Sport

BRD förderte Betrug im Spitzensport Dopen gegen den Klassenfeind

Nicht nur die DDR, auch die Bundesrepublik verfügte über ein staatlich gefördertes Dopingsystem im Spitzensport. Nun untermauern Wissenschaftler diese Erkenntnis mit neuen Fakten. Das Bundesinstitut für Sportwissenschaft habe Forschungen mit Anabolika und Testosteron koordiniert. Auch mit Luft im Darm von Schwimmern wurde manipuliert.

Doping.jpg

"Forschungen mit Anabolika, Testosteron und anderen für Dopingzwecke geeigneten Substanzen."

(Foto: picture alliance / dpa)

Kein per Staatsplan verordnetes Dopingsystem, aber umfangreiche Manipulationen, kontrolliert und initiiert von namhaften Medizinern und gebilligt durch die Politik: Nicht nur in der DDR, sondern auch in der Bundesrepublik hat es vor dem Mauerfall ein staatlich gefördertes Dopingsystem im Spitzensport gegeben. Diesen Verdacht, für den es seit Jahrzehnten konkrete Hinweise gibt, stützen nun Wissenschaftler aus Berlin und Münster. Sie forschen seit 2009 im Auftrag des Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISp) zum Thema "Doping in Deutschland" und haben in Berlin weitere Zwischenergebnisse des dreijährigen Projekts vorgestellt.

Zentrale Ergebnisse: Vor allem in den 1970er und 80er Jahren wurde auch in der Bundesrepublik Dopingforschung mit Staatsgeldern finanziert. Forschungsergebnisse, die körperschädigende Wirkungen von anabolen Steroiden belegten, wurden deshalb unterdrückt. "Man kann von einer staatlich subventionierten Anabolika-Forschung sprechen. Als Begründung wurde oft herangezogen, dass man mit der DDR sportlich auf Augenhöhe sein wollte", sagte Professor Giselher Spitzer von der Berliner Humboldt-Universität, die gemeinsam mit Forschern der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster die westdeutsche Dopingvergangenheit aufarbeitet. Die Ergebnisse für die Zeit von 1950 bis 1968 wurde im Oktober 2010 vorgestellt.

Staat als Hauptfinanzier des Spitzensports

Während sich die Berliner Forscher auf die Stationen des Dopings in Deutschland konzentrieren, liegt der Fokus in Münster auf der Reflexion des Dopings in den Medien und dem Verhältnis von Staat und Sport. Die 1970er Jahre stellen in diesem Punkt eine Zäsur dar, stellte Prof. Michael Krüger aus Münster klar. Vor den Olympischen Sommerspielen 1972 in München fand in der BRD eine Abkehr vom autonom geführten Sport statt. Der Staat wurde zum maßgeblichen Akteur und Hauptfinanzier des Spitzensports.

Maßgeblich für die Entwicklung des laut Spitzer systemischen, also politisch nicht verhinderten Dopings in der BRD war die Entscheidung, die Vergabe öffentlicher Mittel an das Kriterium der "Endkampfchance" bei internationalen Großereignissen zu knüpfen. Das Dilemma, dass westdeutsche Athleten mit gedopten Sportlern aus dem Ausland konkurrieren sollten, ließ sich letztlich nur durch eigenes Doping lösen. Versuche, die Leistungsfähigkeit der eigenen Sportler durch nicht explizit verbotene und damit implizit genehmigte Verfahren zu erhöhen, blieben erfolglos – beispielsweise der Versuch, die Wasserlage von Schwimmern durch in den Darm gepumpte Luft zu verbessern.

"Wir können mit Dokumenten belegen, dass an strategischen Planungen im Forschungsbereich auch Vertreter der Sportabteilung des BMI teilgenommen haben", sagte Spitzer in Berlin. Die Studie stützt sich auf zahlreiche Archivdokumente und Aussagen von Zeitzeugen.

Unrühmliche Rolle im westdeutschen Dopingsystem

Für das BISp, den Auftraggeber der Studie, sind die nun vorgestellten Ergebnisse äußerst unangenehm, weisen sie dem Institut doch eine unrühmliche Rolle im westdeutschen Dopingsystem zu. Das 1970 gegründete Institut habe damals die "Forschungen mit Anabolika, Testosteron und anderen für Dopingzwecke geeigneten Substanzen" koordiniert, stellte Spitzer fest. Zudem wurden Forschungsergebnisse zurückgehalten, die für eine frühzeitige Entwicklung eines aktiven Anti-Doping-Kampfes prädestiniert gewesen wären.

Doping2.jpg

(Foto: picture alliance / dpa)

"Das für uns als Forschungsgruppe Erschütterndste war, dass man in der Anfangsphase der Anabolika-Forschung die Gesundheitsschäden für den Mann zweifelsfrei festgestellt hat", erklärte der Professor. Die Erkenntnisse seien aber "vom Sport nicht aufgegriffen und kommuniziert worden, weil damit die leistungssteigernde Rolle der Anabolika vorbei gewesen wäre". Stattdessen hätten Sportmediziner, allen voran die damaligen Aushängeschilder Joseph Keul (Freiburg) und Wildor Hollmann (Köln), mit Fördergeldern des BISp leistungssteigernde Effekte von synthetischen Anabolika und Testosteron erforscht.

So habe es mit Wissen des Innenministeriums (BMI) Mitte der 80er Jahre eine "multizentrische Testosteron-Studie" von vier sportwissenschaftlichen Forschungs-Instituten gegeben, stellte Spitzer fest. Entgegen der offiziellen Sprachregelung müsse dies als "Dopingforschung" bezeichnet werden, denn sie "widersprach forschungsethischen Grundsätzen". Ziel war laut Spitzer eindeutig die Leistungssteigerung mittels Testosteron, das als eine Art Dopingmittel für die 1990er Jahre und als Anabolika-Ersatz erforscht wurde. Zudem hätten die Mediziner "falsche Informationen an die Nicht-Mediziner gegeben."

Konsequenzen hat vorerst niemand zu fürchten

Konkrete Hinweise auf ein von Staatsseite toleriertes Dopingsystem in West-Deutschland, die Anti-Doping-Kämpfer wie Werner Franke, Brigitte Berendonk, Gerhard Treutlein oder Andreas Singler akribisch dokumentierten, existieren schon seit Jahrzehnten. Ihre Faktensammlungen wurden bisher gern als Hirngespinste abgetan. Die neue Studie dürfte den Blickwinkel verändern, auch wenn der inzwischen 86-jährige Hollmann die Darstellung der Forscher im "Spiegel" zurückwies und beteuerte, "niemals Dopingforschung betrieben" zu haben.

Konsequenzen hat vorerst niemand zu fürchten. "Wir haben die Verpflichtung, aus diesen Ergebnissen unsere Lehren zu ziehen. Sollten bei diesen Untersuchungen noch Aktive auftauchen, werden wir sehen müssen, welche weiteren Schritte erforderlich sind", sagte DOSB-Präsidiumsmitglied Gudrun Doll-Tepper: "Bevor es Konsequenzen zu ziehen gibt, muss man die abschließenden Berichte abwarten." Diese sollen erst im kommenden Jahr vorliegen.

Noch 2011 sollen die rund 700 Seiten starken Zwischenberichte der beiden Forschergruppen erscheinen und dann auch im Internet abrufbar sein. Wann genau, ist unklar und strittig. Während Spitzer bis Mitte November eine Druckfassung angekündigt hat, spricht das BISp als Auftraggeber und Erstverwerter von einem Veröffentlichungstermin bis Mitte Dezember. Diese Zeit brauche man maximal, damit der wissenschaftliche Beirat die Berichte kommentieren und nötige Änderungen vorgenommen werden könnten. Der Befürchtung, es könnten vielleicht unangenehme Inhalte entfallen, wurde entschieden widersprochen.

Dennoch bleibt die kuriose Situation, dass bei einem wissenschaftliche Symposium am Dienstag weitere Ergebnisse der Öffentlichkeit detailliert vorgestellt werden, eine Dokumentation der Vorträge aber nicht verfügbar sein wird.

Quelle: n-tv.de, cwo/sid/dpa

Mehr zum Thema