicht mehr schaffte. 

Mit seiner unberechenbaren Haltung ist die "heute show" zu einem Großerfolg des deutschen Fernsehen aufgestiegen - viel geschaut, hoch gelobt, mehrfach ausgezeichnet. Selbst im Bürgertum Bad Canstatts schaltete man fröhlich ein und lachte über die Verfehlungen des politischen Establishments. 

Welke konnte überraschen mit seinen Fundstücken, mit seinen Pointen, Sprachspielen und Rollencharaktern, aber auch mit seiner inneren Freiheit. Die Integrität des Nachrichtensprechers war sein Clownskostüm, doch er füllte es mit einer geistigen Souveränität der inneren Unbestechlichkeit. So blieb Sigmar Gabriel ebenso wenig verschont wie Rainer Brüderle. Gregor Gysi wurde verspottet wie Markus Söder. Nur in Wahlkampzeiten spürte das Publikum stärker, dass der politische Wind der Redaktion rot-grün wehte. Doch das verging, und Welke schaffte es, hernach die Fenster wieder zum allseitigen humoristischen Durchzug zu öffnen.

Aufkeimen tendenziöser Züge

Seit einiger Zeit freilich macht sich ein unangenehm tendenziöser Zug in der Sendung breit, immer nur in die gleiche politische Kerbe zu schlagen. Was bei der politischen Dauerattacke auf die FDP, auf Angela Merkel und auf die katholische Kirche noch Züge von Hassliebe in sich trug, wandelte sich bei den großen Themen der vergangenen Monate in grimmige Verbissenheit. Gegen Pegida und die AfD wurde der Humor zusehends hildebrandtesk. Die Redaktion wollte fühlbar die Demokratie retten, ihre Feinde entlarven, vorführen, demaskieren - alles gut gemeint, nur der Humor klang immer mehr nach Bundeszentrale für politische Bildung oder gar nach einem Juso-Antifa-Betroffenheitskreis. Nicht so lustig jedenfalls. Die alte Journalistenweisheit "Sich besser mit keiner Sache gemein machen, nicht einmal mit der Guten" gilt eben auch für Comedy.

In dem politischen Geifer ist nun ein Skandal passiert. Man sucht das Weltbild der AfD-Wähler zu diskreditieren mit kruden Einschätzungen einer einfältigen Frau aus Görlitz. Dumm nur, dass die Kronzeugin ausgerechnet eine Lokalpolitikerin der Linken ist, deren Äußerungen fälschlicherweise so dargestellt wurden, als sei sie früher NPD-Wählerin gewesen und sympathisiere jetzt mit der AfD. "Satire darf alles, außer lügen", schrieb daraufhin der Linken-Vorsitzender Bernd Riexinger - womit er - was selten genug vorkommt - völlig recht hat. 

Nach der offiziellen Entschuldigung des ZDF hat Moderator Welke nun selbst zur Panne Stellung bezogen. Er versprach, den Sachverhalt in der dieswöchigen Sendung am 13. Februar aufzugreifen und richtigzustellen. Der Fehler sei ihm "tatsächlich richtig peinlich" und "hätte nie passieren dürfen“. Zudem zeigte er sich besorgt, dass der Vorfall Wasser auf die Mühlen der Menschen sei, "die ohnehin davon überzeugt sind, dass die Medien notorisch lügen und manipulieren".

Da hat Welke leider recht. Die Beflissenheit, mit der die Redaktion weltanschauliche Erziehungsarbeit leisten wollte, hat nun genau das Gegenteil erreicht - ähnlich wie beim Fall des TV-Reporters, der sich inkognito als Pegida-Demonstrant mit extremen Ansichten hatte interviewen lassen.

Diese Art Medienskandale sind typisch, wenn der Schaum vor dem Mund der Empörung die eigenen Blicke vernebelt. Bei der "heute show" konnte man die steigende Schaumkrone des Geifers seit Wochen beobachten. Welke hat darum nicht nur den Schaden des Moments zu reparieren. Er wird seine Sendung vom Gaul des politischen Fahnenreiters und Volkserziehers herunter holen müssen, um die herrlichen, politischen Entlarvungs-Spaziergänge wieder zu ermöglichen. Wenn er seine Stärke der Unberechenbarkeit, der lässigen Erhabenheit über die Verfehlungen der politischen Welt verliert, dann wird die Sendung bald das Schicksal der Scheibenwischer-Anstalts-Zeigefinger ereilen und im Museum gescheiterter Links-Pädagogik enden. Wie mahnte schon Goethe? Wenn man die Absicht spürt, dann ist man verstimmt.

Quelle: n-tv.de

Themenseiten Politik