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Riskanter Neustart trotz Corona NBA reist zum "schlimmsten Ort der Welt"

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Hoffentlich endet der NBA-Restart nicht als Albtraum.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Vor einigen Wochen klingt der Plan, die am 11. März unterbrochene Saison der NBA in Florida fortzusetzen, noch gut. Doch mittlerweile ist der Sunshine State zum Corona-Epizentrum in den USA geworden. Die Basketball-Liga aber hält an ihren Plänen fest.

Charles Barkley muss nicht näher erklärt werden. Sein Name steht für Basketball. Die Älteren dürften sich an den Power Forward erinnern, der sich in den Achtzigern und Neunzigern unter den Körben der NBA immer den nötigen Raum verschaffte, indem er seinen, wie er einst selbst meinte, "dicken Hintern" geschickt einsetzte. Die Jüngeren kennen den mittlerweile 57-Jährigen und um einige Kilo runder gewordenen "Chuckster" als Experte des US-Fernsehsenders TNT.

Und als eben solcher soll Barkley ab Ende des Monats den Neustart der NBA in Orlando begleiten. Allerdings hat er - und nicht nur er - aufgrund der rapide steigenden Covid-19-Zahlen in den USA große Zweifel. "Ich denke, wir haben keine Chance, diese Saison zu Ende zu bringen. So wie die Zahlen derzeit in die Höhe gehen - Florida ist der schlimmste Ort auf der ganzen Welt - und wir bringen 22 NBA-Teams in diesen Hotspot", betonte Barkley am Donnerstag in einer Video-Runde mit seinen TNT-Kollegen Kenny Smith und Ernie Johnson.

Florida hat sich zum Epizentrum der Pandemie entwickelt. Allein in den vergangenen beiden Tagen gab es knapp 20.000 neue Fälle. Das ist rund ein Zehntel der Gesamtzahl Deutschlands seit Beginn der Pandemie. Allerdings hat Florida nur ein Viertel so viele Einwohner. In Miami ließ der Bürgermeister für dieses Wochenende Strände und Bars schließen - und verhängte zudem eine nächtliche Ausgangssperre. Ausgerechnet jetzt, zum 4. Juli, dem Nationalfeiertag der USA.

Basketballer spielen in einer eigenen Welt

Und ausgerechnet jetzt packt die NBA ihre Koffer Richtung Florida. Ab Dienstag sollen die ersten der 22 Teams im Wide World of Sports-Komplex in Orlando eintreffen. "Vor einem Monat oder zwei Monaten klang das noch gut. Aber jetzt, da wir auf dem Sprung sind, nicht mehr so sehr", meinte Fred VanVleet von Meister Toronto Raptors. Dr. Anthony Fauci, einer der führenden Gesundheitsexperten der USA, hatte den Plan 13. Juni noch als "sehr kreativ" gelobt. Liga-Commissioner Adam Silver betonte jetzt, dass man bei der Erstellung des 113 Seiten umfassenden Hygienekonzepts Anfang Juni "einen derartigen Anstieg nicht gesehen" habe.

Die Basketballer wohnen und spielen in Orlando in ihrer ganz eigenen Welt. Sie kreieren sich eine Blase, in die ohne Kontrolle niemand hineinkommt. 22 Mannschaften verteilt auf drei Resorts, sieben Trainingshallen und drei Arenen für die am 30. Juli beginnenden Spiele. Verpflegung, medizinische Betreuung, tägliche Covid-Tests, Transport und Unterhaltung der rund 1500 Leute - für alles ist gesorgt. Laut ESPN betragen die Kosten "mehr als 150 Millionen Dollar."

"Volle Kraft voraus, egal, was kommt"

Allerdings weist das Konzept auch Lücken auf. So sollen die Bediensteten, die die NBA-Stars bekochen und bewirten, ihre Zimmer in Ordnung bringen und für den korrekten Chlorgehalt im Pool sorgen, nicht regelmäßig getestet werden. Silver ist dennoch "absolut überzeugt", dass es "auf dem Campus sicherer ist, als außerhalb." Und deshalb meinte er gegenüber dem Magazin "Time" vor wenigen Tagen: "Volle Kraft voraus, egal, was kommt." Das klang wuchtig und hatte durchaus etwas von einem LeBron-James-Slamdunk. Doch Silver machte auch klar: "Wir haben keine genaue Zahl im Kopf. Aber wenn die Fälle zu sehr steigen und sich bei uns ausbreiten sollten, wäre das natürlich auch ein Grund, die Saison zu stoppen. Du kannst vor diesem Virus nicht davonlaufen."

Zumal das Virus die NBA schon erreicht hat. Seit anderthalb Wochen werden die Spieler getestet. Von 302 Profis waren 16 positiv. Die Denver Nuggets und die Brooklyn Nets mussten nach Covid-Fällen ihre Trainingshallen sogar schließen. Brooklyns DeAndre Jordan teilte nach seinem positiven Test mit, dass er nicht nach Orlando reisen werde. Sein Teamkollege Spencer Dinwiddie, ebenfalls infiziert, überlegt noch. Andere Akteure wie Davis Bertans (Washington), Avery Bradley (L.A. Lakers) und Trevor Ariza (Portland) haben bereits aus unterschiedlichen Gründen abgesagt. Bertans beispielsweise hält das Risiko für zu hoch, sich in den ausstehenden acht Spielen der Punkterunde zu verletzten. Der Vertrag des Litauers endet nach der Saison. Bertans steht bei einigen Vereinen auf der Wunschliste und kann dementsprechend viel Geld verdienen. Diese Aussicht will er nicht gefährden. Zumal Washington keine Titelchancen hat.

"Unmöglich ohne Ausbruch des Virus zu haben"

Es muss ohnehin gefragt werden, welchen sportlichen Wert dieser Neustart wohl haben wird? Was passiert, wenn einem Team gleich mehrere Spieler wegen Covid-19-Fällen ausfallen? Oder wenn eine Mannschaft bereits geschwächt anreist, weil sich Profis weigern, das Wagnis Orlando einzugehen? Und ob sich junge Männer zwischen 20 und 30 Jahren tatsächlich bis zu drei Monate daran halten werden, die Blase kein einziges Mal zu verlassen und den Verlockungen außerhalb zu widerstehen?

"Ich denke, es ist unmöglich, dass wir dort drei Monate spielen werden, ohne einen Ausbruch des Virus zu haben", sagt Barkley. Unterstützung bekommt er von namhaften Zeitungen des Landes. "Die baldige Rückkehr des Sports wirkt wie Irgendetwas zwischen unwahrscheinlich und unverantwortlich", hieß es in der "Washington Post". Die "New York Times" titelte in dieser Woche: "Der Basketball beginnt, aber das Virus ist noch da." Es wirkt irgendwie alles wie die typisch amerikanische Ansicht, dass auf dieser Seite des Atlantiks eben alles größer, schöner, besser und vor allem spektakulärer gemacht werden muss als im Rest der Welt. Der Eifer ist größer als die Einsicht. Mal wieder.

Einen kleinen Vorgeschmack auf das, was die NBA in Zentral-Florida erwartet, gibt bereits die Major League Soccer. Die nimmt am 8. Juli ihren Spielbetrieb wieder auf. Ebenfalls im Wide-World-of-Sports-Komplex in Orlando. Alle 26 Teams sind schon vor Ort. Sie wurden extra von der MLS mit Charterflügen dorthin gebracht, um sie so vor einer möglichen Ansteckung mit anderen Passagieren zu schützen. Die Fußballer wohnen ebenfalls in einer abgeschirmten Blase. Und dennoch gibt es im Sunshine State bereits einen ersten Schatten. Sechs Spieler des FC Dallas wurden nach ihrer Ankunft in Orlando positiv getestet. Beim Abflug vor einer Woche waren sie noch negativ gewesen.

Quelle: ntv.de