Sport
Donnerstag, 13. September 2007

"Schock für alle im Team": McLaren hart bestraft

Drakonische Strafe für die Silberpfeile: Trotz aller Unschuldsbeteuerungen ist das Formel-1-Team McLaren-Mercedes wegen der Spionage mit einem Rekord-Bußgeld von 100 Millionen Dollar belegt worden. Außerdem werden dem Rennstall alle in dieser Saison gewonnenen Punkte in der Konstrukteurs-WM aberkannt.

Die in der WM-Wertung führenden Silberpfeil-Piloten Lewis Hamilton und Fernando Alonso werden nicht bestraft und dürfen ihre WM-Punkte behalten. Über ein mögliches Strafmaß die Saison 2008 betreffend wurde noch nicht abschließend entschieden.

Kein WM-Ausschluss

Das beschloss das World Motor Sport Council des Automobil-Weltverbandes FIA nach zehnstündiger Anhörung in Paris. Damit revidierte das Gremium das Urteil aus erster Instanz vom 26. Juli. Damals waren die Silberpfeile aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden.

"Das Urteil ist ein Schock für alle im Team und, wie Reaktionen beim Publikum zeigen, auch für weite Teile draußen. Wir kämpfen aber jetzt erst Recht mit aller Entschiedenheit weiter, um auf der Piste Antworten zu geben, wie zuletzt in Monza, und neben der Rennstrecke vor Gericht Gerechtigkeit zu finden", sagte Norbert Haug in einer ersten Reaktion. Der Mercedes-Sportchef war sichtlich betroffen, obwohl das Team der Höchststrafe, einem WM-Ausschluss, entgangen war.

Fahrer für Kooperation belohnt

"McLaren verliert alle Punkte und kann in dieser Saison auch keine mehr holen", sagte FIA-Präsident Max Mosley wenige Minuten nach der Urteilsverkündung. Das Fahrer-Duo werde aufgrund "außergewöhnlicher Umstände" nicht bestraft, meinte der gelernte Jurist und erläuterte: "Sie haben mit uns zusammengearbeitet und wertvolle Informationen gegeben. Deshalb dürfen sie ihre Punkte behalten." Wenn die Rennautos von McLaren-Mercedes für 2008 in Ordnung seien, verriet Mosley, würde nichts weiter passieren: "Aber das wissen wir erst im Dezember."

Über einen möglichen Einspruch gegen die Entscheidung will McLaren-Mercedes erst beraten, wenn alle Details der Urteilsbegründung vorliegen. Das soll laut FIA am Freitag der Fall sein. McLaren-Chef Ron Dennis zeigte sich nach dem Schuldspruch enttäuscht von der Entscheidung, wenngleich er betonte: "Das Wichtigste ist, Rennen zu fahren, an diesem Wochenende, für den Rest der Saison und in jeder kommenden Saison.

Gerechtigkeit und Wahrheit

Allerdings hätten alle vorgelegten Beweise und Aussagen der Fahrer und vieler Teammitglieder klar gezeigt, "dass wir keine der Informationen benutzt haben, um uns einen Vorteil zu verschaffen. Wir haben zu keiner Zeit Gedankengut eines anderen Teams benutzt." Von dem E-Mail-Verkehr zwischen den Fahrern, den die FIA als neuen Beweis vorgelegt habe, hätte das Team nichts gewusst.

Ferrari-Boss Luca di Montezemolo hatte zuvor verlauten lassen, dass es ihm nur um "die Gerechtigkeit und nichts als die Wahrheit" gehe, an den WM-Titel habe er dabei überhaupt nicht gedacht. Wenn dieser durch die Strafe eines Konkurrenten errungen werden sollte, hätte er aber nichts dagegen gehabt: "Eine WM am grünen Tisch ist auch ein Erfolg." In einem ersten Statement nach dem Urteil, zeigte sich die Scuderia "zufrieden, dass die Wahrheit ans Licht gekommen ist".

Vergebliche Unschuldsbeteuerungen

Bei McLaren-Mercedes beteuerten alle Verantwortlichen stets die Unschuld. "Wir können mit Fug und Recht behaupten, nicht irgendetwas gemacht zu haben, was nicht erlaubt ist. Wir haben nichts kopiert, sondern ein Auto gebaut mit unseren Ideen - und ich denke, das hat man in Monza gesehen", hatte Haug noch voller Zuversicht vor der Anhörung gesagt.

McLaren-Mercedes liegt vor dem 14. von 17 WM-Läufen am Sonntag (14.00 Uhr/RTL) im belgischen Spa in beiden WM-Wertungen klar vor dem Rivalen Ferrari. In der Fahrer-WM führt Neuling Lewis Hamilton mit drei Punkten vor Titelverteidiger Fernando Alonso. Auf den Plätzen drei und vier folgen die Ferrari-Piloten Felipe Massa und Kimi Räikkönen.

Zufall brachte Affäre ans Licht

Ausgelöst hatte die Affäre der einstige Ferrari-Chefmechaniker Nigel Stepney (England), der zu Beginn des Jahres von der Scuderia ins Testteam versetzt worden war, nachdem er sich zuvor offen mit Abwanderungsgedanken getragen hatte. Stepney soll danach geheime Daten, die insgesamt 780 Seiten umfassen, an seinen Freund Mike Coughlan geschickt haben.

Dessen Frau war aber beim Kopieren in einem Copy-Shop erwischt worden. Coughlan, der bis dahin als Chef-Designer für McLaren gearbeitet hatte, war von dem Team umgehend entlassen worden.

von Thomas Straka, sid

Quelle: n-tv.de