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Der Fall Birgit Dressel Dunkles Kapitel Sportgeschichte

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Birgit Dressel nahm diverse Anabolika, vor allem Stromba und Megagrisevit.

picture alliance / dpa

Vor 25 Jahren war der Tod der damals 26-jährigen Birgit Dressel ein Schock für den deutschen Sport. Das gerichtsmedizinische Gutachten ließ in letzter Konsequenz offen, ob Doping die alleinige Todesursache war. Aus Sicht von Professor Werner Franke gibt es daran jedoch keinen Zweifel.

Es war ein riesiger Schock für den deutschen Sport: Umgeben von hilflosen Ärzten starb am 10. April 1987 kurz vor ihrem 27. Geburtstag die Weltklasse-Leichtathletin Birgit Dressel in der Mainzer Uniklinik. Als Todesursache wurde im gerichtsmedizinischen Gutachten Multiorganversagen nach möglicherweise toxisch-allergischem Kreislaufschocks festgestellt.

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Birgit Dressel starb nach drei Tagen unter qualvollen Schmerzen. Unmengen von Medikamenten hatten ihren Organismus völlig überfordert.

(Foto: dpa)

Der Heidelberger Zell- und Molekular-Biologe Werner Franke sieht allerdings folgende Fakten: "Das zum Tod führende Ereignis im Körper von Birgit Dressel wurde eindeutig durch eine Folge des Anabolika-Dopings ausgelöst." Der für seine Verdienste im Anti-Doping-Kampf mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Professor glaubt, ein Fall wie der Tod der Siebenkämpferin, 1986 Vierte der Europameisterschaften, könne sich auch heute noch wiederholen.

Dies hätten seitdem die Dopingaffären um den ehemaligen Hammer Rechtsanwalt Jochen Spilker, laut Franke heute freundschaftlich verbunden mit Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht, den verstorbenen Werfertrainer Christian Gehrmann oder der Fall des 2006 verurteilten Sprint-Trainers Thomas Springstein gezeigt. "Der deutsche Staat und der Sport haben nichts gelernt", behauptet Franke. Am Wichtigsten seien dem Sport Medaillen und die Spitzensportförderung des Bundesinnenministeriums.

"The Games must go on - der Drogendreck also auch", sagt Franke, der dem Sport vorwirft, er habe die "wahrheitsgemäße öffentliche Aufklärung der Tatsachen und Jugend" versäumt. Er prangert an, derzeit werde bei der Aufklärung des Sportmedizin-Dopings an der Universität Freiburg möglichst zu vertuschen versucht, dass zur Todeszeit von Birgit Dressel Stromba-Doping betrieben worden sei. Der Staat schaffe gesetzlich auch keine wirkliche Handhabe gegen die Doping-Szene. Eine für den Besitz größerer Mengen verbotener Substanzen beschlossene Strafbarkeit führe zu nichts. Franke: "Weder Birgit Dressel noch all die anderen Anaboliker noch ihre Trainer führten jemals erhebliche Mengen mit sich! Mit diesem Gesetz wird die Volksverdummung fortgeführt!"

Auch Prof. Wilfried Kindermann (Saabrücken), bis 2008 Chef-Mediziner des deutschen Olympiateams und der Fußball-Nationalmannschaft, räumte ein: "Natürlich ist der Sport vor solchen Fällen nie gefeit. Es wird immer Leute geben wie Springstein." Für ihn ist Frankes Version, Birgit Dressels Tod stehe in Verbindung mit Doping, nachvollziehbar, aber der kausale Zusammenhang sei aus seiner Sicht nicht zwingend. Für Franke ist klar: "Das Auslöse-Ereignis war ein äußerst schmerzhafter Hartspann in der Rückenmuskulatur bzw. in der Hüftregion, der bezeichnenderweise beim Kugelstoßtraining aufgetreten war." Dies sei als typische Verletzung im Zuge von Anabolika-Doping bekannt und in der geheimgehaltenen Habilitationsschrift des Anabolika-Dopingexperten und früheren DDR-Leichtathletik-Chefarztes Dr. Hartmut Riedel beschrieben. Diese krampfartigen Spannungen der belasteten Muskulatur seien bei bis zu 65 Prozent der 145 von ihm untersuchten und mit Anabolika gedopten Mehrkämpfer und Springer der DDR aufgetreten - und nach einer Ruhezeit vorübergegangen.

"Bei Birgit Dressel kam dann aber tragisch-ironisch hinzu, dass die behandelnden Ärzte offenbar zu lange keine Kenntnis von dieser sportmedizinischen Trivialität und der Einnahme sehr vieler Medikamente, darunter mindestens drei Anabolika-Präparate, hatten und so nicht angemessen behandeln konnten. Schließlich sei die Nierenschädigung durch die Behandlungen so groß gewesen, dass der zuständige Mainzer Pathologe Prof. W. Thoenes, einer der weltweit führenden Nierenexperten, Franke Monate später gestand, er habe noch nie eine solche Schockniere gesehen.

Birgit Dressels Trainer und "Lebens- wie Todesgefährte" Thomas Kohlbacher habe jedoch gewusst, dass sie "seit etwa Beginn 1986" diverse Anabolika nahm, vor allem Stromba und Megagrisevit. Zum Anabolika-Doping sagte Kohlbacher, der danach andere Sportler trainieren durfte, der Staatsanwaltschaft Mainz schon am 13. Mai 1987: "Diese Substanz wurde von Prof. Dr. Klümper verordnet auf einem Rezept, auf dem sich nur der Substanzname, der Präparatname, befand."

Nachdem die Obduktion Spuren von 101 verschiedenen Medikamenten im Körper der Athletin ergeben hatte, wurde den behandelnden und verabreichenden Ärzten keine Schuld zugesprochen. Die Staatsanwaltschaft gab am 31. Juli 1987 bekannt: "Das Ermittlungsverfahren wird eingestellt."

Quelle: n-tv.de, Gerd Holzbach, sid

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