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Weltumsegler über Zeit auf See "Man merkt, wie klein der Mensch ist"

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Boris Herrmann brachte einen unglaublichen Weg rund um die Welt hinter sich.

(Foto: imago images/PanoramiC)

Ein Mann, ein Boot, einmal um die ganze Welt: Mit seiner Teilnahme an der legendären Vendée Globe erfüllt sich Boris Herrmann im Winter 2021 einen Lebenstraum. Doch was nach uriger Seefahrer-Romantik klingt, ist in Wirklichkeit ein waghalsiges Unterfangen zwischen Geschwindigkeitsrausch und Todesgefahr.

In seinem Buch "Allein zwischen Himmel und Meer" berichtet Herrmann von seinen 80 Tagen auf den Weltmeeren mit knochenharter Arbeit, bockendem Material, ohrenbetäubendem Lärm - und viel zu wenig Schlaf.

ntv.de: Boris Herrmann, in Ihrem Buch schreiben Sie, dass eigentlich nur einer, der die Vendée Globe selber gesegelt ist, wirklich versteht, was das bedeutet. Haben Sie das Gefühl, "Allein zwischen Himmel und Meer" findet die richtigen Worte dafür?

Boris Herrmann:Worte reichen nicht aus, um zu verstehen, wie hart und entbehrungsreich das Rennen ist. Das wird sich jeder Leser anders ausmalen. Das ist okay, es ist ja auch nicht Kern der Sache. Man fährt nicht los, um sich zu kasteien. Für mich war es ein Stück Selbstverwirklichung. Dieser verrückte Traum eines Schülers aus Oldenburg Wirklichkeit werden zu lassen. Und mit dem Buch schließt sich ein Kreis: Meine Leidenschaft hat angefangen mit Abenteuerbüchern, auch von der Vendée.

Sie sind als Kind mit Ihren Eltern segeln gegangen und haben so Ihre Leidenschaft entdeckt. Aber es gibt ja viele Bootsklassen und viele Regatten - was macht die Vendée Globe so besonders?

Das ist Boris Herrmann

Boris Herrmann wird am 28. Mai 1981 in Oldenburg geboren. Schon von Kindesbeinen an segelt er mit den Eltern. Als 19-Jähriger segelt er die Mini-Transat-Regatta von Frankreich bis Brasilien. Als Mitglied verschiedenster Crews nahm er an Weltumsegelungen teil. 2020 dann startete er als erster Deutscher bei der Vendée Globe, die er auf Rang fünf beendete.

Als junger Mann war ich vor allem von der Technik fasziniert, von diesen Rennmaschinen, die wie Motorboote über das Meer gleiten. Heutzutage schweben wir sogar mit den Foils. Und für Segler ist die Vendée einfach die faszinierendste Herausforderung, so wie für Bergsteiger die höchsten Berge. Die Vendée ist der Everest der Meere.

Sie haben sich mehr als vier Jahre lang auf diese Regatta vorbereitet - Geldgeber aufgetrieben, das Team rekrutiert, Schiff gekauft und umgebaut, trainiert. Ihre Frau schreibt im Buch, Sie seien manchmal nachts hochgeschreckt und hätten sich Notizen gemacht. Was hat Sie dann allein auf offener See doch noch überrascht?

Man kann sich auf Vieles vorbereiten, aber nicht auf die Einsamkeit von 80 Tagen. Ich war überrascht, wie schwer mir das gefallen ist. Und ich hatte gedacht, ich wäre mit allen Wassern gewaschen, ich habe die Welt ja schon vorher umsegelt. Aber trotz all der Erfahrung war das unglaublich schwer. Deswegen hätte ich auch Lust, mit der Erfahrung im Rücken neu zu starten.

Ein Rennen um die ganze Welt ohne Pause bringt Technik und Mensch an die Grenzen, weil es eine Dauerbelastung ist. An Schlaf etwa ist kaum zu denken, Sie haben höchstens eine Stunde am Stück geschlafen und 80 Tage lang quasi nur Nickerchen gemacht. Wie hat sich diese Müdigkeit bemerkbar gemacht?

Ich habe versucht, kein Schlafdefizit anzuhäufen. Aber man kann ja nicht sagen: Okay, heute ist Samstag, jetzt ziehe ich mich mit einem Kaffee auf die Couch zurück und erhole mich zwei Stunden. Manchmal sind die Bedingungen so rau und der Stress so groß, dass der Schlaf leidet. Vor allem, wenn man in der Koje nur hin- und hergeschleudert wird. Im Idealfall bleibt man dank mentaler Techniken irgendwie im grünen Bereich. Das habe ich nicht immer geschafft. Gemerkt habe ich es an starken Stimmungsschwankungen - ich war dann niedergeschlagen, heulerisch, es hat oft zwei Tage gedauert, bis ich wieder auf einen grünen Zweig gekommen bin.

Wie kann man diesen Kurzschlaf trainieren?

Zwanzig Jahre vor der Vendée bin ich meine erste Transatlantik-Regatta gefahren, da habe ich es erstmals so richtig geübt. Ein Schlafarzt in Hamburg hat mir erklärt, wie es theoretisch funktioniert, und dann habe ich Einschlaftechniken geübt. Im Zivildienst habe ich damals als Fahrer gearbeitet. Wenn eine rote Ampel kam, habe ich versucht, auf Knopfdruck zu schlafen, bis einer hupt. Da geht es um autogenes Training, also den Geist so zu kontrollieren, dass man dem Körper gezielt Befehle geben kann: Schlaf jetzt! Zack.

Sie durften kaum schlafen, weil Sie ständig die Alarmsysteme, das Wetter und den Kurs checken mussten. Gleich nach dem Auslaufen passierte das Feld einen Wirbelsturm, auf einigen Booten versagte das Material. Wie wird man vor lauter Sorgen ums Schiff nicht paranoid an Bord?

Wir haben Glasfaser-Messsysteme, um etwa die Belastung am Rumpf zu überwachen, es gibt Lastmessungen am Mast und eine ganze Reihe von Alarmen. Wenn einer losgeht, springt man aus der Koje und schaut, ob man den Kurs verändern oder Segel einholen muss, um die Last zu verringern.

Mit der romantischen Vorstellung vom Segeln - Sonnenuntergang an Deck, das Ruder locker in der Hand – hatte Ihre Tour wenig zu tun. In der Seaexplorer steuerte oft der Autopilot, Sie haben die meiste Zeit in Ihrem Kommandostand verbracht, mit Kopfhörer gegen den Lärm, vor einem Monitor, umgeben von Sensoren und Alarmen. "Formel 1" auf dem Meer, so haben Sie es im Buch beschrieben.

Um ein Boot wie die Seaexplorer zu segeln, muss man fast mehr Techniker sein oder Schiffsbauingenieur als Segler. Die Grenzen des Schiffes verstehen - das ist ein Kernthema der Vendée. Das andere große Spezialgebiet ist die Meteorologie, also das Wetter beobachten, um den schnellsten Kurs zu bestimmen. Die sportliche Seite, also Segel einrollen oder so, das findet quasi zwischendurch statt. Es entscheidet das Rennen aber nicht.

Ein Unterschied zur Formel 1: Es gibt keine Boxencrew. Also mussten Sie selbst ran, als ein Segel am Mast klemmte, in 30 Metern Höhe. Wie geht man so eine Reparatur auf hoher See an?

Da handelt man aus Reflex: Problem anpacken und lösen. Ich habe alles zusammengesucht, was ich brauche: Helm, Klettergurt, Kletterseil, Klemmen, Fußschlaufen, bis das alles zurechtgezurrt ist, vergeht eine halbe Stunde. Dann die Werkzeuge: Zangen, Multitool, Seile.

Sie erzählen das jetzt so unaufgeregt. Aber Sie haben Höhenangst, deswegen haben Sie beim Training nie so hoch oben gearbeitet.

Beim Üben im Hafen bin ich zögerlich, weil ich mich dabei nicht verletzen darf. Draußen auf dem Meer war klar: Ich muss da so schnell wie möglich hoch. Auch wenn mich das doch weit aus meiner Komfortzone gedrängt hat. Das führt zu akutem Stress, zum Glück hat man in dem Moment keine Zeit, darüber nachzudenken.

Solche Probleme gehören quasi zum Alltag der Vendée. Ihren Kollege Kevin Escoffier hat es jedoch richtig schwer erwischt: Sein Schiff ist mitten im Südpolarmeer einfach in der Mitte auseinandergebrochen, er konnte sich gerade noch eine aufblasbare Rettungsinsel greifen, auf der er dann auf hoher See trieb. Sie gehörten zu den Seglern in seiner Nähe, die Escoffier suchten, mitten in der Nacht. Was geht einem durch den Kopf, wenn man in der Dunkelheit auf dem Meer nach einem kleinen Licht sucht?

Ein widersprüchliches Gefühl: Auf der einen Seite Hoffnung und Elan, auf der einen Seite hat man die eigenen Grenzen klar vor Augen. Ich wusste: Ich komme relativ langsam voran, mit meinen bloßen Augen kann ich nur wenig Fläche abscannen und nur die Vorderseite der Wellenkämme sehen. Dann merkt man, wie groß das Meer ist, und wie klein so ein einzelner Mensch auf seinem kleinen Boot.

Escoffier wurde schließlich von einem Kollegen gefunden und geborgen. Sie und Ihre Mitstreiter bekamen für die Rettungsaktion einen Zeitbonus, und weiter ging es. Und wie: Sie lagen kurzzeitig in Front, wenige Tage vor dem Zieleinlauf hatten Sie die Chance auf den Sieg. Und dann prallen Sie wenige Stunden vor dem Ziel auf einen Fischtrawler, alle Chancen aufs Podium dahin. Wie oft denken Sie noch an diese Sekunden?

Gar nicht. Ich habe eine gewisse Abwehrhaltung dagegen entwickelt und meinen Frieden damit gefunden. Aber ich werde natürlich ständig danach gefragt, vielleicht verstärkt das diese Abwehrhaltung.

Entschuldigung …

Das Wichtigste war doch: Das Ziel war erreicht. Wir sind angekommen, mit einem achtbaren Ergebnis. Wir haben unser Abenteuer mit der Öffentlichkeit geteilt, in einem Maße, wie es nicht vorhersehbar war. Es ist alles klasse gelaufen. Ganz ehrlich: Es war mir egal, ob ich auf Platz drei lande oder Platz fünf. Im Gegenteil hat mir der Crash etwas bewusst gemacht: Es gibt so viele Faktoren, die schief laufen können. So eine blöde Kollision hätte ja auch mit einem Wal passieren können oder einem Container. Es ist ein Privileg, bei der Vendée anzukommen. Es gehört viel gute Vorbereitung dazu und Geschick, aber auch viel Glück. Ich wurde von den Elementen, von der See durchgelassen - so denke ich darüber. Wir werden in Zukunft alles versuchen, um so etwas zu verhindern. Aber es ist passiert, und ich mache mir nicht allzu viele Gedanken.

Eine Frage muss ich dazu trotzdem noch stellen: Mich hat verwundert, dass in Ihrer Schilderung die Leute an Bord nicht vorkommen. Der Kapitän des Bootes hatte sich ja auch via Medien beschwert, dass Sie sich nicht gemeldet haben. Warum haben Sie das nicht getan?

Der Leidtragende war eindeutig ich. Es war ein Riesenschiff, das vielleicht ein paar Kratzer in der Bordwand davongetragen hat, die Leute oben waren nicht in Gefahr und nicht verletzt, das habe ich sofort gesehen. Deswegen war nach dem Unfall meine Pflicht, mein Boot zu sichern, damit es nicht sinkt oder der Mast bricht. Über alles andere wollte ich später nachdenken, das war in dem Moment meine Einschätzung. Es ist so, als würde ein Fahrradfahrer gegen einen Panzer fahren - da fragt man auch nicht, ob der Panzerfahrer sich erschrocken hat, sondern schaut, ob es dem Fahrradfahrer gut geht.

Worauf haben Sie sich am meisten gefreut, als Sie dann Stunden später in Les Sables-d'Olonne eingelaufen sind?

Natürlich darauf, meine Frau und mein Kind in den Arm zu nehmen. Aber auch auf die Erlösung von all dem Stress. Das ist der schönste Moment des Rennens, wenn der Druck abfällt und man weiß: Jetzt hängt nicht mehr alles von mir allein ab.

Werden Sie eigentlich nach so langer Zeit auf dem Boot landkrank?

Davon habe ich öfter gehört, aber mir ist das noch nie passiert, nein.

Andere würden nach einer solchen Reise vielleicht erst einmal mindestens 80 Tage Urlaub machen. Sie haben sich sofort in Ihrem Arbeitszimmer verbarrikadiert und das nächste Projekt geplant. Ist es das, was man nach der Erfüllung eines Lebenstraumes macht: einfach weiter?

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Wir überlegen schon seit 2019, wie es nach der Vendée weitergeht, und die Idee war: Wir starten 2022 beim Ocean Race, mit einem neuen Schiff, wenn wir es finanzieren können. Vor der Vendée haben wir es nicht geschafft, danach hatten wir nur ein kleines Zeitfenster. Die Uhr tickte ab dem Moment, an dem ich angekommen bin, also haben wir zwei Wochen für Medientermine reserviert und dann Vollgas gegeben.

Es hat geklappt, Sie wollen mit dem neuen Schiff beim Ocean Race und danach wieder bei der Vendée Globe ins Rennen gehen, das nächste Megaprojekt also. Dabei haben Sie während des Rennens Ihren Freunden getextet: "Erinnert mich daran, nie wieder teilzunehmen!"

Tja, das haben meine Freunde wohl verpasst ...

In Ihrem Buch haben Sie über die Hoffnung geschrieben, nach Ihrer Rückkehr mehr Muße für den Moment zu gewinnen, Ihr Leben mehr wertzuschätzen. Hat das, bei allem Stress, geklappt?

Schon. Vor dem Rennen hatte ich eine große Sorge: Wie gehe ich damit um, wenn mein Boot kaputt geht und das Rennen nicht zu Ende segeln kann? Es wäre schwierig, dann einen Frieden zu finden. Jetzt weiß ich: Man kann sich einen Lebenstraum erfüllen. Diese Erfahrung gibt mir Freude und Energie, weitere Träume zu verfolgen.

Mit Boris Herrmann sprach Christian Bartlau

Quelle: ntv.de

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