Veranstalter will "Übermenschen"Bei "Enhanced Games" sollen gedopte Schwimmer Rekorde brechen

Erlaubtes Doping, Millionenprämien und Investoren aus der Tech-Elite: Die Enhanced Games in Las Vegas geben sich futuristisch und frei. Für viele Athleten und Funktionäre sind sie vor allem eins – brandgefährlich.
"What happens in Vegas stays in Vegas" lautet das Motto des legendären Glücksspiel-Sündenpfuhls. Und mit dieser Hoffnung blickt der Weltsport auf die umstrittenen Enhanced Games am Sonntag in Nevada. Das Event, bei dem Doping ausdrücklich gewünscht ist, alarmiert auch deutsche Athleten. Zurecht: Denn die "verbesserten Spiele" sind keine plumpe Freakshow in der Wüste - sondern viel subtiler und gefährlicher.
"Wir befinden uns an einem Punkt, der für die Zukunft des Sports entscheidend ist", sagt der deutsche Topschwimmer Josha Salchow: "Diese Bewegung ist eine Schande." Die Sportwelt und die Gesellschaft seien verpflichtet, "ein Umfeld zu schaffen, in welchem diese Bewegungen keine Chance haben".
Salchow, deutscher Rekordhalter über 100 m Freistil, ist vom Geschehen in Las Vegas, wo Wettbewerbe im Schwimmen und Gewichtheben sowie in der Leichtathletik ausgetragen werden, gewissermaßen persönlich betroffen: Sein früherer Nationalteam-Kollege Marius Kusch startet als einer von zwei deutschen Sportlern. Und der 33-Jährige, der seine Karriere 2024 beendet hatte, gibt offen zu, was ihn nach Vegas bringt: für Schwimmer-Maßstäbe unglaublich viel Geld.
Eine gut bezahlte Medikamentenstudie
"Der finanzielle Aspekt spielt sicherlich eine Rolle. Es wird kompensiert, was ich mein Leben lang aufgebaut habe", sagt der Kurzbahn-WM-Dritte von 2022. Mindestens 100.000 US-Dollar Prämie kassiert Kusch, mit 25 Millionen Gesamtpreisgeld werben die Veranstalter, wer unter dem (offiziellen) Weltrekord bleibt, nimmt bis 1,25 Millionen mit. Es ist gewissermaßen eine fürstlich entlohnte Medikamentenstudie. Die Athleten nehmen seit Monaten vor Ort Mittel ein, die ansonsten im Sport geächtet sind. Steroide, Wachstumshormon, Testosteron. Entsprechend sind die rund 40 Enhanced-Athleten vornehmlich solche, die ihre Karriere weitgehend hinter sich haben und damit nicht mehr dem regulären Dopingtest-Reglement unterliegen.
13 Athleten waren noch bei den Sommerspielen 2024 in Paris am Start, Schwimmer Hunter Armstrong (25) wurde Olympiasieger mit der US-Staffel, US-Leichtathlet Fred Kerley (31) holte Sprintbronze über 100 m - und ist derzeit wegen verpasster Dopingtests regulär gesperrt.
Doping als Geschäftsmodell
Kusch, auf jüngsten Instagram-Videos weit muskulöser als zu sauberen Zeiten, verweist darauf, dass die Enhanced Games kein "Wildwest-Szenario" bieten: Gedopt wird unter ärztlicher Kontrolle ausschließlich mit Mitteln, die von den US-Kontrollbehörden zugelassen sind. Diese Mittel bieten die Enhanced Games praktischerweise als Eigenmarke auf ihrer Webseite Normalbürgern zum Fettverlust oder Lebenszeitgewinn an - die Monatsdosis Testosteron beispielsweise für 199 US-Dollar.
Denn hinter den Enhanced Games stecken keineswegs krawallige Hallodris, die auf Jahrmarktniveau Sensationsgier befriedigen wollen, sondern Männer, deren Motive eine Eugenik-Kapitalismus-Melange sind. Schöpfer der Enhanced Games ist der Australier Aron D'Souza, der als sein Lebensziel die Erschaffung einer neuen "Superhumanity", einer Übermenschlichkeit, nennt.
Zu den Investoren gehören der deutschstämmige Milliardär Peter Thiel, der dem anarchokapitalistischen, rassistisch konnotierten Paleolibertarismus anhängt, sowie Präsidentensohn Donald Trump Junior. Verbesserung des Volkskörpers und dabei Menschen im Selbstoptmierungs-Wahn Geld abknöpfen - die wahren Hintergründe der Enhanced Games sind so düster, wie sie klingen.
"Das Sportsystem muss sauber bleiben"
Die Bedrohungen auf den Weltsport sind da vergleichsweise überschaubar, werden in den Verbänden von IOC bis DOSB aber sehr ernst genommen. Und selbst Kusch stellt klar: "Das traditionelle Sportsystem muss sauber bleiben. Ich sehe die Enhanced Games als Unterhaltung, eine andere Welt mit komplett anderen Regeln." Also quasi wie Hulk Hogan oder der Undertaker im Gegensatz zum olympischen Ringen.
Weil eine Unzahl an hochgedopten Profi-Wrestlern diese Unterhaltung aber mit herben und teils letalen gesundheitlichen Folgen bezahlte, hat Kusch vorgesorgt. Wie seine Freundin bei ProSieben erzählte, hat er sein Sperma einfrieren lassen. Für den Fall, dass die Testosteronkur dafür sorgt, dass seine Zeugungsfähigkeit in Vegas bleibt.