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WM 2010 - Ein deutscher Rückblick Frisch, fröhlich, beliebt

Es begann laut, mit dem Ärger über die Krachmacher Vuvuzelas. Doch dann wurde vieles lustiger. Dafür sorgte Krake Paul, dessen WM-Tipps um die Welt gingen. Auf den Fan-Meilen war die „Hütte“ voll, aber nur bei Deutschland-Spielen. Am Ende hielt die Hitze viele daheim.

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Ende gut, alles gut: Deutschland hat sich auch bei dieser WM in die Herzen der Wellt gespielt.

(Foto: APN)

Paul perfekt, Deutschland Dritter, Fans froh - am Ende versöhnt, aber auch erschöpft. Das ist die Kurzbilanz der WM aus der Public-Viewing-Perspektive. Die fast vier Wochen anhaltende Begeisterung der Fans schmolz aber in der Tropenhitze zum Trostspiel gegen Uruguay. Das 3:2 und den dritten Platz feierten auf der größten Meile Deutschlands in Berlin nur noch 100.000 statt 300.000. Ähnlich sah es in anderen Städten aus - nur noch ein Drittel der Festgemeinde kam.

Auch zum Finale Niederlande - Spanien werden bei 38 Grad keine Massen mehr erwartet. Dennoch bleibt unter dem Strich für die Fans und für Deutschland mit seinem international geachteten Multikulti-Team ein dickes Plus. Am treffsicherten von allen Akteuren war jedoch Tintenfisch Paul. Das Wundertier tippte alle sieben deutschen Spiele exakt voraus.

Händler klagen, Polizei dankt

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Die Händler auf den Fanmeilen klagen über hohe Verluste.

(Foto: APN)

Grund zur Freude aber nicht überall: Die Händler, Bier- und Bratwurst-Verkäufer stöhnten über mutmaßlich hohe Verluste, die Meilen zogen die Massen diesmal nur bei Deutschland-Spielen an, und zum Schluss nicht einmal das. Bessere Nachrichten von den Fanmeilen und den Feierstätten auf den Boulevards der Städte konnte die Polizei verbreiten. „Alles schick, alles friedlich, wir lassen die Fans gern feiern“, berichtete ein Polizeisprecher in Berlin, wo sich der Kurfürstendamm nach deutschen Spielen in eine riesige Fußgängerzone schunkelnder und hüpfender Menschen verwandelte und drum herum ein meist deutsch-türkischer Autokorso bis tief in die Nächte hupend kreiste.

Der Tipp-Spaß mit Tintenfisch-Orakel Paul ging von Oberhausen aus sogar um die Welt. Die internationalen Medien ergötzten sich gleichermaßen an der unfehlbaren Treffsicherheit des Tentakel-Orakels im Aquarium und am frischen jugendlichen Stil der Nationalelf. Nach dem Sommermärchen 2006 lagen die deutschen Sympathiewerte in der Welt noch einmal höher - dank Fußball.

Unterstüzung auch aus Israel

Die vielleicht wichtigste politische Botschaft zu den WM-Folgen erreichte Deutschland in den vergangenen vier Wochen aus Israel. Auch in Tel Aviv und Jerusalem stiegen in Umfragen die Anerkennung und der Respekt. Der frühere Bildungsminister Jossi Sarid schrieb in der Zeitung „Haaretz“: „.....Wir dürfen jetzt auch das deutsche Nationalteam unterstützen. Bis vor ein paar Jahren hätten wir uns niemals dazu bewegt.“ Die internationale Debatte führt weit über den Sport hinaus. „Maariv“ druckte, die Frage, ein Fan des deutschen Teams zu sein, sei keine Sportfrage, sondern eine Frage, die zur Wurzel der Beziehungen zwischen den Ländern gehe.

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Das Leid mit den Vuvuzelas - irgendwann waren sie dann fast vergessen.

(Foto: dpa)

Der sportlich und menschlich tadellose Auftritt des Multikulti-Teams von Bundestrainer Joachim Löw bei der WM in Südafrika wirkte in Deutschland in Zeiten mancher Krise nach innen und nach außen. Das Ausland zeigte sich beeindruckt vom Zusammenhalt der Mannschaft, in der elf von 23 Spielern ausländische Wurzeln haben. „Der Erfolg dieser Mannschaft lässt die Integrationsprobleme in Deutschland vergessen“, schrieb „Le Figaro“ in Paris.

Nicht überall friedlich

So weit und so schön ist es noch nicht mit dem Zusammenleben der Bevölkerungsgruppen in Deutschland, wie die ebenfalls zur WM um die Welt gehende Geschichte der größten deutschen Fahne an einem Haus in der Neuköllner Sonnenstraße zeigte. Zweimal zerstörten linke Autonome die schwarz-rot-goldene Riesenfahne. Ibrahim Bassal reparierte, kaufte neu und hing sie zum dritten Mal auf.

„Für die Rechten sind wir Ausländer, für die Linken Schleimer“ sagte Ibrahim Bassal, der einst aus dem libanesischen Bürgerkrieg in das soziale Brennpunktgebiet nach Berlin floh und nun wieder die Welt nicht versteht. Cousin Yussuf will helfen: „Wir können den Deutschen ein wenig Nationalstolz beibringen, Geschichte hin oder her.“

Auf den Meilen selbst war es wie vor vier Jahren: Ein Fahnenmeer in Schwarz-Rot-Gold. An den Autos, an Fenstern, auf Balkonen, überall zeigten die Deutschen unbelastet Flagge. Auch die Kanzlerin offenbarte starke Gefühle. Nach dem Triumph über Argentinien sagte die nach Südafrika gereiste Angela Merkel einen bemerkenswerten Satz: „Beim 4:0 war mir gut ums Herz“ - ein befreiender Stoßseufzer nach dem Fast-Debakel bei der Wahl des neuen Bundespräsidenten.

Keine Feier - Rüffel von Beckenbauer

Um enttäuschte Gefühle der Fans ging es dann zum WM-Schluss. Wie gern hätten die Fans bei einer großen Abschiedsparty auf der Straße des 17. Juni in Berlin zusammen mit ihren Idolen gefeiert. Trotz Hitze und „nur“ Platz drei wäre es wohl noch einmal eine große Party für alle geworden. Doch das Team wollte sich anders als 2006 nicht dazu aufraffen, verstreut sich nach der Landung mit dem Airbus A380  in Frankfurt/Main in alle Winde in den Urlaub.

Ex-Weltmeister Franz Beckenbauer rüffelt mit Klartext: „Ich halte die Entscheidung für falsch.“ Das Fanfest an der Siegessäule war das Herzstück und nach Angaben des Fußball-Weltverbandes mit mehr als 1,5 Millionen Besuchern die Nummer eins weltweit noch vor Sydney, Rio, Mexiko-Stadt, Paris und London. Aber auch ohne die halbe Million, die vermutlich zur „Dankesrunde“ (Beckenbauer) gekommen wäre, lagen bundesweit die Zahlen ungewöhnlich hoch. Bei der WM im eigenen Land waren es geschätzte 15 Millionen Menschen beim Public Viewing, bei der WM in diesem Jahr, 10.000 Kilometer entfernt, jubelten und weinten auf den alles in allem 2000 Partys im ganzen Land immerhin noch rund zehn Millionen Fans.

Quelle: ntv.de, Hans-Rüdiger Bein und Esteban Engel, dpa