Sport

Comeback-Queen I. von Wimbledon Das Kämpferinnenherz der Tatjana Maria

imago1012987151h.jpg

Nächster Comeback-Sieg: Maria zieht ins Halbfinale von Wimbledon ein.

(Foto: IMAGO/Hasenkopf)

Gegen alle Widerstände: Tatjana Maria legt gegen Jule Niemeier wieder einmal ein verblüffendes Comeback hin. Wie macht sie das? Die 34-Jährige steht im Halbfinale von Wimbledon, weil sie durch viele persönliche Rückschläge ein riesiges Kämpferinnenherz entwickelt hat.

Wie macht sie das nur? Tatjana Maria liegt mit einem Break zurück. Im finalen Satz des deutschen Viertelfinales von Wimbledon gegen Jule Niemeier. Es steht 2:4 aus ihrer Sicht. Doch jetzt nachlassen oder gar aufgeben? Keine Option für die 34-jährige Tennisspielerin. Maria kämpft sich zurück in den Satz. In das Viertelfinale. In das größte Tennisturnier der Welt. Wie so oft schon zuvor in dieser Auflage von Wimbledon. Am Ende steht Maria nach einem wahren Comeback-Krimi tatsächlich im Halbfinale. Eine Sensation.

Wie schon im Achtelfinale muss Maria gegen eine schlagkräftigere Spielerin ran. Wie schon im Achtelfinale, gegen die Lettin Jeļena Ostapenko, verliert sie den ersten Satz. Doch dann schlägt, im erst zweiten Aufeinandertreffen von deutschen Tennisspielerinnen im Viertelfinale auf dem Heiligen Rasen jemals, die Stunde der Comeback-Queen.

Nun ja, fast. Denn zunächst "braucht" Maria noch eine größere Hürde für ihre erneute Auferstehung und liegt im zweiten Satz nach einem Break der 22-jährigen Wimbledon-Debütantin Niemeier prompt 0:1 hinten. Aber dann: Maria gelingt direkt das Re-Break. Und nun marschiert sie. Mit ungeheurer Nervenstärke kämpft sich die 103. der Weltrangliste zu einer 4:1-Führung und schnappt sich den Satz-Ausgleich.

Wo nimmt sie diesen Glauben her?

Doch damit nicht genug. Die Stehauffrau zeigt ihre Nehmerqualitäten im dritten Satz. Mit unglaublich coolen Verteidigungsschlägen und starker Beinarbeit bearbeitet sie Niemeier so lange, bis diese Fehler macht. Aus 2:4 mach 4:4. Maria fightet und schreit. Aber auch atemberaubende Ballwechsel bietet die deutsche Partie, die Londoner Fans sind aus dem Häuschen. Vor allem die auf dem Platz so abgezockte Kämpferin und neben dem Court so offen und freundliche Maria hat es ihnen angetan.

Dass die 34-Jährige aber nach ihren vorherigen Comeback-Siegen tatsächlich gleich mehrmals wieder aufsteht und nach Satz-Rückstand gegen die leicht favorisierte Niemeier letztendlich 4:6, 6:2, 7:5 triumphiert, das lässt viele fassungslos zurück. Wie macht sie das nur? Wo nimmt sie diesen Glauben und den unbändigen Willen her, den es benötigt, um auf dieser größten aller Tennis-Bühnen zu bestehen? Wo kommt dieses Kämpferinnenherz her?

Stehauffrau. Comeback-Queen. Siegermentalität. Unglaublich viel Arbeit steckt hinter diesem Dreiklang. Das ist weder reines Glück noch pures Talent. Das ist Leiden. Schweiß. Training. Tausendfache Wiederholungen der immer gleichen Schläge. Das sind Rückschritte und anschließendes, schmerzhaftes Aufstehen. Maria lässt sich nicht unterkriegen auf dem Tenniscourt - und steht deshalb verdient im Halbfinale von Wimbledon. Vielleicht trägt sie diese mentale Toughness sogar bis ins Finale, womöglich gar zum Titel.

Aber Tatjana Maria lässt sich auch abseits des Platzes nicht unterkriegen. Widerstandsfähigkeit zeichnet ihren gesamten Lebensweg - lehrreiche Erfahrungen, aus denen sie in kniffligen Situationen in London schöpfen kann. Ihr Kämpferinnenherz wird im "wahren Leben" geformt. 2007 zieht sie sich einen Bänderriss zu, eigentlich eine normale Sportlerverletzung. Aber die Tennisspielerin wird falsch behandelt, es bildet sich eine Thrombose im Bein. Doch sie kämpft sich zurück und steht in der anschließenden Saison wieder auf dem Court. Doch plötzlich spürt sie Schmerzen im Oberkörper, bekommt schlecht Luft und kann nur noch im Sitzen schlafen. Die Diagnose lautet: Lungenembolie.

Mental und körperlich am Boden

Die damals 20-Jährige schwebt in Lebensgefahr, muss eine Woche im Krankenhaus verbringen. Aber nachlassen oder gar aufgeben? Keine Option. Besonders Marias Vater steht ihr zur Seite. Und tatsächlich kämpft sie sich ein halbes Jahr später schon zurück auf die Tour. Doch es folgt der nächste Rückschlag, denn ihr Vater erliegt seinem ganz eigenen Kampf und stirbt an Krebs.

Anschließend funktioniert Maria körperlich zwar, spielt sogar großartiges Tennis, findet aber keine Zeit, um den Verlust zu verarbeiten. Bis sie 2009 komplett zusammenbricht und mental und körperlich nicht mehr weiterkann. Zwar fällt die Tennisspielerin sogar aus den 200 der Weltrangliste, doch natürlich lässt sie sich auch von diesem Schicksalsschlag nicht kleinkriegen. Findet stattdessen erst ihren Ehemann und Trainer, Charles-Edouard Maria - und dann den Weg zurück in die Erfolgsspur. Comeback-Queen eben.

Nach der Geburt ihres ersten Kindes schreiben viele im Tenniszirkus Maria ab. Wie schwer das zermürbende Tour-Leben nach einer Geburt und mit Kindern ist, zeigen die Comeback-Versuche der großen Serena Williams. Doch die Immer-Wieder-Aufsteherin kämpft weiter und hält sich auf der Tour. Vor 15 Monaten bekommt sie ihre zweite Tochter. Wieder verliert Maria ihren Glauben und ihre Mentalität nicht. Obwohl es auf der Tour Müttern alles andere als leicht gemacht wird: Kinderbetreuung gibt es nur bei Grand-Slam-Turnieren und schwangere Spielerinnen gelten als "verletzt".

Nerven mit Vorhand-Slice

Dass sie jetzt schon beinahe nach der Wimbledon-Trophäe greifen kann, grenzt an Wahnsinn. Für das britische Boulevardblatt "Daily Mail" ist die Geschichte der 34-Jährigen schon jetzt die "Story des Turniers". Es stelle sich heraus, so die Zeitung mit einer Anspielung auf Williams, die in der ersten Runde sensationell scheiterte, "dass doch noch eine ältere Mutter die Geschichte dieser Championships sein könnte".

Tatjana Maria kämpft gegen alle Widerstände. Und wie. Die Comeback-Queen macht dabei auch ihrem Spitznamen eine doppeldeutige Ehre und holt das gute alte Chip-and-Charge der 80er- oder 90er-Jahre zurück. Also die Slice-Vorhand als Angriffsball und dann ab ans Netz. Mit diesem eigentlich aus der Mode gekommenen Schlag, dem vielleicht ekligsten im Damentennis derzeit, nervt Maria ihre Gegnerinnen auf dem Heiligen Rasen genauso wie mit ihren Wiederaufstehqualitäten.

Den Glauben an sich und das eigene Können verlieren, steht dabei nicht auf dem Plan. Zwar gibt es beim Londoner Turnier diesmal keine Weltranglistenpunkte, doch ihre enorme Kämpfermentalität könnte Maria in diesem Jahr noch weit tragen. Gegen alle Widerstände, die auch kommen mögen. Und wer weiß, vielleicht denken nach dem Halbfinale und dem Finale in Wimbledon wieder alle Tennis-Fans: Wie macht sie das nur?

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen