ThüringenBlutdruckmesser im Autogurt - Firmen suchen neue Märkte

Thüringens Automobilindustrie steckt weiter im Strukturwandel. Fast alle Firmen suchen nach neuen Geschäftsfeldern. Mit dem Trend zur Digitalisierung könnte es neue regionale Schwerpunkte geben.
Erfurt (dpa/th) - Nach Einschätzung der Branchenvereinigung automotive thüringen ist der Wettbewerbs- und Kostendruck für die Autozulieferindustrie im Freistaat weiter gestiegen. Die Folge seien weitere Standortschließungen, aber auch die Suche nach neuen, profitableren Geschäftsfeldern, sagte der Geschäftsführer der Branchenvereinigung, Rico Chmelik, der Deutschen Presse-Agentur in Erfurt.
86 Prozent der Firmen hielten nach eigenen Angaben derzeit Ausschau nach neuen Geschäftsfeldern, um sich breiter aufzustellen. Im vergangenen Jahr waren es 79 Prozent, vor vier Jahren 45 Prozent. "Dieser Trend hat sich von Jahr zu Jahr verstärkt", so Chmelik. Damit verbunden sei eine mögliche Trendwende bei den Investitionsabsichten.
Neues Geschäft nicht nur bei Rüstung gesucht
Mittelfristig wollten 58 Prozent der Thüringer Unternehmen nach eigenen Angaben investieren - im vergangenen Jahr hatten nur 27 Prozent der Firmen Investitionen in Aussicht gestellt. Neue Geschäftsfelder würden vor allem in den Bereichen Militärtechnik sowie Luft- und Raumfahrt, Medizintechnik und Elektronik gesehen.
Nach Einschätzung von Chmelik verliert Deutschland, aber auch Thüringen an Bedeutung als Produktionsstandort vor allem für Teile, die mit viel Energieaufwand hergestellt werden müssen. "Die klassische Zulieferproduktion wird weiter unter Druck stehen", sagte er.
Wachstum gebe es jedoch bei datengetriebenen Produktionsmodellen und vernetzten Maschinenparks. Wachstumsfelder seien Batterien - Thüringen hat bei Arnstadt ein großes Werk des chinesischen Batterieherstellers CATL - Elektronik und Optik sowie Künstliche Intelligenz. Die Digitalisierung des Autoinnenraums sei ein großes Thema mit Chancen für Unternehmen. Als Beispiel nannte Chmelik Sensoren in Autogurten, die Vitalfunktionen wie Blutdruck oder Atemfrequenz von Insassen registrieren und anzeigen.
Regionale Wachstumskerne verschieben sich
Der Geschäftsführer der Branchenvereinigung erwartet eine "regionale Verschiebung von Wachstumszentren der Zulieferindustrie von West- nach Mittel- und Ostthüringen". Der Grund dafür sei die Elektronik- und Optikindustrie, die vor allem in Mittel- und Ostthüringen stark vertreten sei.
Die Automobilindustrie gehört trotz Umsatzeinbußen zu den größten Branchen im Freistaat mit Tausenden Arbeitsplätzen. Im vergangenen Jahr gingen die Erlöse nach Zahlen des Statistischen Landesamtes um elf Prozent zurück. In diesem Jahr belief sich der Umsatz der Unternehmen, die ausschließlich Fahrzeuge oder Fahrzeugteile herstellen, bis Ende August auf 2,2 Milliarden Euro. Das waren etwa 100 Millionen Euro weniger als im Vorjahreszeitraum, wie aus Zahlen des Landesamtes hervorgeht.
Werke in Sonneberg und Sömmerda schließen
Die Beschäftigtenzahl verringerte sich in diesem Zeitraum von etwa 12.000 auf rund 11.000. Nicht erfasst ist bei diesen Zahlen eine Vielzahl von Unternehmen, bei denen nur ein Teil ihrer Produktion für die Autoindustrie bestimmt ist.
Beispiele für Insolvenzen mit der Einstellung der Produktion sind in diesem Jahr unter andrem die Automobilzulieferer Sonnplast Solutions GmbH in Sonneberg mit zuletzt 116 Mitarbeitern und Bohai Trimet, dessen Werk mit knapp 100 Beschäftigten in Sömmerda laut Verwalter im Herbst schließt. Ein Weiterbetrieb der insolventen Sonnplast Solutions GmbH war laut Verwalter daran gescheitert, dass Investoren die bisher gemietete Betriebsimmobilie kaufen wollten, es aber keine Einigung mit dem Vermieter gab.
Wirtschaftsministerin Colette Boos-John (CDU) hat angekündigt, dass das Land den Strukturwandel, der mit dem Trend zur Elektromobilität verbunden sei, weiter unterstützt. Ziel sei es, zukunftsfähige Arbeitsplätze in Thüringer Zulieferbetrieben zu sichern oder neu zu schaffen.