Reise

Auf ein paar Tage in Leipzig Kaffeehäuser, prächtige Passagen und Bach

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Es lohnt sich auch, in den einen oder anderen Hauseingang einen Blick zu werfen, wie hier beim Zeppelinhaus in der Nikolaistraße.

(Foto: Andrea Beu)

Das Jahresende naht - was tun, wenn man noch Urlaubstage übrig hat? Eine Kurzreise im Inland bietet sich an, etwa nach Leipzig. Die Stadt ist schön übersichtlich, die meisten Attraktionen sind gut zu erschlendern. Und bei schlechtem Wetter locken die Passagen.

Was man in Leipzig unternehmen kann, wenn man nur ein paar Stunden Zeit hat, haben wir bereits beschrieben. Nikolai-, Thomas- und russisch-orthodoxe Kirche, Kuchenschlemmerei, Völkerschlachtdenkmal - das war schon ganz schön viel. Aber die Stadt bietet auch für einen mehrtägigen Kurzurlaub genug. Und auch von Vorteil: Die Innenstadt liegt kompakt und übersichtlich innerhalb des Rings, der viele Sehenswürdigkeiten einschließt. Die sind dadurch gut und gemütlich zu Fuß zu erschlendern.

Die Stadt der Kaffeehäuser

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Das im Jugendstil errichtete Riquethaus im Schuhmachergässchen entstand ab 1908.

(Foto: imago stock&people)

Apropos gemütlich: Leipzig ist reich an ebensolchen Kaffeehäusern, nicht umsonst spricht man ja auch von den "Kaffeesachsen". In der Stadt gibt es eines der ältesten Cafes Europas, "Zum Arabischen Coffee Baum", in dem seit etwa 1711 Kaffee ausgeschenkt wird.

Schon von außen architektonisch beeindruckend ist das Jugendstil-Cafe Riquet mit den großen Elefantenköpfen aus Kupfer am Eingang, dem Markenzeichen der Firma Riquet. Sie gab das Gebäude im Jahr 1908 in Auftrag. Im gesamten sehr imposanten Bau finden sich Anspielungen auf die Handelstradition der Firma mit Ostasien und dem Orient. Das Dachtürmchen etwa erinnert an die klassische chinesische Baukunst.

Die Stadt der Passagen

Auf der anderen Straßenseite liegt die älteste Ladenpassage Leipzig, Specks Hof. Sie wurde ab 1909 in mehreren Abschnitten erbaut. Mit dem letzten Erweiterungsbau von 1928/29 war Specks Hof der damals größte Messeplatz mit 10.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche.

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Specks Hof ist Leipzigs älteste erhaltene Ladenpassage.

(Foto: Andrea Beu)

Überhaupt ist Leipzig die Stadt der Ladenpassagen, die meist Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut wurden - hier kann man sich herrlich in den verschiedenen Abzweigungen und Gängen verlieren und endlos lange schlendern, bevor man wieder ans Tageslicht tritt. Vor allem bei schlechtem Wetter eine hervorragende Möglichkeit, sich angenehm die Zeit zu vertreiben.

Wohl jedem (Schul-)Kind bekannt ist die Mädler-Passage - beziehungsweise der "Auerbachs Keller" dort. Denn die zweitälteste Gaststätte Leipzigs erlangte Berühmtheit durch Goethes "Faust" mit der Szene "Auerbachs Keller in Leipzig". In der rief Mephisto aus: "O nein! Die Kraft ist schwach, allein die Lust ist groß." Heute drängen sich dort immer viele Touristen, die an dem legendären Ort ein Selfie machen wollen. Die historischen Gewölbe sind aber auch überaus prachtvoll und beeindruckend.

Die Stadt von Johann Sebastian Bach

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Das Alte Rathaus mit dem Marktplatz. Gleich daneben befindet sich die Mädler-Passage mit "Auerbachs Keller".

(Foto: imago/Christian Grube)

Eine andere Legende Leipzigs, die einem in der Stadt auf Schritt und Tritt begegnet, ist Johann Sebastian Bach. Der weltberühmte Komponist wurde zwar nicht hier geboren, er starb aber hier (am 28. Juli 1750) und der Sarkophag mit seinem Leichnam befindet sich seit 1950 in der Thomaskirche. Dort war er lange Jahre Kantor - von 1723 bis zu seinem Tod. Gleich neben der Thomaskirche ist das Bach-Museum zu finden, mit einer interaktiven Ausstellung zu seinem Leben und Werk.

Wenn man Glück hat, gibt es zu der Zeit des Besuchs gerade ein Konzert in der Thomaskirche oder ein Chor tritt auf. Mit besonders großem Glück ist es der Thomanerchor, der weltbekannte Knabenchor der Thomaskirche mit seiner über 800-jährigen Tradition. Aber auch anderen Chören lohnt es sich zu lauschen, wegen der besonderen Akustik und Geschichte des Gotteshauses.

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Bronze-Denkmal von Johann-Sebastian Bach auf dem Leipziger Thomaskirchhof vor der Thomaskirche.

(Foto: dpa)

Da es für viele Chöre eine große Ehre ist, an diesem Ort zu singen, wird ab und an an sie eine "Singeerlaubnis" vergeben. Das ist dann kein Konzert im eigentlichen Sinne, sondern die Chöre dürfen für etwa 20 Minuten a capella dort singen, es wird kein Eintrittsgeld erhoben und die Thomaskirche ist normal geöffnet - die Besucher können sich also ganz zwanglos hinsetzen, lauschen und genießen.

Gewandhaus mit größtem Deckengemälde Europas

Mit etwas mehr Aufwand verbunden, aber sehr lohnend für Liebhaber klassischer Musik ist ein Besuch im Leipziger Gewandhaus. Es hat nichts (mehr) mit Gewändern zu tun - der Name "Gewandhaus" kommt daher, weil sich an seinem ursprünglichen Ort früher ein Messehaus von Tuch- und Wollwarenhändlern befand. (Leipzig ist ja bekanntermaßen eine Messestadt mit einer 850-jährigen Messetradition.)

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Vor dem Gewandhaus auf dem Augustplatz steht der Mendebrunnen.

(Foto: imago/Schöning)

Der heutige Bau, das "Neue Gewandhaus" am Augustusplatz gegenüber dem Opernhaus, wurde 1981 fertiggestellt. Er war der erste und einzige Neubau einer reinen Konzerthalle in der DDR. (Sonst waren es immer multifunktionale Bauten, wie der Kulturpalast in Dresden oder der "Palast der Republik" in Berlin). Im Foyer kann man das größte Deckengemälde Europas bestaunen; durch die große Glasfront auch von außerhalb des Gebäudes. Das Gewandhaus-Orchester, das im nächsten Jahr 275 Jahre alt wird, besitzt einen hervorragenden Ruf und gehört zu den führenden Orchestern. Mit etwa 185 Berufsmusikern soll es das weltweit größte Berufsorchester sein.

Dutzende Museen und Galerien

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Art deco in seiner schönsten Form: Pfeilerhalle des Grassi-Museums.

(Foto: Andrea Beu)

Wem das noch nicht genug Kultur ist: Leipzig wartet natürlich auch mit hochinteressanten Museen auf; insgesamt sind es um die 50 Museen und Galerien. Ein besonders traditionsreiches und besuchenswertes ist das Grassi-Museum, das zweitälteste Kunstgewerbemuseum Deutschlands, fast in Sichtweite des Gewandhauses und nur wenige Gehminuten entfernt.

Es beherbergt gleich drei Häuser: das Museum für angewandte Kunst, das Museum für Völkerkunde und das Museum für Musikinstrumente. Das Grassi-Museum wurde zwischen 1925 und 1929 errichtet und glänzt in großen Teilen im Stil des deutschen Art déco. Neben den Dauer- gibt es ständig wechselnde Sonderausstellungen, derzeit zum Beispiel aus dem aktuellen Anlass des 500. Reformationsjubiläums "Gottes Werk und Wort vor Augen - Kunst im Kontext der Reformation". Die ständigen Ausstellungen reichen von der Zeit der Antike bis heute, wie etwa in der Schau zu Popart-Ikone Andy Warhol oder bei "Tattoo und Piercing – Die Welt unter der Haut".

Moderne Kunst in der alten Baumwollspinnerei

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Auf dem Gelände der ehemaligen Spinnerei haben sich Galerien und Künstler niedergelassen.

(Foto: Andrea Beu)

Wer sich vor allem für moderne Kunst und junge Künstler interessiert, sollte sich aufmachen zur "Spinnerei". Das Gelände der Leipziger Baumwollspinnerei liegt in Plagwitz, etwas außerhalb der Innenstadt, ist aber mit der Straßenbahn 14 oder der S-Bahn in einer kurzen Fahrt zu erreichen. Die Produktion in der einst größten Baumwollspinnerei Kontinentaleuropas wurde nach der Wiedervereinigung Deutschlands eingestellt. Heute wird das gesamte Areal genutzt als Kunstzentrum, in dem Künstler der "Neuen Leipziger Schule" und Maler-Stars wie Neo Rauch ihr Atelier haben.

Es gibt derzeit etwa einhundert Ateliers, elf Galerien, einige Werkstätten, eine Theaterspielstätte, ein großes Geschäft für Künstlerbedarf (Farben, Leinwände et cetera) und vieles mehr. Und wer nach der Erkundung hungrig oder fußlahm geworden ist, kann sich in einer gemütlichen und günstigen Gaststätte stärken.

Auf der Straßenbahnfahrt zurück in die Innenstadt taucht überraschend am Straßenrand eine IL 18 der DDR-Fluggesellschaft Interflug auf - sie steht auf dem Gelände des Da-Capo-Oldtimermuseums. Dort, in der ehemaligen Gießerei aus dem Jahr 1895, stehen etwa 50 Oldtimer aus 100 Jahren Autogeschichte.

Also - man sollte sich in der Messestadt auf keinen Fall langweilen, den Kurzurlaub kann man gut ausfüllen. Vor allem aber ist Leipzig etwas für Kunst- und Kultur-Interessierte. Oder wie es in der Szene "Auerbachs Keller in Leipzig" in "Faust I" heißt: "Mein Leipzig lob ich mir! Es ist ein klein Paris und bildet seine Leute."

Quelle: ntv.de