Sport

Hoffnung auf Etappenerfolg Drama am "Drecksberg" bricht Kämna nicht

imago1013036815h.jpg

Lennard Kämna auf den letzten Metern einer schweren Etappe.

(Foto: IMAGO/Panoramic International)

Eine Winzigkeit fehlt Lennard Kämna zu seinem ersten Etappensieg bei der diesjährigen Tour de France: Auf den brutalen letzten Metern wird der erschöpfte deutsche Radprofi bei der ersten Bergankunft der Rundfahrt noch abgefangen. Doch statt Enttäuschung herrscht jetzt Vorfreude auf mehr.

100 Meter fehlten Lennard Kämna zu seinem zweiten Sieg auf einer Etappe der Tour de France. Auf der staubigen, supersteilen Super Planche des Belles Filles hatte der Radprofi vom Team Bora-hansgrohe den Zielstrich eines der spektakulärsten Teilstücke der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt schon beinahe in Greifweite, als sich vor den Augen der Radsport-Fans ein bitteres Schauspiel ereignete: Über 170 Kilometer hatte Kämna schon in den Beinen, als er begann, sich den harten Anstieg hinaufzuarbeiten zur ersten Bergankunft der 109. Tour de France, die letzten Kilometer verbissen kämpfend auf der Alleinfahrt dem Tagessieg entgegen.

Doch diese verdammten letzten Meter, diese brutale Steigung von 24 Prozent, zermürbten den deutschen Profi schließlich noch: hilflos musste er mitansehen, wie Tagessieger Tadej Pogacar, Jonas Vingegaard und Primoz Roglic auf der Schotterpiste noch an ihm vorbeizogen. "Da denkt man nur: Oaah, Mist", sagte Kämna hinterher, wie die "Süddeutsche Zeitung" protokollierte. "Aber irgendwie hatte ich das schon geahnt, dass sie mich einholen würden."

"Das bringt doch auch nichts"

Die TV-Kameras fingen den Gesichtsausdruck des 25-Jährigen ein, als ihm die Tour-Favoriten den Triumph entrissen. Man konnte fast ein Lächeln erahnen, in diesem bitteren Augenblick. Vielleicht war es auch einfach Resignation oder - am wahrscheinlichsten - die totale Erschöpfung. Enttäuschung war es jedenfalls nicht, die wollte Kämna auch gar nicht groß zulassen: "Was soll ich mich jetzt ärgern, das bringt doch auch nichts", sagte Kämna, "die Tour ist noch lang."

Die Tour de France 2021 hatte Kämna verpasst, weil er schon im Mai seine Saison beendete hatte. "Nach langer Überlegung und in intensiver Absprache mit meinem Trainer und dem Team habe ich mich entschieden, an der Tour de France in diesem Jahr aller Voraussicht nach nicht teilzunehmen", sagte er damals. "Die Entscheidung ist mir sehr schwergefallen, und sie tut auch weh", erklärte Kämna, der 2020 die 16. Etappe der Frankreich-Rundfahrt gewonnen hatte. "Die vergangenen Wochen haben mich leider auch mental mehr blockiert, als ich mir das anfangs eingestehen wollte."

Nun kehrte er also zurück und produzierte eine große Geschichte dieser Tour. Auch, wenn er sie selbst nicht größer machen wollte: Er sei "komplett im Eimer" gewesen. "Es ist super schade, aber ich kann mir nichts vorwerfen. Ich hätte keine Sekunde schneller fahren können", sagte der Bremer: "Es ist halt ärgerlich, dass wir diesen Drecksberg noch fahren müssen am Ende. Ich hätte mir gewünscht, dass das Ziel da vorne ist. Das wäre super gewesen."

"Bin jetzt drin in der Tour"

Die Jagd nach dem zweiten Sieg bei einem Grand-Tour-Teilstück in diesem Jahr hat der Giro-Etappensieger nach dem zehrenden, am Ende vergeblichen Ritt hinauf nach La Planche des Belles Filles noch nicht zu den Akten gelegt. Im Gegenteil, in den kommenden Wochen warteteten neue Chancen, sagte er der ARD. "Mit Sicherheit. Heute hatte ich echt super Beine und bin jetzt richtig drin in der Tour."

Am Ende gewann Titelverteidiger Pogacar die Etappe, so wie der Slowene wohl auch die Tour gewinnen wird. Der Erfolg von La Planche des Belles Filles, dieser dramatische Kampf bis zum letzten Meter, war selbst für den so gefräßigen Dominator, der jeden aufmüpfigen Konkurrenten gnadenlos wegbeißt, ein außergewöhnlicher."Das war echt hart, gerade das letzte Stück. Dann hat Vingegaard attackiert, er war so stark. Aber meine Mannschaft hat den ganzen Tag so hart gearbeitet. Und meine Freundin stand im Ziel, die konnte ich nicht enttäuschen. Deswegen wollte ich unbedingt gewinnen. Diesen Sieg habe ich mir schon vor langer Zeit vorgenommen", sagte Pogacar, der zur Belohnung im Ziel ein Küsschen von Freundin Urska bekam. "Man muss im Radsport jede Möglichkeit nutzen, Zeit zu gewinnen", ergänzte der Slowene, der in der Gesamtwertung nun 35 Sekunden vor Vingegaard liegt. Schon am Donnerstag hatte Pogacar die Konkurrenz distanziert und war nach einem harten Anstieg ins Gelbe Trikot gestürmt.

Kämnas Kapitän Alexander Wlassow kassierte hingegen einen Tag nach seinem Sturz den nächsten Rückschlag im Kampf um das angestrebte Ziel Podestplatz. Der Russe liegt als Zwölfter 2:41 Minuten hinter Dominator Pogacar, Kämna mit 3:26 Minuten Rückstand fünf Plätze dahinter auf Platz 17. Dass er die Rolle des schwächelnden Wlassow zeitnah übertragen bekommen könnte, davon ist Kämna nicht überzeugt. "Das glaube ich nicht. Es ist natürlich ärgerlich für Alex. Ich denke, er hat den Sturz von gestern doll gemerkt. Das geht nicht spurlos an jemandem vorbei. Jetzt gucken wir mal, was wir die nächsten Wochen machen", sagte der diesmal so knapp geschlagene deutsche Zeitfahr-Meister.

Quelle: ntv.de, ter

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen