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Denkwürdige "Hölle" Paris-RoubaixTadej Pogacar verzweifelt an "Spaghetti-Beinen" und Eier-Fahrrad

13.04.2026, 07:20 Uhr
Belgium-s-Wout-van-Aert-crosses-the-finish-line-ahead-of-Tadej-Pogacar-of-Slovenia-left-to-win-the-Paris-Roubaix-cycling-race-in-Roubaix-France-Sunday-April-12-2026-Van-Aert-pointed-his-finger-skywards-to-commemorate-Belgian-cyclist-Michael-Goolaerts-who-died-after-crashing-in-the-race-in-2018
Ein seltenes Bild: Tadej Pogacar (l.) wird geschlagen, dieses Mal von Wout van Aert. (Foto: AP)

Drei Radwechsel und Beine wie Spaghetti: Tadej Pogacar verpasst den Sieg bei Paris - Roubaix, seinem letzten noch fehlenden Monument. Wann er in die "Hölle des Nordens" zurückkehrt, ist unklar. Aber sicher ist: Er wird es tun.

Wout van Aert reckte den Zeigefinger der rechten Hand in die Höhe. Es war Zeichen des Triumphs, aber noch mehr Zeichen zum Gruß, zum Gedenken. Im Moment eines seiner größten Siege dachte der Radsport-Superstar an seinen verstorbenen Teamkollegen Michael Goolaerts. Der hatte 2018 während des legendären Frühjahrsklassikers Paris - Roubaix einen Herzstillstand erlitten. Er stürzte und starb im Krankenhaus. "Das bedeutet mir alles, es war mein großes Ziel seit meinem ersten Start 2018", sagte der tief bewegte Triumphator, der kurz nach der Zieldurchfahrt auf dem Boden zusammensackte, von den Emotionen völlig übermannt. Goolaerts und van Aert waren damals gemeinsam im Team Vérandas Willems-Crelan unterwegs.

Mittlerweile fährt der 31-Jährige für das Superteam Visma-Lease a bike. Und krönte sich an diesem Sonntag mit seinem Sieg in der chaotischen "Hölle des Nordens" zum Klassikerkönig. In einem spektakulären Rennen lieferte er sich einen mitreißenden Showdown mit Gigant Tadej Pogacar und nahm den Slowenen auf den letzten Metern auseinander. Was für eine Leistung gegen Pogacar, der besessen davon war, sich auch noch das letzte ihm fehlende Radsport-Monument unter den Nagel zu reißen.

Drama um Mitfavorit van der Poel

Sie donnerten über das brutale Kopfsteinpflaster, attackierten und verbrüderten sich. Van Aert und Pogacar machten gemeinsame Sache, um ihre Verfolger auf Distanz zu halten. Besonders Mitfavorit Mathieu van der Poel, den Pechvogel: Plattfuß, Radtausch, Probleme mit dem neuen Bike, nächster Tausch - und mehr als zwei Minuten Rückstand. Der Niederländer rauschte danach zwar wie von Sinnen durchs Feld, kämpfte sich noch einmal auf knapp 20 Sekunden ran, war aber chancenlos. Er hatte keine Körner mehr.

Die gingen auch Pogacar auf den letzten Metern aus. Van Aert hatte den 27-Jährigen brillant ausgekontert. Nachdem sie lange gemeinsam für den Showdown gearbeitet hatten, ließ sich der Belgier bei der Einfahrt ins legendäre Velodrome in den Schatten zurückfallen. Er arbeitete sich dabei die bessere Position, wie das bei Bahnradfahrern so üblich ist. Er lauerte hinter Pogacar und schoss plötzlich los. Im Sprint war er nicht mehr zu halten. Auch weil Pogacar nach dem Ritt durch die "Hölle" fix und fertig war.

Pogacar eiert auf neutralem Rad hinterher

Denn auch ihn hatte das Pech in diesem denkwürdigen Rennen erfasst: 120 Kilometer vor dem Ziel erlitt er im Kopfsteinsektor einen Materialschaden. Der eigene Servicewagen war weit weg, konnte auf dem engen Pavé nicht schnell heranfahren. Pogacar eierte auf neutralem, unpassendem Rad hinterher, kassierte Rückstand. Van der Poels Alpecin-Team fuhr an der Spitze Tempo, aber nicht konsequent genug, um den Slowenen nachhaltig abzuhängen. Gemeinsam mit seiner ackernden Crew flog er wieder heran. Vor der Einfahrt in den berüchtigten Wald von Arenberg 95 Kilometer vor dem Ziel war er zurück an der Spitze.

Doch damit nicht genug Drama: Wieder Defekt bei Pogacar, 72 Kilometer vor dem Ziel wechselte er erneut das Rad und musste wie der ebenfalls stark gebeutelte van Aert wieder aufschließen. Kurz vor der 50-Kilometer-Marke war van der Poel dann bis auf 20 Sekunden dran. Pogacar reagierte, attackierte. Sein belgischer Rivale flog erst mit und dann vorbei. Van Aert gehört seit Jahren zu den besten Klassikerfahrern der Welt. Er triumphierte unter anderem schon bei Mailand - Sanremo und holte zehn Tour-Etappen. Dann folgte eine Phase mit vielen schweren Stürzen und nun die Befreiung, die Krönung.

"Meine Beine waren wie Spaghetti"

Und so gab es auch ehrliche Gratulationen vom Rivalen. "Ich freue mich für Wout. Ich denke, er hat sich den Sieg verdient", sagte Pogacar. Es waren große Worte des Geschlagenen, der am nächsten bedeutenden Meilenstein seiner Karriere gescheitert war. Mit einem Triumph bei der Königin der Klassiker hätte Pogacar bei allen fünf bedeutenden Eintagesrennen - den fünf Monumenten - mindestens einen Sieg bejubelt. Das schafften vor dem Slowenen nur die drei Belgier Eddy Merckx, Roger De Vlaeminck und Rik Van Looy. Und er hatte alles versucht, aber der Körper gab auf den letzten Metern nichts mehr gegen den zähen Kontrahenten.

Seinen Widersacher loszuwerden, sei eine "Mission Impossible", eine unmögliche Mission, gewesen, gestand Pogacar. "Es sollte einfach nicht sein, dass ich ihn abschütteln konnte. Und im Sprint war er einfach viel schneller", sagte er. "Ich hatte noch Hoffnung auf den Sprint, aber meine Beine waren wie Spaghetti." In einem so chaotischen Rennen, befand er, "habe ich mich ziemlich gut geschlagen, habe mein Bestes gegeben und bereue auf keinen Fall etwas". Zweimal ist er in der "Hölle des Nordens" nun Zweiter geworden. Der Traum vom letzten Monument bleibt erfüllt, aber lebendig: "Vielleicht nicht nächstes Jahr, aber vielleicht doch. Ich habe noch einige Jahre in meiner Karriere vor mir. Also werde ich versuchen, zurückzukommen und es noch einmal zu versuchen."

Quelle: ntv.de, tno