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Michael Eifert kämpft um WMAbsurde Wartezeit von deutscher Box-Hoffnung endet ausgerechnet in Russland

31.03.2026, 18:25 Uhr
imageVon Martin Armbruster
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Michael Eifert (r.) kämpft in Ekaterinburg um die WM-Krone im Halbschwergewicht (Foto: IMAGO/Torsten Helmke)

Seit drei Jahren wartet Boxprofi Michael Eifert auf einen WM-Kampf. Selbst für das Box-Business eine absurd lange Zeit. Jetzt bekommt der Deutsche auf fragwürdigem Terrain endlich seine Chance - gegen einen absoluten Topstar der Szene.

Michael Eifert hat Geduld bewiesen. Viel Geduld. Im März 2023 war der Deutsche als krasser Außenseiter über den Großen Teich nach Kanada geflogen, um gegen Lokalheld Jean Pascal den Herausforderer des IBF-Weltmeisters im Halbschwergewicht zu bestimmen. Eifert dominierte das Gefecht, boxte den 40-jährigen Ex-Champion über zwölf Runden souverän aus. Nach dem Schlussgong hatten die Punktrichter gar keine andere Wahl, als den Gast einstimmig zum Sieger zu küren.

Seither ist in Eiferts Boxer-Leben nichts passiert. Okay, fast nichts. Jedenfalls nicht viel. Statt als Nummer 1 der IBF-Rangliste Weltmeister Artur Beterbiev herauszufordern, verharrte Eifert 2023/24 im Wartezimmer des Boxgeschäfts, was zunächst einmal nicht unüblich ist. Schließlich gibt es im Profiboxen mit seinen vielen Verbänden und Ranglisten meistens mehr als einen, der ein Stück vom großen Kuchen will. Beterbiev, damals Weltmeister dreier Verbände, handelte Anfang 2024 zunächst die Pflichtaufgabe der Drei-Lettern-Organisation WBC ab: In seiner kanadischen Wahlheimat Quebec schlug der Russe den britischen Herausforderer Callum Smith in Runde 7 durch Technischen K.o. und stellte die Weichen für den langersehnten Superkampf im Limit bis 79,38 Kilogramm: Beterbiev, WBC/WBO/IBF-Champion, gegen WBA-Konterpart Dmitrii Bivol (ebenfalls aus Russland).

Die IBF gedachte selbstverständlich nicht, dem finanziell lukrativen Vereinigungs-Showdown um alle vier anerkannten WM-Gürtel im Wege zu stehen. Eifert schob im August 2024 deshalb einen "Stay-Busy-Kampf" gegen einen Aufbaugegner ein und wartete. Zwei Monate später trafen die russischen Halbschwergewichts-Könige in Riad aufeinander. Beterbiev gewann das hochklassige Duell über zwölf Runden knapp nach Punkten. Das Verdikt war aber umstritten und so forderte Bivol mit Promoter-Riese Eddie Hearn im Rücken sofort Revanche. Die in Sachen Pflichtherausforderer sonst relativ strikte IBF vertröstete Eifert mit dem Versprechen, gegen den Sieger ran zu dürfen. Eifert wartete weiter. Laut Medienberichten erhielt er fürs Fäuste stillhalten die durchaus branchenübliche "Step-Aside-Money", eine Art Entschädigungszahlung.

Ural statt Pyramiden von Gizeh

Bivol revanchierte sich im Februar 2025 (erneut in Riad) durch einen knappen Punktsieg gegen Beterbiev. Die IBF reagierte. Im Sommer ordnete der Verband den überfälligen Kampf gegen Eifert an. Doch die Hängepartie ging weiter. Bivol meldete sich mit einer Rückenverletzung abkömmlich. Eifert guckte erneut in die Röhre. Ende 2025 kam wieder Bewegung in die Sache, die IBF erinnerte den genesenen Bivol an seine Pflicht und setzte den Managements der Boxer eine Frist, um sich auf einen Kampftermin zu einigen. Andernfalls, so die Funktionäre, werde man die Austragungsrechte im Bieterverfahren (Purse Bid) versteigern. Weil sich die Verhandlungen zogen, verlängerte die IBF die Deadline zweimal. Jetzt scheint ein Deal zu stehen.

Wie Bivols Promoter RCC Boxing und Matchroom verkündeten, findet der Kampf am 30. Mai in Ekaterinburg in Russland statt. Vergangene Woche hatten noch Berichte die Runde gemacht, Bivol und Eifert boxten im Vorprogramm des absurden Schauspiels zwischen Schwergewichts-König Oleksandr Usyk und Kickbox-Legende Rico Verhoeven am 23. Mai an den Pyramiden von Gizeh. Nun also Ural statt Wüste.

Grundsätzlich stehe der Kampf in Russland am 30. Mai, teilte Eiferts Promoter SES aus Magdeburg auf ntv.de-Anfrage mit. Es seien aber noch Details zu klären. Eiferts Wartezeit habe inakzeptable Dimensionen für einen 28-jährigen Profisportler angenommen, der WM-Kampf sei überfällig. Das stimmt. Drei Jahre sind selbst für das zwischen halbseiden und korrupt schwingende Box-Business eine absurd lange Zeit. Allerdings ist der Schauplatz für die ersehnte Chance äußerst fragwürdig.

Russland ist seit seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine in der Sportwelt geächtet. Bei den Olympischen Spielen dürfen russische Athleten nur unter neutraler Flagge teilnehmen (was Kritiker schon als kaum hinnehmbares Zugeständnis sehen). Sogar die Boxverbände WBC und WBA hatten 2022 auf Putins Überfall mit einem kleinen Bann reagiert: Keine WM-Kämpfe in Russland, keine russischen Offiziellen bei Titelkämpfen. Es blieb nicht lange dabei. Anders als das IOC und die großen Fußball-Verbände FIFA und UEFA hat es einen Ausschluss Russlands im dezentralisierten, von Partikularinteressen gesteuerten Preisboxen nie gegeben.

Russischer Promoter lockt mit viel Geld

Hinter dem Kampf in Ekaterinburg steht der russische Promoter RCC. Für den seit Jahren in Kalifornien lebenden Bivol, von dem weder kritische noch lobende Worte über Kreml-Herrscher Wladimir Putin bekannt sind, hat die Reise in die "Hauptstadt des Ural" vor allem finanzielle Gründe. Eifert mag Pflichtherausforderer der IBF sein. Ein finanziell attraktiver Gegner, der in den USA vermarktbar wäre, ist er nicht. Hier kommt RCC ins Spiel. Die Promoter-Agentur investiert viel Geld, um große Kämpfe nach Russland zu holen und dürfte Bivol für das Heimspiel gegen Eifert eine stattliche Börse garantieren. Wenig verwunderlich, dass der 35-jährige Boxstar ein Millionen-Angebot für einen Kampf in Deutschland laut Eiferts Management abgelehnt hat.

Stattdessen muss nun Eifert nach Russland fliegen, um auf (sport-)politisch kontroversem Terrain seine Chance endlich wahrzunehmen. Kann man von einem 28-Jährigen, der seit drei Jahren auf den Kampf seines Lebens wartet, verlangen, aus moralischen Gründen auf den Russland-Trip - und damit den größten Zahltag seiner Karriere - zu verzichten?

Eifert habe die Möglichkeit, die Wartezeit mit einer "Interims-WM" zu überbrücken, ausgeschlagen, betonte sein Manager Benjamin Poelchau im Fachmagazin "BoxSport". Der Traum des Mannes aus Bautzen sei es "gegen sein Idol Bivol zu kämpfen. Um fünf Gürtel". (Bivol trägt neben den Titeln von IBF und WBA auch noch die Insignien der Box-Bibel "The Ring" und des kleineren Verbandes IBO.)

Rein sportlich wartet auf Eifert im Ural ein Mount Everest. Bivol gehört "Pound for Pound" zu den besten Boxern der Gegenwart, ist das Paradebeispiel des kalkulierenden Faustfechters, der im Ring nie Übersicht und Kontrolle verliert. Im Jahr 2022 entzauberte er in Las Vegas Superstar Canelo Alvarez über zwölf Runden. Im Revanchekampf gegen Beterbiev erreichte Bivol (24 Siege, 1 Niederlage, 12 K.-o.-Siege) dann sein lange verfolgtes Karriereziel: unumstrittener Weltmeister im Halbschwergewicht. Das ist er de facto nach wie vor, obwohl ihm der Verband WBC vergangenes Jahr seinen grün-goldenen Gürtel entzogen und den Amerikaner David Benavidez inthronisiert hat. Mit einem Sieg gegen Eifert könnte Bivol den nächsten Superkampf seiner Karriere gegen den populären und schlagstarken US-Star einläuten.

Eifert gegen Bivol krasser Außenseiter wie einst Max Schmeling

Eifert würde das nur zu gern verhindern. Ein Sieg über Bivol wäre wohl die größte deutsche Box-Sensation seit Max Schmelings Jahrhundert-Sieg gegen Faustkampf-Ikone Joe Louis 1936. Schmeling kletterte damals als 10:1-Außenseiter im New Yorker Yankee Stadium in den Ring. Eiferts Chancen im Mai stehen nicht besser. Gegen Jean Pascal hat er vor drei Jahren in Kanada sein Potenzial zwar gezeigt. Bis auf den Punktsieg gegen den alternden Ex-Champ hat Eifert (13 Siege, 1 Niederlage, 5 K.-o.-Siege) aber noch keinen Kontrahenten von internationalem Format besiegt.

Dass Bivol seit seiner Beterbiev-Gala nicht mehr geboxt hat, ist für den Underdog auch kein Vorteil. Um Eiferts Wettkampfpraxis ist es ob der ewigen Warterei sogar noch schlechter bestellt. Der wegen seiner Bombenkondition "Diesel" getaufte Linksausleger stand zuletzt im Sommer 2024 in Magdeburg gegen einen gewissen Carlos Eduardo Jimenez im Ring. Kategorie "Journeyman". Eifert brauchte zwei Runden für den Venezolaner.

"Ringrost" sagt man im Boxjargon, wenn ein Boxer sehr lange Zeit keinen Kampf mehr bestritten hat. So gesprochen ist Eifert noch eingerosteter als der im Vorjahr am Rücken operierte Weltmeister. Auch wenn der Deutsche beteuert, in Topform zu sein. "Er war viel in London, hat intensiv mit Ben Davison (früherer Trainer von Tyson Fury, d.Red.) gearbeitet und in New York mit Teddy Atlas (amerikanische Trainer-Legende und früherer Coach von Mike Tyson) trainiert", sagte Manager Poelchau. "Michael fühlt sich im besten Zustand seiner Karriere." Das beste Sparring kann einen echten Wettkampf nicht ersetzen, heißt eine alte Boxweisheit. Michael Eiferts Wartezeit ist vorbei.

Quelle: ntv.de

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