Sport

Cliff Diving am Rande des WahnsinnsMit Angst im Nacken immer höher

18.06.2011, 08:00 Uhr

Aus über 27 Metern in die Tiefe: Wenn sich heute die besten Klippenspringer der Welt beim Cliff Diving in La Rochelle messen, fallen die Rekorde ins Wasser. Mehr als 70.000 Zuschauer werden kommen, um die Athleten aus einer noch nie dagewesenen Höhe in die Tiefe stürzen zu sehen. Dabei springt die Angst stets mit. Sagt Gary Hunt. Und der muss es wissen.

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Jedes Mal, wenn wir zu einem neuen Wettkampf reisen, ist der erste Sprung immer am schlimmsten": Gary Hunt. (Foto: REUTERS)

Es grenzt fast schon an Wahn, sich aus 27,5 Metern in ein Hafenbecken zu stürzen - vor allem, wenn dieses nur für zwei Stunden am Tag tief genug ist, um einen Sprung überhaupt aufzufangen. Für 13 Wagemutige ist aber dieser Nervenkitzel genau das, was sie antreibt. Am heutigen Samstag gastiert die Red-Bull-Cliff-Diving-Serie in La Rochelle und macht aus dem sonst so beschaulichen Badeort an der französischen Atlantikküste ein Tollhaus.

Vor der Rekordkulisse von 70.000 Zuschauern wird sich die Weltelite des Klippenspringens um Weltmeister Gary Hunt von einer Plattform am Tour St. Nicolas, einem über 600 Jahre alten Wachturm, mitten in das Hafenbecken der Stadt stürzen. Zum ersten Mal überhaupt von einer Höhe über 27 Meter. Durch den Gezeitenwechsel haben die High Diver zudem für den Wettkampf nur ein Zeitfenster von zwei Stunden - danach würde jeder Sprung erst am Grund enden. "Der Wettkampf wird sehr hart, aber auch sehr interessant werden", sagt Hunt. "Mit dieser Masse an Zuschauern im Rücken wird das Springen zu etwas Besonderem."

"Sehr angsteinflößend und nervenaufreibend"

Ein Springen wie jedes andere gibt es sowieso nicht, jede der sieben Weltcup-Stationen stellt die Extremsportler vor neue Herausforderungen: "Jedes Mal, wenn wir zu einem neuen Wettkampf reisen, ist der erste Sprung immer am schlimmsten", sagte Hunt, der auch in der aktuellen Saison das Klassement anführt. "Sehr angsteinflößend und nervenaufreibend - du denkst auf einmal, du hast alles über das Klippenspringen vergessen." Für den 27-jährigen Briten ist die Angst aber auch das, "was man unbedingt braucht, um auf dem Boden zu bleiben und sich zu konzentrieren".

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"Sehr angsteinflößend und nervenaufreibend - du denkst auf einmal, du hast alles über das Klippenspringen vergessen." (Foto: REUTERS)

Schon bei den Trainingssprüngen wurde aber deutlich, dass die Zuschauer fast noch mehr um ihre Helden zittern als die Springer selbst. Bei wohl keiner anderen Sportart sind Tausende von Menschen im Moment der Aktion so ruhig und angespannt wie beim Klippenspringen - um dann beim Auftauchen in tosenden Jubel auszubrechen. "Wenn man auf der Plattform steht, hat man einen absoluten Tunnelblick", sagte der WM-Elfte Alain Kohl. "Erst nach dem Sprung sieht man: Oh, hier ist ja ganz schön was los." Wie die meisten kommt Kohl aus dem normalen Wasserspringen. "Die Technik hier liegt schon sehr nahe am Wasserspringen", sagt der 28-jährige. Bei maximal zehn Metern Höhe "verliert man aber irgendwann ein bisschen den Kick", sagte der Luxemburger. "Ich werde, bis ich da bin, wo ich hin will, weiter versuchen, die Grenzen noch weiter auszureizen."

Mindestens dreimal müssen die Athleten heute genau das versuchen und in die Tiefe springen. Die sechs, die dabei die spektakulärsten Salti und Schrauben zeigen, dürfen zum vierten Sprung zurück auf die Plattform. Anders als in vielen anderen Sportarten ist die Wertung aber nebensächlich. "Wir sind wie eine kleine Familie", sagte Kohl. "Das, was man auf der Plattform zusammen durchmacht, das schweißt zusammen." Wo die Grenzen beim Cliff Diving liegen, ist nicht abzusehen. Kohl: "Die Olympischen Spiele wären sicher ein Ziel für die nächsten Jahre und eine große Herausforderung für jeden Springen". Bis dahin werden die Höhen-Rekorde mit Sicherheit weiter fallen; der Tour St. Nicolas ist im Übrigen insgesamt 42 Meter hoch.

Quelle: Jan Mies, sid