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"Ich werde rennen wie ein Schwarzer …" Die Tragödie des afrikanischen Fußballs

Abhandlungen über Fußball gibt es zuhauf. Gute Bücher sind darunter eher selten. Die Spitzenwerke kann man an einer Hand abzählen: "Ich werde rennen wie ein Schwarzer, um zu leben wie ein Weißer" gehört dazu.

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Schon mit 14 Jahren bestritt Samuel Eto'o sein erstes Länderspiel für Kamerun. Seitdem ist er aus der Equipe der "unzähmbaren Löwen" nicht mehr wegzudenken. Der 29-Jährige ist einer der ganz großen Stars Afrikas.

(Foto: REUTERS)

Zu jedem großen Fußballturnier wird der Buchmarkt von Kladden rund ums Leder überschwemmt, das eigentlich keines mehr ist. Die Buchhandlungen richten Sondertische ein: mit Kompendien über Fußball mit allen – jawohl, wirklich allen – Daten, Fakten, Zahlen. Mit Sprüchesammlungen rund um das Spiel, das erst beendet ist, wenn der Schiri abpfeift. Mit Titeln, die den Frauen das Spiel und das berühmte Abseits erklären sollen, mit Schwarten, die in längst vergangene Bundesligazeiten entführen und – zugegebenermaßen extrem selten – mit wirklichen Kleinoden.

Christian Ewers’ Buch "Ich werde rennen wie ein Schwarzer, um zu leben wie ein Weißer – Die Tragödie des afrikanischen Fußballs" ist so eine seltene Kostbarkeit, ein Juwel der Fußballschreibe. Allein der Titel macht neugierig. Wer erinnert sich nicht an Kameruns WM-Auftritt 1990 mit Roger Milla, der an der Eckfahne tanzt und dessen "unbezähmbare Löwen" das Mutterland des Fußballs, England, im Viertelfinale an den Rand einer Niederlage spielen. Oder den "40-Tore-Stürmer" Anthony Yeboah aus Ghana, der in den 1990ern nicht nur die Eintracht-Fans zum Staunen brachte oder den unvergessenen Jay-Jay Okocha (Nigeria), der am 5. Spieltag der Saison 1993/94 die Abwehr des Karlsruher SC samt damaligem Torhüter Oliver Kahn schwindlig spielte und zum Jahrhunderttor einnetzte.

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Mittelfeld-Juwel Okocha: er spielte den Gegnern Knoten in die Beine.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Heute stehen Samuel Eto’o (Kamerun), Didier Drogba (Elfenbeinküste) und Michael Essien (Ghana) für die Kraft und die Eleganz des afrikanischen Fußballs. Sie sind es, die Millionen Afrikaner verzücken, ihnen mit ihrer Spielweise Hoffnung schenken. Ihre Tore gehen via Satellit rund um den Globus und verheißen der Jugend Afrikas ein besseres Leben – im Paradies Europa. Eto’o, Drogba und Essien sind aber nur die sichtbare Spitze des Eisbergs - der weitaus größere Teil der Gestrandeten, deren Träume von einem besseren Leben mit Hilfe des Fußballs wie Seifenblasen zerplatzt sind, dieser Teil bleibt unsichtbar, für die meisten.

"Wirklichkeit hinter dem Abziehbild"

Christian Ewers hat sich aufgemacht, diesen Teil sichtbar zu machen. Er schildert in seinem Buch die "Wirklichkeit hinter dem Abziehbild vom zwar talentierten, aber zu verspielten afrikanischen Fußballer". Dazu reiste er quer durch den schwarzen Kontinent, besuchte die Townships von Südafrika, die erfolgreichste Fußball-Akademie Afrikas, Sol Beni, in der Elfenbeinküste. Er machte der ghanaischen Fußballliga seine Aufwartung, schaute bei Asante Kotoko in Kumasi vorbei - wegen seines Erfolgs zwar in etwa vergleichbar mit dem FC Bayern München in Deutschland, dennoch heruntergewirtschaftet durch Korruption und Missmanagement.

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Elfenbeins WM-Elf: Viele der Spieler besuchten die Fußball-Akademie Slo Beni.

(Foto: REUTERS)

Und Ewers war auch "dort, wo viele Träume enden", wie es auf der Buchrückseite heißt: auf den Hinterhofplätzen der europäischen Metropolen wie St. Denis in Paris. Er lernt Jugendliche kennen, wie Assio’o aus Kamerun, U16-Nationalspieler seines Landes, geflüchtet bei einem Jugendturnier und nun am Stadtrand von Paris gestrandet auf der Suche nach einem Profiklub. Er schildert die Geschichte von Martin Africa, 33, Ex-Mitglied der berüchtigten Gang "Hard Livings" im Kapstadter Township Elsies River. "Gangster, Dealer, Messerstecher" - Vater eines Dreijährigen und nun Hobby-Fußballer auf der Suche nach einem besseren Leben, in einer Stadt, in der Gangs und Drogendealer ganze Freizeitligen in ihrer Gewalt haben.

Traum oder Albtraum

Ewers erzählt aber auch die Geschichte des Ghanaers Ibrahim Sunday. Er war 1975 der erste Afrikaner in der Bundesliga. Einmal wurde er bei Werder Bremen eingewechselt. Das wars. Ansonsten Ersatzbank oder Tribüne. "Ich habe dort oft zu recht gesessen", sagt Sunday heute. Werder sei nicht unfreundlich zu ihm gewesen. Er sei mitgeschleppt worden in den Trainingseinheiten. Sunday war vor seinem Wechsel Champions-League-Sieger mit seinem Klub Kotoko. Er war Kapitän seiner Mannschaft. In Bremen war sein Spiel kaputt, wie er sagt. "Du kannst nicht mit gebrochenem Herzen spielen, nicht als Nummer zehn. Das schafft der stärkste Fußballer der Welt nicht."

Auch Ojokojo Torunarigha kommt bei Ewers zu Wort. Der Nigerianer wollte nach Deutschland. "In das Deutschland, das er aus der Schule, aus dem Fernsehen und aus den Schwärmereien seiner Freunde kannte." Er kam nach Deutschland. Nach Karl-Marx-Stadt. Als 20-Jähriger kurz nach dem Mauerfall. Er war der erste Schwarzafrikaner, der bei einem Profiklub in den neuen Bundesländern spielte – unter Hans Meyer. "Im Osten muss man einstecken können als Schwarzer. Ich habe 16 Jahre in Chemnitz gelebt und bis zum Schluss hat es nicht aufgehört mit Diskriminierungen und mit Angriffen auf mich." Torunarigha, heute Nachwuchscoach bei Hertha BSC, betont: "Ich wurde geliebt als Fußballer und abgelehnt als Mensch." Eine erschreckend aktuelle Anekdote dazu findet sich ebenso in Ewers’ Buch.

Torunarigha wollte in Deutschland ein besseres Leben führen. Assio’o träumt in Frankreich noch heute davon. "Little big man" Africa hofft ebenso auf das Zaubermittel Fußball als universelle Lösung für die Probleme in seinem Dasein. Drei Geschichten aus Ewers’ Buch, die zeigen, dass der afrikanische Fußball mehr ist als Stolz, Kraft und Eleganz. Mehr als Eto’o, Drogba und Essien. Leichtgläubigkeit gehört unweigerlich ebenso dazu wie Gier und das Streben nach Macht.

Ewers’ Buch, die einzelnen Geschichten, die gewissermaßen versuchen, in die Menschen zu schauen, für die der Fußball alles ist, und die als Reportagen, Porträts und Interviews aufgearbeitet sind, versprechen Spannung und Kurzweil gleichermaßen – eben ein Kleinod. Und genau richtig für jene, die während der Fußball-WM in Südafrika auch einmal ein Buch zur Hand nehmen wollen – anstatt der Fernbedienung, des Biers oder der Chipstüte.

Christian Ewers: Ich werde rennen wie ein Schwarzer, um zu leben wie ein Weißer", 176 Seiten, Gütersloher Verlagshaus, 17,95 Euro

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Quelle: ntv.de