Wieduwilts Woche

Wieduwilts WocheWas Merz noch nie ausprobiert hat: Selbstironie

02.05.2026, 06:47 Uhr 20221217-Hendrik-Wieduwilt-075-highres-finalEine Kolumne von Hendrik Wieduwilt
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Am Donnerstag besuchte Friedrich Merz (zusammen mit Lars Klingbeil) den Bundeswehrstandort Munster. (Foto: picture alliance / Ulrich Baumgarten)

Friedrich Merz hat eine harte Woche hinter sich, mehr noch, in Kürze das erste Jahr als Bundeskanzler. Er wirkt zunehmend genervt vom Volk, aber das gilt auch umgekehrt: Keine Bevölkerung vor ihm hat so einen unbeliebten Kanzler ertragen müssen.

Manchmal gehen einem die Gäule durch, da sagt man Dinge, die man später bereut. So ist das mit den heißblütigen Männern, so ist das mit dem impulsiven Friedrich Merz. Das hat der Sauerländer schon bewiesen, bevor er ins Bundeskanzleramt einzog. Wie aber kann man denn die Kontrolle schriftlich verlieren?

Vor kurzem gab Merz dem "Spiegel" ein Interview und sagte darin irgendwas, jedenfalls auch dies: "Kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen". Nun sind alle 83 Millionen Deutsche zu Medienberatern mutiert und sagen, das hätte nicht passieren dürfen.

Die Folgen sind dramatisch und tragisch: Die Inhalte des Interviews werden völlig überstrahlt. Merz gilt als abgehoben, unbeherrscht und arrogant - unabhängig davon, was davon stimmt, sorgt jede Bestätigung dieser Vorurteile für enorme Aufmerksamkeit.

Merz übte Selbstkritik

Es werden seither Witze gerissen, manche nur okay (die "Titanic" legt Merz’ Zitat Hitler in den Mund), andere besser (eine Künstlerin zeigt einen zerbrochenen Stift und klagt, "Keine Künstlerin vor mir hat so etwas ertragen müssen").

Dabei hatte der Kanzler im Interview sogar etwas getan, das ihm sehr gut steht: Er übte Selbstkritik. "Epiktet hat einmal gesagt, nicht die Taten bewegen die Menschen, sondern die Worte über die Taten", zitierte er den Stoiker des alten Roms. "Ich kann da in der Tat noch besser werden." Aber das bekommt kaum noch jemand mit.

Merz ist impulsiv. Die Aussage im "Spiegel" ist in ihrer Pauschalität ("kein Kanzler"!) geradezu irre, denkt man auch nur einen Moment lang über Angriffe auf Helmut Kohl, Olaf Scholz oder Angela Merkel nach. Ob Stadtbild, Zahnarzt, Paschas: Merz ist für kühne Sätze berüchtigt.

Vermeidbares Desaster

In diesem Fall war das unglückliche Zitat allerdings ein vermeidbares Desaster. In Deutschland gilt nämlich die bizarre Sitte des "Autorisierens" - heißt: Wenn ein Zitat gedruckt wird, muss es "freigegeben" werden. Das gilt auch dann, wenn drei Journalisten unterstützt von drei iPhone-Tonaufnahmen beschwören können, dass der Satz nun einmal so und so gefallen ist.

Dabei darf man nicht nur streichen, sondern auch hinzufügen (sofern man es nicht übertreibt). Übrigens werden auch die Journalistenfragen angepasst, kluge Einwürfe hineingedichtet und so weiter. In manchen Fällen ist so ein Politikerinterview also nach der "Freigabe" praktisch nicht mehr wiederzuerkennen.

Zwei Szenarien sind daher denkbar: Wer auch immer im Team Merz das "Spiegel"-Interview "freigab", hat gepennt wie noch nie ein Kommunikationsmensch gepennt hat. Denn bei diesem Satz zuckt nun wirklich jeder zusammen - und streicht ihn ersatzlos heraus. Vielleicht gab es aber auch ein Machtgerangel. Der "Spiegel" könnte darauf bestanden haben, dass dieser Satz sehr wohl hereinkommt. In so einem Fall kann man aber in der Regel den Satz zumindest leicht entschärfen.

Social Media, ein täglich wachsendes Monster

"Kein Bundeskanzler vor mir hat so viel digitalen Gegenwind ertragen müssen" etwa wäre präziser gewesen - denn das meinte Merz, unstreitig. Das komplette Zitat lautet nämlich: "Ich bin nur gelegentlich auf Social Media unterwegs. Aber wenn Sie mal schauen, was dort über mich verbreitet wird, wie ich da angegriffen und herabgewürdigt werde - kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen."

Das dürfte sogar den Tatsachen entsprechen: Social Media ist ein täglich wachsendes Monster. Kaum jemand hätte sich darüber aufgeregt. Aber die Kanzler-Version lässt sich isolieren, sodass die Aussage pauschal gilt, nicht nur mit Blick auf X und Tiktok. So wird aus Kulturkritik mit einer Portion Selbstmitleid im Handumdrehen abstoßende Hybris. Online hat der "Spiegel" den Satz denn auch prompt als Überschrift ausgewählt.

Diese Verknappung ist eine Gemeinheit vom "Spiegel", ja - aber es ist eine vorhersehbare. Die Wehleidigkeit des Kanzlers (Olaf Scholz attestierte Merz einmal ein "Glaskinn") ist Kern des Zitats, deshalb kann man so ein Vorgehen auch durchaus für zulässig halten.

Merz könnte etwas ganz Neues probieren

Es ist in dieser Woche ohnehin nicht der einzige kommunikative Fehlschlag für den Bundeskanzler. In einem Bürgerdialog in Salzwedel kanzelte er das Publikum ab, weil es die Beamten in die Rentenversicherung zwingen wollte ("auch wenn Sie mit dem Kopf schütteln, ich werd’s nicht tun").

Am Sonntag sitzt Merz bei "Miosga". Vielleicht sollte Merz es dort mit etwas ganz Neuem probieren, einer Tonart, die man von ihm viel zu selten hört: Selbstironie.

Wie wäre etwa so ein Satz: "Ich bin ein Boomer, und ich weiß, das merkt man." Oder: "Ich bin manchmal zu direkt, deshalb hat das Internet viel Freude an mir." Merz könnte durch solche Sätze Versöhnlichkeit signalisieren.

"So kann man kein Kanzleramt führen"

Wer derlei angesichts unserer Multikrisen für eine Nebensache hält, hat nicht aufgepasst: Am Samstag monierte SPD-Fraktionschef Matthias Miersch, dass Merz zu impulsiv sei - gefolgt von einem rhetorischen Leberhaken: "So kann man eigentlich kein Kanzleramt führen."

Zweifel an der Führungsqualität von der Spitze des Koalitionspartners - das ist keine Kleinigkeit. Wenn auch diese Koalition zerbricht, haben Merz’ Impulse daran ihren Anteil.

Quelle: ntv.de

Matthias MierschFriedrich MerzSchwarz-Rot