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Krasniqi erwischt Bösel böse Ein Weltmeister-Knockout der härtesten Art

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Schwer gezeichnet und schwer geschlagen: Dominic Bösel.

(Foto: dpa)

Robin Krasniqi ist für Dominic Bösel eigentlich nur Ersatzgegner - und klarer Außenseiter. Eine Unachtsamkeit des Halbschwergewichts-Champions sorgt jedoch dafür, dass Krasniqi nun im reifen Alter erstmals Weltmeister ist - und das völlig verdient.

Die Ansage war äußerst knackig, das Ergebnis dann schmerzhaft krachend: "Optimistisch" sei er, so hatte Box-Weltmeister Dominic Bösel vor seiner Titelverteidigung gegen Robin Krasniqi durchaus überheblich angekündigt, dass "der Kampf vorzeitig vorbei ist." Tatsächlich kam es so, aber nicht Krasniqi ging auf die Bretter, sondern Bösel selbst. Der 30-Jährige fiel um wie ein Baum, schlug mit dem Hinterkopf hart auf: Während der Champion benommen auf dem Boden lag, feierte Krasniqi seinen ebenso überraschenden wie größten Sieg. Der 33-Jährige nutzte seine letzte große Chance, krönte sich am Samstagabend vor 2000 Zuschauern in Magdeburg nach nur drei Runden zum IBO-Weltmeister sowie Interims-Champion der WBA im Halbschwergewicht.

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So jubelt der neue Weltmeister.

(Foto: dpa)

So kurz das Duell war, so spektakulär war es auch. "Dieser Abend hat zwei Sieger. Krasniqi natürlich, aber auch das deutsche Boxen", urteilt unser Experte Andreas von Thien. Nach einem kurzen Abtasten ging es schnell zur Sache. Bereits in der zweiten Runde landet der Außenseiter einen Wirkungstreffer bei Bösel. "Robin geht da mit vollem Körpereinsatz rein und landet einen schönen rechten Haken. Das hat ihn auf jeden Fall bestärkt, weiter richtig anzugreifen", so von Thien. Die dritte Runde, in der es schließlich den überraschenden und überraschend schnellen Knockout durch den Niederschlag an den Kinnwinkel gab, hat für ihn indes eine besondere Note. Und an der war der Ringrichter nicht unbeteiligt.

Oliver Brien erkannte einen Niederschlag nach einer harten Rechten von Krasniqi nicht, wertete die Aktion stattdessen als Runterstoßen. "Diese Meinung hatte er exklusiv", kritisiert von Thien. "Denn wer weiß ja, was passiert wäre, wenn er Bösel angezählt hätte? Der hätte sich innerhalb der acht Sekunden auf jeden Fall ein wenig mehr erholen können. So aber ging es sofort weiter. Und dann hat Krasniqi alles auf eine Karte gesetzt, ging voll nach vorne, war sehr explosiv und hat das Ding zu Ende gebracht." So verdient der Sieg war, so fragwürdig war die Leistung der Ringrichter, urteilt unser Experte.

"Dieses Gefühl werde ich nie vergessen"

"Das ist der größte und schönste Tag in meinem Leben. Mir kann kein Geld der Welt dieses Gefühl geben. Ich kann noch tausendmal boxen, aber dieses Gefühl werde ich nie wieder vergessen. Dieser Kampf war nicht nur heute, er hat 15 Jahre gedauert", sagte Krasniqi. Der gebürtige Kosovare hatte bereits 2013 und 2015 einen WM-Kampf verloren und war nun gegen Bösel erst als Ersatzgegner für den Australier Zac Dunn eingesprungen. Krasniqi, der erzählt auch eine erstaunliche Geschichte, die des klassischen Stehaufmännchens nämlich. "Der lässt sich durch nichts aufhalten, der hat Ziele, der hat Höhen und Tiefen erlebt. Diese ganze Lebensgeschichte von dem, die ist der Wahnsinn. Er kommt aus dem Kosovo, hat mit seinen Eltern die Heimat früh verlassen. Die haben sich durch den Wald geschlagen, sind durch halb Europa vor dem Krieg geflüchtet. Insofern freue ich mich wirklich sehr für diesen Sportler, für diesen Menschen Robin Krasniqi", sagt von Thien.

Ein wenig fühlt er indes auch bei Bösel mit. "Das ist schon bitter, wenn du dich so intensiv vorbereitest und eine einzige krachende Rechte alles entscheidet." Der harte Schlag von Krasniqi hatte den völlig offen dastehenden Bösel tatsächlich voll erwischt. Der entthronte Weltmeister fiel sofort um, lag mit glasigen Augen am Boden. Helfer eilten in den Ring, brachten Bösel in die stabile Seitenlage. Der fing sich schnell wieder, wurde dennoch vorsorglich ins Krankenhaus gebracht. "Ich bin erschrocken. Mit so etwas rechnet man nicht", gestand er. Für von Thien hat dieser Knockout indes gleich zwei Gründe: "Ich glaube, Dominic war sich seiner Sache zu sicher, und ihm fehlte die Spannung und Konzentration. Die aber brauchst du. Der ist einfach wirklich überrascht worden, von dieser Härte, von diesem Willen, von diesem tollen Kämpfer Krasniqi."

Was bedeutet dieser Kampf nun für die Zukunft des deutschen Boxens? Von Thien würde sich vorerst mal freuen, "wenn die beiden ein Rematch machen würden. Ich glaube, da ist nämlich nicht endgültig geklärt, wer jetzt am Ende der Bessere ist. Ich könnte mir gut vorstellen, dass es in einem Rückkampf vielleicht womöglich anders laufen könnte." Aus dem Duell könnte sich eine schöne deutsche Box-Story ergeben. Im internationalen Vergleich sieht von Thien die Beiden indes noch unterlegen. "Sie sind nationale und auch europäische Spitze. Aber sie sind nicht Weltklasse." Und der WM-Titel der IBO jetzt ist eben auch nur ein kleiner. Interims-Champion der WBA dagegen sei schon eine etwas andere Hausnummer.

Von Thien würde sich wünschen, dass Krasniqi noch einmal einen großen WM-Kampf bekommt, einfach um sich auch auf der ganz großen Ringbühne zu beweisen. Und wenn er nicht das oberste Level in seiner Gewichtsklasse hat, chancenlos wäre er wohl nicht. "Er hatte in seinem Kampf eine Konsequenz und ein Selbstverständnis, das hat mich wirklich beeindruckt."

Quelle: ntv.de