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Die neuen Superspreader der USA? Die gefährliche Covid-19-Ignoranz der MLB

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Die MLB zieht ihren Plan durch - Covid19 zum Trotz.

(Foto: imago images/UPI Photo)

Die Major League Baseball beginnt heute als erste der vier großen US-Sportligen mit ihrer Saison - trotz anhaltend hoher Corona-Zahlen. Es wird die kürzeste Spielzeit seit 1878. Und vielleicht sogar eine, die nicht beendet werden kann - oder zum Desaster wird.

Die Major League Baseball ist für gewöhnlich eine Liga, deren Fans es gewohnt sind, geduldig zu sein. Ruhig zu bleiben und nicht überzureagieren, wenn mal drei, vier oder auch fünf Spiele nacheinander verloren werden. Die Saison ist schließlich lang. Allein die Vorrunde umfasst von Ende März bis weit in den September hinein 162 Partien pro Team. Und erst dann beginnt mit den Playoffs die entscheidende Phase im Kampf um den Titel.

Nun ist im Jahr 2020 durch die Coronavirus-Pandemie bekanntlich nahezu nichts mehr so, wie es mal gewesen ist. Das trifft auch auf die MLB zu. Die startet mit viermonatiger Verspätung in ihre Saison. Vor vier Wochen konnten sich Team-Eigner und Spielergewerkschaft nach langen, zähen Verhandlungen doch noch einigen. Das Ergebnis ist eine Saison mit 60 Vorrundenpartien - und somit die kürzeste Spielzeit seit 1878. "Der MLB-Marathon ist ein Sprint geworden", schrieb die "New York Times". ESPN sprach von der "seltsamsten Saison der Liga-Geschichte."

Nun wird vor dem Saisonstart natürlich immer die Frage gestellt, wer denn wohl Ende Oktober Meister werden könnte? Doch diesmal ist viel interessanter, ob die MLB überhaupt so lange spielen wird? Denn sie geht nicht den Weg der Basketball-Liga NBA, die 22 Teams in einer Blase in Orlando von der Außenwelt abschottet und so bis zum Oktober die Saison zu Ende bringen will. Auch das Konzept der Eishockey-Liga NHL, die ihre Spielzeit mit den Playoffs - und ebenfalls isoliert - in Toronto und Edmonton fortsetzt, kommt für die Baseballer nicht infrage.

Keine Blase, auch keine Bläschen

Die Catcher und Pitcher halten nichts von Zentralisierung. Sie kreieren keine Blase - und auch keine Bläschen, sondern tun so, als gäbe es dieses Covid-19 scheinbar gar nicht. Die 30 Vereine tragen die Spiele - ohne Zuschauer - in ihren heimischen Ballparks aus. Quer übers Land. In 28 Städten. Im globalen Corona-Hotspot USA, wo es mehr als vier Millionen Fälle und rund 140.000 Tote gibt. Ein Vorhaben, das ebenso heroisch wie hanebüchen anmutet. Zumal Spieler, Trainer und Teambetreuer nicht isoliert werden, sondern zu Hause wohnen. ESPN formuliert die Voraussetzungen so: "Baseball trinkt einen verwirrenden Cocktail aus Ungewissheit, Skepsis und Hoffnung."

Neel Ghandi, Epidemiologe der Emory-Universität in Atlanta, befürchtet, dass die Teams zu "Corona-Überträgern", sogenannten "Superspreadern" werden könnten. Ashish Jha, Direktor des Harvard Global Health Institute, spricht im "Wall Street Journal" von einer "riesigen Herausforderung". Jha schaut besonders besorgt auf Bundesstaaten wie Arizona, Kalifornien, Florida, Texas und Georgia, in denen die Zahlen der Neu-Infektionen am höchsten sind. Elf der 30 MLB-Klubs sind in diesen Bundesstaaten beheimatet. "In diesem Zusammenhang ist es egal, wie bombensicher dein interner Plan ist. Es wird sehr schwer sein, ihn durchzusetzen", so Jha.

Komplizierte Coronatests

Es wird vor allem auf die Disziplin der Beteiligten ankommen. Baseball ist nicht so sehr ein Kontaktsport wie Basketball oder Eishockey. Dafür sitzen beim Baseball mehr als 30 Spieler in einer Kabine. Hochgerechnet auf alle Teams macht das rund 1000 Profis. Und die werden in den kommenden Wochen von Ballpark zu Ballpark reisen. Mitunter in Corona-Hotspots und anschließend wieder nach Hause.

Wie auch in den anderen Ligen werden die Corona-Tests essenziell sein. Im Gegensatz zur NBA, die in ihrer Basketball-Blase täglich testet und seit dem 13. Juli keinen positiven Fall mehr hatte, ist das mit den Covid-19-Proben in der MLB etwas komplizierter und lückenhafter. Getestet wird alle zwei Tage, für gewöhnlich um die Mittagszeit. Allerdings dauert es dann bis ca. 23 Uhr des nächsten Tages, ehe aus dem Labor im Bundesstaat Utah das Ergebnis bekannt wird. Und in dieser Zwischenzeit könnte ein mit dem Virus infizierter Spieler oder Trainer andere anstecken, ohne es zu wissen. Seit Ende Juni hat die MLB insgesamt 10548 Tests durchgeführt - 93 waren positiv. Die letzte Untersuchung vor dem heutigen Opening war am 17. Juli und ergab sechs Corona-Fälle.

Viele Fragen, keine Antworten

Was passiert, wenn ein Spieler positiv getestet wird? Oder gleich mehrere Profis? Aufgrund des eingesteckten Spielplans bleibt kaum Platz, großartig Partien nachzuholen. Und wie groß ist das Verhältnis zwischen Risiko und Belohnung eigentlich? Fragen, auf die die Verantwortlichen derzeit noch keine Antworten haben.

Und dann gibt es auch noch den Fall der Toronto Blue Jays. Kanadas einziges MLB-Team darf nicht in Kanada spielen. Das hat die Regierung in Ottawa entschieden. "Die grenzüberschreitenden Reisen, die in der MLB-Vorrunde erforderlich sind, würden die Gesundheit und Sicherheit unserer Einwohner gefährden", hieß es in einem Schreiben von Marco Mendicino, der in der kanadischen Regierung für die Einwanderung zuständig ist. Kanada habe, so Mendicino weiter, vor allem durch die Aufopferung seiner Landsleute, die Corona-Kurve abflachen können.

Kurzum: Kanada hat keine Lust, die Ergebnisse der vergangenen Monate leichtfertig aufs Spiel zu setzen, in dem man die Blue Jays sowie Mannschaften auf den USA ein - und ausreisen lässt. Die Blue Jays starten morgen bei den Tampa Bay Rays in die Saison. Das erste "Heimspiel" gibt es am 29. Juli gegen Washington. Wo? Irgendwo in den USA. Wo genau? Das ist derzeit noch unklar und eine weitere von so vielen ungeklärten Fragen zum Auftakt dieser ungewöhnlichen MLB-Saison 2020.

Quelle: ntv.de