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Turn-Star Biles über ihre Psyche "Hätte lange vor Tokio aufhören sollen"

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Simone Biles tritt in Tokio verletzt an. Nicht körperlich, aber psychisch.

(Foto: imago images/PanoramiC)

Simone Biles ist der Superstar der Turn-Szene. Vor den Olympischen Spielen in Tokio geht es nur darum, wie oft sie Gold gewinnen wird, nicht ob. Doch dann verzichtet die 24-Jährige auf Wettkämpfe, macht psychische Probleme öffentlich. Jetzt blickt sie zurück - und fällt ein krasses Urteil.

"Meine Sichtweise hat sich noch nie so schnell geändert, vom Wunsch, auf dem Podium zu stehen, zu dem Wunsch, allein und ohne Krücken nach Hause gehen zu können." Turn-Superstar Simone Biles spricht im "New York Magazine" bewegend über ihre harte Zeit bei den Olympischen Spielen in Tokio. Aufgrund ihrer psychischen Probleme urteilt sie mittlerweile: "Wenn man sich ansieht, was ich in den letzten sieben Jahren alles durchgemacht habe, hätte ich nie wieder zu einem Olympiateam gehören dürfen", sagt die 24-Jährige: "Ich hätte schon lange vor Tokio aufhören sollen."

Ihre psychische Erkrankung ist so stark, dass die 19-fache Weltmeisterin nicht einmal mehr trainiert. Sie bereitet sich zwar mit ihren Teamkolleginnen auf die landesweite Turn-Tournee "Gold Over America" vor, bei der sie die Hauptrolle spielt, doch das ist Show, kein knallharter Wettkampf. Gewinnen ist in den Hintergrund gerückt. Gesund werden, die Therapie, die sie wieder aufgenommen hat, ist wichtiger.

Schuld an ihrer angeschlagenen Psyche ist der frühere Mannschaftsarzt Larry Nassar. Der 58-Jährige verbüßt mittlerweile eine lebenslange Haftstrafe, nachdem er sich Ende 2017 und Anfang 2018 schuldig bekannt hatte, Frauen und Mädchen sexuell missbraucht zu haben, während er als Sportmediziner beim US-Turnverband und der Michigan State University gearbeitet hatte. Biles war eines seiner Opfer. "Es war zu viel. Aber ich wollte nicht zulassen, dass er mir etwas wegnimmt, für das ich hart gearbeitet habe, seit ich sechs Jahre alt war", sagt Biles über ihre Teilnahme in Tokio: "Also habe ich das so lange verdrängt, wie mein Geist und mein Körper es mir erlaubten."

Biles prangerte im Laufe des Prozesses gegen Nassar auch den amerikanischen Turnverband an: "Sie hatten diesen einen Job. Und Sie konnten uns nicht beschützen." Zwei Jahre lang behielt sie den Missbrauch für sich, sprach erst 2018 öffentlich. "An manchen Tagen war es mental schwer, in der Turnhalle zu sein", erinnert sie sich nun zurück. Mitte September haben Biles und drei ihrer Kolleginnen eine Stellungnahme vor dem Senat abgegeben und den Verband, das Olympische Komitee der USA und auch das FBI hart kritisiert. Man sei trotz der Vorwürfe gegen Nassar lange nicht gegen ihn vorgegangen. "Man hat uns im Stich gelassen, und wir verdienen Antworten", sagte Biles in Washington. "Wir haben gelitten und leiden immer noch, weil niemand das getan hat, was nötig war, um uns zu schützen." Dem "New York Magazine" sagt sie deutlich: "Ich bin auch eine Überlebende von sexuellem Missbrauch."

"Es geht um Leben und Tod"

In Tokio wurde Biles von diesen schrecklichen Erlebnissen eingeholt. Eine mentale Blockade - in den USA "Twisties" genannt - behinderte sie extrem beim Turnen. "Mein Geist und mein Körper sind einfach nicht im Einklang", hatte sie bei Twitter berichtet. Nun präzisiert sie gegenüber dem "New York Magazine": "Wenn ich noch mein Luftgefühl gehabt hätte und einfach einen schlechten Tag gehabt hätte, hätte ich weitergemacht", erklärt die vierfache Olympiasiegerin. "Aber es war mehr als das." Schon vor dem Flug nach Tokio habe sie sich nicht so zuversichtlich gefühlt, wie es hätte sein sollen nach dem vielen Training.

Mit der Qualifikation in Tokio begannen die Probleme. Sie verpatzte den Abgang am Schwebebalken, ungewöhnlich für die Über-Athletin, die alles gewonnen hat. "Das ist so gefährlich", erklärt Biles, die in Tokio trotz aller Probleme Silber im Team und Bronze am Schwebebalken gewann. "Es geht im Grunde um Leben und Tod. Es ist ein Wunder, dass ich auf meinen Füßen gelandet bin. Wenn das eine andere Person gewesen wäre, hätte man sie auf einer Trage herausgebracht. Sobald ich den Sprung gelandet hatte, ging ich zu meinem Trainer und sagte: 'Ich kann nicht weitermachen.'"

Sie versuchten es im Training mit mentalen Hilfen, sie polsterten Oberflächen ab, damit sie nicht so hart aufprallt, sollte sie fallen. Doch nichts funktionierte, erinnert sich Biles. "Ich war körperlich nicht in der Lage", sagt sie. "Bei jeder Möglichkeit, die wir ausprobierten, sagte mein Körper: 'Simone, beruhige dich. Setz dich hin. Wir machen das nicht.' Und das habe ich noch nie erlebt." Biles entschied: Das Mannschafts-Finale turnt sie nicht zu Ende und verzichtet auf die Starts im Mehrkampf-Finale sowie in den Einzelfinals am Sprung, am Stufenbarren und Boden. Sie sprach öffentlich über ihre Probleme - und bekam viel Zuspruch.

"Das wird mich 20 Jahre lang beschäftigen"

Die 24-Jährige hofft, dazu beitragen zu können, das Stigma rund um psychische Gesundheit zu beseitigen. Gleichzeitig hat sie einen Wunsch: "Ich möchte einfach nur, dass mir ein Arzt sagt, wann ich darüber hinweg bin." Wenn sie mit körperlichen Verletzungen zu tun hatte, dauerte es normalerweise sechs bis acht Wochen, bis diese ausheilten. Vielleicht auch drei Monate. "Man wird operiert, und schon ist es wieder gut. Warum kann man mir nicht einfach sagen, dass es in sechs Monaten vorbei ist?", so Biles. "Hallo, wo sind die AA-Batterien? Können wir sie einfach wieder einstecken?"

So einfach ist es nicht. Biles ist wieder in Therapie. Sie weiß, dass sie sich keinen Zeitrahmen für die Heilung setzen kann. "Das wird mich wahrscheinlich 20 Jahre lang beschäftigen", sagt sie. "Egal, wie sehr ich versuche, es zu vergessen. Es ist ein ständiger Prozess."

Doch eins stellt Biles im "New York Magazine" auch klar. Sie würde an den Geschehnissen in Tokio nichts mehr ändern wollen. "Alles geschieht aus einem bestimmten Grund. Und ich habe viel über mich selbst gelernt - Mut, Widerstandsfähigkeit, wie man Nein sagt und für sich selbst eintritt." Und zum ersten Mal habe sie mit eigenen Augen gesehen, wie irre es ist, was Turnerinnen eigentlich leisten. Sie saß in Tokio als Zuschauerin auf der Tribüne: "Ich konnte meinen Mädels und meinen Konkurrentinnen beim Wettkampf zusehen. Ich war überwältigt von dem, was sie taten, und fragte mich: Wie machen sie das? Wie erstaunlich ist das?" Allein für dieses Gefühl, sagt sie, hat sich alles gelohnt.

Quelle: ntv.de, ara

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