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Eishockeyprofis als Erdbeerpflücker DEL-Klubs sparen auf Staatskosten

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Der amtierende deutsche Eishockey-Meister Eisbären Berlin zählt zu den Vereinen, die sich des Sparmodells Teilzeitvertrag nicht bedienen.

dpa

Heute startet die Deutsche Eishockey-Liga DEL in ihre 18. Spielzeit. Bis vor kurzem waren viele der rund 350 Profis noch arbeitslos gemeldet. Trotz Jahresgehältern von mehr als 100.000 Euro kassieren sie Arbeitslosengeld vom Staat, weil die Klubs sie nur neun Monate unter Vertrag nehmen. Das ist legal. Doch ist es auch moralisch vertretbar?

Was für eine Vorstellung: Der FC Bayern München nimmt seine Profi-Fußballer nur für die Dauer der Spielzeit unter Vertrag, und in der Sommerpause melden sich Nationalspieler wie Bastian Schweinsteiger oder Philipp Lahm arbeitslos und bekommen Geld vom Staat. Okay, das wird so nicht passieren. Doch in einer anderen Profisportart, in der die Akteure ebenfalls viel Geld verdienen, ist dies sehr wohl gängige Praxis: in der Deutschen Eishockey Liga (DEL), die heute in ihre 18. Spielzeit startet.

Rund 350 Eishockey-Cracks sind in den 14 Vereinen der DEL angestellt. Die meisten von ihnen erhalten von ihren Klubs Verträge mit einer Laufzeit von neun Monaten: vom Start der Vorbereitung im August bis zum Saisonende im April. Auf diese Weise wollen die Vereine ihre Personalkosten senken. Über dieses doch recht merkwürdige Angestellten-Modell berichtete das WDR-Magazin "sport inside". Wie viele der Profis sich wirklich in den Monaten Mai, Juni und Juli arbeitslos melden, ist in keiner Statistik festgehalten. "Wir wissen aber aus Agenturbefragungen, dass das offensichtlich eine gängige Praxis bei den Eishockeyvereinen ist", sagte John-Philipp Hammersen, Sprecher der Agentur für Arbeit.

Rechtmäßiger Anspruch

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Hochbezahlt, aber im Sommer arbeitslos gemeldet: Michael Wolf, Kapitän der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft.

(Foto: picture alliance / dpa)

Einer der prominentesten Nutznießer dieser Methode ist der Nationalmannschaftskapitän Michael Wolf von den Iserlohn Roosters. Wolf verdient geschätzte 200.000 Euro im Jahr. Der Durchschnittsverdienst eines DEL-Profis dürfte bei 150.000 Euro per annum liegen. Mit diesem Einkommen hat er Anspruch auf den Höchstsatz des Arbeitslosengeldes I (ALG). Der liegt für einen verheirateten Spieler mit Kind bei monatlich 2281,50 Euro. Hinzu kommen 875 Euro Renten, 460 Euro Kranken- und 57 Euro Pflegeversicherung. Das macht zusammen mehr als 3600 Euro an Kosten im Monat.

Der Agentur für Arbeit sind die Hände gebunden, da die Rechtslage eindeutig ist. "Auch Sportler haben im Falle der Arbeitslosigkeit Anspruch auf diese Leistungen", sagte Christiane Schönefeld, Chefin der Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit. Für die ist es fast unmöglich, die Spieler im Arbeitsmarkt zu vermitteln: Die Profis sind nur verpflichtet, einen Job anzunehmen, bei dem sie mehr verdienen, als ihnen die Agentur für Arbeit überweist. Solche Arbeitsstellen gibt es für Eishockey-Profis praktisch nicht.

Der Nationalspieler Wolf kann nichts Verwerfliches an dem Gebaren der Klubs finden. "Es war schon immer so mit den Neun-Monatsverträgen. Die Vereine machen es so, und wir akzeptieren es", sagte Wolf im TV-Beitrag von "sport inside". Das dürfte ihm freilich nicht allzu schwerfallen. Immerhin kassiert er neben seinem stattlichen Jahresgehalt noch extra Geld von der Agentur für Arbeit. Außerdem kann er eine Reihe von steuerlichen Ersparnissen geltend machen.

Saisonarbeiter wie Spargelstecher

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Spieler sind Saisonarbeiter wie Spargelstecher oder Erdbeerpflücker, sagt Marco Stichnoth, Geschäftsführer der Hannover Scorpions.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Marco Stichnoth, Geschäftsführer der Hannover Scorpions, nimmt die Vereine in Schutz: "Die Klubs zahlen Arbeitslosengeld ein, dann haben die deutschen Spieler auch einen Anspruch darauf. Von daher ist das völlig legitim." Die Spieler seien Saisonarbeiter, genau wie Spargelstecher oder Erdbeerpflücker. Es sei unfair, deshalb die ganze Sportart an den Pranger zu stellen. Auch gut bezahlte Schauspieler würden sich zwischen zwei Filmprojekten arbeitslos melden.

Doch auch für Stichnoth stellt sich bei Gehältern von bis zu 200.000 Euro die Frage, ob es moralisch vertretbar ist, die Leistungen der Agentur für Arbeit in Anspruch zu nehmen. "Es ist richtig, dass nur, weil das Gesetz es zulässt, das noch lange nicht heißt, dass man es auch ausnutzen muss."

"Das macht doch jeder"

Immerhin verfährt nicht jeder Verein in der DEL nach der Neun-Monats-Methode. Die Ausnahmen bilden die Adler Mannheim, der deutsche Meister Eisbären Berlin und die Krefeld Pinguine. Diese Klubs statten ihre Spieler mit ganzjährigen Verträgen aus. "Sie erfüllen für uns schließlich auch in der Sommerpause Aufgaben. Sie besuchen Autogrammstunden, machen Werbung für die neue Saison bei anderen Aktionen", sagte Krefelds Geschäftsführer Robert Haake in der "Rheinischen Post".

Der Düsseldorfer Stürmer Patrick Reimer hat sich in diesem Jahr nicht arbeitslos gemeldet, da er eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann absolviert. Früher sei er jedoch zur Agentur für Arbeit gegangen. "Das macht doch jeder. Ich kenne nur ganz wenige, die es nicht machen", sagte er. Generell müsse es jeder selbst entscheiden, ob er es mit seinem Gewissen vereinbaren könne.

Quelle: n-tv.de

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