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Baden-Württemberg"Wasenboje" - Wo das Volksfest seine Schattenseiten zeigt

24.09.2026, 04:04 Uhr
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Die "Wasenboje" auf dem Cannstatter Volksfest bietet Hilfe für Mädchen und Frauen auf dem Wasen an. Welche Fälle dort besonders häufig gemeldet werden und wie das Angebot angepasst wurde.

Stuttgart (dpa/lsw) - Nach sexuellen Belästigungen, körperlichen Übergriffen oder einem Verdacht auf K.-o.-Tropfen können Mädchen und Frauen auf dem Cannstatter Volksfest die "Wasenboje" aufsuchen. Die Anlaufstelle soll Mädchen und Frauen niedrigschwellig Hilfe anbieten - auch wenn sie keine Anzeige erstatten wollen.

"Wir gehen auch immer noch trotzdem von einem erheblichen Dunkelfeld aus auf dem Gelände, einfach weil ganz viel weder bei der Polizei noch beim DRK noch bei den Sicherheitsdiensten und noch bei uns landet", erzählt Marc Reinelt von der kommunalen Kriminalitätsprävention in Stuttgart. Der dunkelblaue Container mit neongrünem Logo spiele dennoch eine wichtige Rolle bei der 179. Auflage des "Herbst-Wasens", der vom 25. September bis zum 11. Oktober stattfindet. Letztes Jahr strömten 4,2 Millionen Besucher auf den Festplatz.

Polizei registriert vor allem sexuelle Belästigungen

Bei der Wasenwache wurden nach Auskunft der Polizei im vergangenen Jahr 19 Anzeigen wegen sexueller Belästigung erstattet. In den meisten Fällen ging es demnach um unsittliche Berührungen. Im Jahr 2024 waren es 23 Anzeigen. Zudem wurde 2025 ein Fall wegen der Verletzung des Intimbereichs durch Bildaufnahmen angezeigt, 2024 waren es laut Polizei drei.

Wie viele der Betroffenen zum Zeitpunkt eines Vorfalls alkoholisiert waren, lässt sich nach Angaben der Polizei nicht beziffern. Daten zur Alkoholisierung der weiblichen Opfer lägen nicht vor, sagte ein Polizeisprecher. Aus Erfahrung lasse sich allerdings sagen, dass mit zunehmendem Alkoholpegel auch die Hemmschwelle bei Tatverdächtigen sinken könne und Männer möglicherweise schneller Frauen unsittlich berührten.

Betrunkene Frauen sicher nach Hause bringen

Auch bei den Frauen spielt der Alkoholkonsum laut Reinelt eine große Rolle. "Vor allem Orientierungslosigkeit durch Alkoholkonsum". Wenn Frauen betrunken ankämen, würden sie versorgt. Genauso werde geschaut, dass sie sicher nach Hause kämen.

"Ich glaube, das ist tatsächlich der größte präventive Teil von der Wasenboje, dass wir Frauen "von der Straße holen" und sie nach Hause kommen." In großen Ausnahmefällen gebe es etwa Unterstützung bei einer Taxifahrt. "Wir zahlen die nie komplett, ist auch so ein Irrglaube, der sich mal festgesetzt hat", erklärt Reinelt.

"Wasenboje" sieht viele kritische Fälle

Breit ist das Spektrum der Fälle, mit denen die "Wasenboje" zu tun hat. Seit Herbst 2023 wurden dort nach Angaben von Projektleiter Reinelt rund 1.500 Mädchen und Frauen betreut. Etwa 20 bis 25 Prozent der Fälle stufte das Team als "kritisch" ein. Dazu zählen laut Reinelt sexualisierte Gewalt, der Verdacht auf K.-o.-Tropfen, akute psychische Krisen, Panikattacken und körperliche Übergriffe.

"Wir haben immer wieder das Thema K.-o.-Tropfen, das bei uns landet. Manche Frauen sind so benommen, dass ärztliche Hilfe hinzugezogen werden muss." K.-o.-Tropfen sind Substanzen, die handlungsunfähig und willenlos machen. Besonders auffällig ist laut Reinelt, dass etwa ein Viertel der als "kritisch" eingestuften Fälle minderjährige Mädchen betreffe. Die Minderjährigen müssten an ihre Eltern überstellt werden. Das sei meist sehr zeitintensiv. Pro Fest gebe es im Durchschnitt ein bis zwei Fälle mit Verdacht auf Vergewaltigung.

Die Bundesregierung will für den Einsatz von K.o.-Tropfen höhere Strafen. Wer die Mittel etwa für eine Vergewaltigung einsetzt, soll laut einem Entwurf mit mindestens fünf Jahren Freiheitsstrafe rechnen müssen. Dazu sollen die Tropfen eingestuft werden wie eine Waffe oder gefährliches Werkzeug.

Erhebliches Dunkelfeld vermutet

Reinelt geht davon aus, dass längst nicht alle Vorfälle bekanntwerden. Ein erheblicher Teil der Vorfälle auf dem Festgelände lande weder bei der Polizei noch beim Deutschen Roten Kreuz, den Sicherheitsdiensten oder der "Wasenboje".

Nach Einschätzung Reinelts ist die "Wasenboje" inzwischen bekannter, weshalb mehr Frauen das Angebot nutzen. "Wir haben nicht das Gefühl, dass das von Jahr zu Jahr schlimmer wird, sondern dass einfach mehr Frauen zu uns kommen, weil sie von dem Angebot erfahren". Ziel sei es, das Dunkelfeld weiter aufzudecken. Die Polizei vermutet, dass vor allem junge Frauen Hemmungen haben, Anzeige bei der Polizei zu erstatten.

Angebot trotz Kürzungen gesichert

Die "Wasenboje" gibt es seit 2023. Der dunkelblaue Container mit neongrünem Logo dient als Safer Space und Anlaufstelle auf dem Festgelände. Frauen und Mädchen können sich dort unter anderem nach Belästigungen, bei Orientierungslosigkeit oder nach übermäßigem Alkoholkonsum hinwenden. Das Team kann ein Taxi für eine sichere Heimfahrt organisieren oder Betroffene zur Polizei begleiten.

Das Budget wurde allerdings von 100.000 auf 80.000 Euro reduziert. Nach Angaben Reinelts mussten deshalb unter anderem die Öffnungszeiten angepasst werden. Statt um 13.00 Uhr öffnet die "Wasenboje" um 15.00 Uhr. Zusätzlich ist abends von Donnerstag bis Sonntag ein Team auf dem Festgelände unterwegs.

Quelle: dpa

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