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NBA- und Dunk-Ikone "Vinsanity" Keiner auf der Welt konnte fliegen wie Carter

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Vince Carter beim Slam-Dunk-Contest 2000, den er auf atemberaubende Art und Weise gewann.

(Foto: REUTERS)

Der beste Dunker der NBA-Geschichte beendet seine Karriere: Vince Carter macht in der Luft unmenschliche Dinge möglich - und das auf eine unnachahmbar ästhetische Art und Weise. Sein Rücktritt bedeutet auch das endgültige Ende der Generation um Dirk Nowitzki und Kobe Bryant.

"Let's go home, ladies and gentlemen", verkündete der TV-Kommentator immer wieder. "Let's go home!" Der Slam-Dunk-Wettbewerb 2000 war entschieden nach einem einzigen Dunking von Vince Carter. Getrost hätten sich alle Zuschauer und die anderen Basketball-Profis auf den Heimweg machen können, hätten sie nicht mit wie angewurzelt in den Boden gebohrten Füßen ungläubig vor ihren Stühlen gestanden oder wären sie nicht wie von der Tarantel gestochen wild herumgesprungen. Mit einem komplizierten 360-Grad-Dunk hatte Carter nicht nur Otto-Normal-Fans geschockt, sondern gestandene NBA-Profis und -Legenden reihenweise zum Ausflippen gebracht. "It's over!", skandierten die TV-Experten bei seinem dritten Dunk erneut, als der damalige Guard der Toronto Raptors den Ball per Bodenpass zugespielt bekam, ihn durch seine Beine von einer Hand in die andere wandern ließ, um ihn dann kraftvoll in den Korb zu stopfen.

Selten sind bei einem Sport-Event so viele Kinnläden auf einmal heruntergeklappt. Der Sieg Carters beim Slam-Dunk-Wettbewerb ist ein Stück NBA-Historie, "Vinsanity" (Vince kombiniert mit "insanity", was Wahnsinn auf Englisch bedeutet) war geboren. Der 43-Jährige beendet nun seine Karriere als 19.-bester Punktesammler aller Zeiten - aber in Erinnerung bleiben wird er bis in alle Ewigkeiten als der wohl beste Dunker, den der Basketball je hervorgebracht hat.

Denn der Dunk-Wettbewerb 2000 war nur eines der Highlights von Carters illustrer Karriere. Besonders im Gedächtnis geblieben ist der von den französischen Medien als "Dunk des Todes" bezeichnete Sprung: Bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney stieß sich der 1,98 Meter messende Carter vom Boden ab, spreizte die Beine auseinander und übersprang den 2,18 Meter großen Center Frankreichs, Frédéric Weis, um den Ball anschließend einhändig durch den Ring zu boxen.

"Half Man Half Amazing"

Wenn Carter abhob, erhob sich zeitgleich das gesamte Publikum in den NBA-Arenen und die Basketball-Fans an den TV-Bildschirmen zu Hause sprangen im selben Moment von ihren Sesseln und Sofas auf. Ein jeder wusste sofort, dass ein absolutes Highlight folgen würde. Dass es gleich unglaublich scheppern würde. So grazil, so anmutig und gleichzeitig so unfassbar wuchtig und dominant hatte noch nie jemand gedunkt. Die Ästhetik Carters übertraf sogar die Dunk-Künste Michael Jordans oder Dominique Wilkins'.

Kobe Bryant sah in Carter den "besten Dunker aller Zeiten". Selbst im hohen Alter bei den Atlanta Hawks zeigte der Guard, der neben Toronto vor allem bei den New Jersey Nets überzeugte, immer wieder, dass er an Sprunggewalt nur wenig eingebüßt hatte. Noch 2019 glaubte Bryant: "Vince Carter würde heute noch den Dunk-Contest gewinnen." "Half Man Half Amazing" (Halb Mensch, halb erstaunlich) wurde er getauft, oder "Air Canada", weil er in Toronto eine Ära prägte und dem ganzen Land Basketball näher brachte. ESPN-Experte Stephen A. Smith resümierte nach der Verkündigung des Karriereendes: "Er war elektrisierend, ein Box-Office-Talent. Er war unwirklich."

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Vince Carter und Dirk Nowitzki spielten von 2011 bis 2014 gemeinsam für die Dallas Mavericks.

(Foto: imago sportfotodienst)

Doch trotz seines enormen Talents schaffte es der Guard nie heran an die Allergrößten seiner Zeit. Nachdem er 1999 die Trophäe für den besten Rookie der Saison erhielt, war sich die NBA einig, dass Carter und Bryant den Titel des besten Spielers auf dem Planeten unter sich ausmachen würden. Aber der Dunk-Champion sollte zumindest in der Liga unvollendet bleiben und trotz acht All-Star-Spielen kein einziges Mal eine Meisterschaft gewinnen. Zu Dirk Nowitzki und seinen Dallas Mavericks wechselte Carter erst direkt im Anschluss an deren Titel-Saison 2011 und ging bis 2014 gemeinsam mit dem Deutschen auf Körbe-Jagd. Als der Rekordmann sich 2019 dazu entschloss, als erster Spieler überhaupt eine 22. Saison in der NBA zu spielen, erzählte er: "Ich bekam eine kurze, knappe Nachricht von Dirk, in der stand: 'Du bist verrückt'."

Nur auf dem Court ein Show-Man

Immerhin die Goldmedaille bei Olympia 2000 sprang heraus. Aber nun verlässt der letzte der Generation um Nowitzki, Bryant und Tim Duncan das Parkett. Anfang dieses Jahres gelang Carter noch mal etwas Historisches: Als erster Spieler und einziger aller Zeiten absolvierte er eine Partie in vier verschiedenen Dekaden. Von Allen Iverson, über LeBron James bis hin zu Zion Williamson: Vince Carter hat mit allen auf dem Court gestanden. Jetzt tritt er in der Corona-Pause ab, ohne den ihm gebührenden Applaus auf seiner Abschiedstournee durch die Hallen der USA zu bekommen, wie er etwa Nowitzki zuteil wurden.

"Er hätte noch ein paar Standing Ovations verdient gehabt und vielleicht auch so ein Abschieds-Event", trauerte Nowitzki jüngst in einem US-amerikanischen Radio Carters verpasster Chance auf einen sportlichen Abschluss nach. Dieser aber hat sein auf diese Art nicht geplantes Karriereende akzeptiert: "Der Coronavirus ist etwas Größeres als meine Karriere und kostet Menschen das Leben, da ist das große Ganze in meinem Kopf." Vince Carter war in seiner gesamten Karriere stets demütig und abseits des Platzes alles andere als ein Show-Man. Nur auf dem Parkett hob er ab und konnte fliegen wie kein anderer.

Quelle: ntv.de