Experte sieht kein VersagenTodesdrama auf dem Nürburgring "kein typischer Nordschleifen-Unfall"

Nach dem tödlichen Unfall des Finnen Juha Miettinen auf dem Nürburgring läuft die Ursachenforschung. Motorsport-Experte Christian Danner sieht zurzeit keine Anzeichen für Sicherheitsversagen - und räumt mit einem Mythos auf.
Der frühere Rennfahrer Christian Danner sieht die besondere Charakteristik des Nürburgrings nicht als ursächlich für den tödlichen Unfall des Finnen Juha Miettinen am Samstag. "Dieser Unfall hatte mit dem Thema Nürburgring-Nordschleife erstmal nichts zu tun. Das war kein typischer Nordschleifen-Unfall", stellte Danner bei RTL/ntv klar. Der mythische Kurs in der Eifel sei zwar die "gefährlichste und schwierigste Rennstrecke der Welt - das ist eine Tatsache". Die simple Interpretation, wonach der Mythos "Grüne Hölle" am Samstag sein nächstes Opfer gefordert habe, greife aber viel zu kurz, so der ehemalige Formel-1- und Tourenwagen-Pilot: "Der Unfall hätte überall passieren können."
Miettinen hatte in der Startphase des Qualifikationsrennens für die 24 Stunden im Mai bei einem Unfall schwere Verletzungen erlitten. Trotz sofort eingeleiteter Rettungsmaßnahmen starb der 66-Jährige noch im Medical Center des Nürburgrings. In den Unfall waren insgesamt sieben Autos verwickelt, sechs weitere Fahrer kamen vorsorglich ins Medical Center und umliegende Krankenhäuser. Zur Unfallursache gibt es noch keine offiziellen Statements des Veranstalters ADAC, weil dieser - wie in solchen Fällen üblich - die Polizei eingeschaltet hat. Diese wiederum hat die Ermittlungen an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet.
"Der Motorsport hat auch sehr hässliche Seiten. Was auf der Nordschleife passiert ist, war eine dieser hässlichen Seiten, ein tödlicher Unfall. So etwas einzuordnen, ist schwierig, weil man den Ablauf des Unfalls, der eine Verkettung vieler unglücklicher Umstände war, sehr langsam und analytisch aufdröseln muss", erläuterte Danner, der in seiner Karriere dutzende Rennen auf dem Nürburgring bestritten hat. Veranstalter und Staatsanwaltschaft würden den Hergang nun "akribisch rekonstruieren", so der 68-Jährige. "Das ist auf einer permanenten Rennstrecke heute zum Glück sehr gut möglich. Dann geht es in die Analyse: Was hätte unter Umständen anders, besser, oder eben auch nicht anders gemacht werden können und dann wird entsprechend weiter entschieden."
Wie wenn man plötzlich "auf Glatteis kommt"
Als wahrscheinlichste Ursache für die verhängnisvolle Massenkollision gilt eine Ölspur im Streckenabschnitt Klostertal/Seilstrecke. Dafür spricht, dass an entsprechenden Stellen Warnflaggen geschwenkt wurden. "Es war wohl ganz klar entweder Kühlwasser oder eine Ölspur, auf jeden Fall wurde eine Flüssigkeit auf dem Asphalt verbreitet und die führt dazu, dass sich die Gripverhältnisse dramatisch verändern", sagte Danner. "Das ist ungefähr so, als wenn man mit einem normalen Auto auf trockenem Asphalt fährt und dann auf Glatteis kommt. Da ist als Fahrer nicht mehr viel zu machen und man ist sehr abhängig, ob einem die Streckenposten signalisieren: Achtung da ist etwas passiert. Das heißt, nicht nur Gelbe Flaggen im Sinne von Gefahr, sondern auch Gelb-Rot, Achtung, es ist rutschig." Ob diese Automatismen reibungslos funktioniert haben, "muss man analysieren", so Danner.
Im Motorsport sei es allerdings "nicht unüblich, dass so eine Verkettung unglücklicher Umstände streckenunabhängig vorkommt. Die genaue Analyse wird ergeben, was, wann passiert ist. So etwas kann nun einmal passieren. Bei aller Vorsicht im Cockpit: Ganz gefeit ist man davor nicht", betonte Danner. Anzeichen für ein Sicherheitsversagen erkennt der RTL-Experte zum jetzigen Zeitpunkt nicht. "Wie wir die Situation jetzt sehen, hätte man nichts besser machen können." Zu einem solch tragischen Unfall gehöre aber auch dazu, "dass man die Fakten nüchtern auf den Tisch legt und sagt: Was können wir daraus lernen? Dieser Vorgang ist bereits jetzt in Gange."
Nürburgring-Serie "sicherheitspolitisch ganz weit oben angesiedelt"
Der Nürburgring und seine Langstreckenserie NLS sei "seit Jahren bekannt, das Thema Sicherheit auf der Strecke groß zu schreiben", sagte Danner. So gebe es etwa spezielle Zonen mit Geschwindigkeitsbeschränkungen. "Werden diese bei Gefahr nicht eingehalten, gibt es sofort einen Lizenz-Entzug. Wer glaubt, er kann trotzdem schneller fahren, ist seine Lizenz sofort los. Diese Konsequenz ist außerordentlich wichtig und zu 100 Prozent richtig. Für mich ist diese Serie sicherheitspolitisch ganz weit oben angesiedelt. Trotzdem kann immer etwas passieren." Gehe die Verkettung unglücklicher Umstände so schnell vonstatten, könne ein Unfall passieren, ehe die entsprechende Sicherheitswarnung ausgerufen wird.
Dass der BMW 325i des erfahrenen Amateurpiloten Miettinen den Anforderungen des Nürburgrings nicht gewachsen war, glaubt Danner ebenfalls nicht. "Die technische Abnahme ist streng: da gibt es nur okay oder nicht okay", sagte er. Man könne allerdings ohne weiteres diskutieren, "ob man die Sicherheitsstandards verändert. Hier und Heute hat dieses Auto den technischen Voraussetzungen absolut entsprochen. Man darf nicht außer Acht lassen. Es bleibt im Motorsport ein Restrisiko."