Ex-Champion ist wieder daTyson Fury und die gefährliche Sucht des Boxens

Tyson Fury ist wieder da: Das Enfant Terrible des Boxens feiert gegen einen riesigen Russen das x-te Comeback. Was die Folge einer bekannten Sucht ist, könnte für Fury gefährlich werden. Der Brite macht schon sein "Testament".
Geht es nach John Fury, ist das Comeback von Tyson Fury keine gute Idee. "Er ist 38 (im August, Anm. d. Red.) und die Leute setzen ihm Nonsens in den Kopf", sagte "Big John" im Interview mit "Playbook Boxing".
Mehr noch: Der Vater, früher selbst Boxer und Bare-Knuckle-Kämpfer, sieht in der Ring-Rückkehr seines Sohnes ein großes Risiko. "Alles, was ich je zu ihm gesagt habe, war: Wenn ich in deiner Ecke wäre und du Probleme bekommst, würdest du nicht sterben. Aber wenn er mit diesen Leuten in seiner Ecke in Schwierigkeiten gerät, könnte er tot sein oder mit einem Gehirnschaden fürs Leben enden", rief Fury Senior Alarmstufe Rot aus. Der Boxsport habe die Beziehung zu seinem Jungen leider "komplett zerstört". Ein Boxer brauche aber eine schützende Hand, sinnierte der 60-Jährige. "Sie (Furys Team, d.Red.) werden das nicht tun. Sie werden nicht das Handtuch werfen und ihn nicht rausnehmen. Ihre Egos sind größer als Tyson, größer als der Kampf selbst, und so werden Leute in diesem Sport ernsthaft verletzt. Man hat es schon gesehen: Ein Schlag, Bang und es ist vorbei! Es kann ganz einfach passieren, es ist ein gefährlicher Sport."
Eine scharfe Kritik an Furys Trainer Sugar Hill Steward, dem Neffen der verstorbenen Trainer-Ikone Emanuel Steward, und Manager Spencer Brown, der in der Karriere des Box-Superstars seit Jahren die Fäden zieht. Laut John Fury hat sein Sohn ein grundlegendes Problem, das ein Leben als Preiskämpfer verbietet. Seit den erbarmungslosen Duellen mit Knockout-König Deontay Wilder habe Tyson "keine Beine mehr". Er verstehe zwar, dass sein Sohn "sich selbst testet. Aber ich sage euch: Seine Beine sind nicht mehr da. Er wird das erst glauben, wenn der Gong schlägt."
Auch Muhammad Ali konnte nicht loslassen
Der Gong schlägt für Tyson Fury am Samstagabend im Tottenham Stadium von London gegen Arslanbek Makhmudov. Es ist ein Comeback, mit dem in der Box-Szene eigentlich jeder gerechnet hat. Anfang 2025, wenige Wochen nach der zweiten Niederlage in Riad gegen Schwergewichts-König Oleksandr Usyk, hatte der Engländer sein Karriereende verkündet - doch weil das in Furys Karriere alle Jahre lang passierte, kaufte ihm keiner einen dauerhaften Renteneintritt ab.
Sei Dad wolle "einfach nur das Beste für mich", reagierte Fury auf die verbitterten Töne des Vaters. "Er will, dass ich aufhöre, aber wenn es so einfach wäre, hätte ich mich schon fünfmal verabschiedet. Ich kann nicht loslassen. Kämpfen ist alles, was ich je kannte und was ich jemals kennen werde. Ich habe so oft versucht, aufzuhören, aber es (das Boxen) hat mich jedes Mal zurück gezerrt." Um Geld und Ruhm gehe es ihm nicht, beteuerte er: "Ohne Boxen, hat mein Leben keinen Zweck und ich sehe keine Zukunft. Ich habe alles versucht: promoten, managen und das tue ich auch jetzt, aber der Kitzel der Jagd fehlt. Es gibt nichts Vergleichbares, als im Ring zu stehen und sich von großen Schwergewichtlern verprügeln zu lassen. Das turnt mich an."
Fury ist beileibe nicht der erste Ex-Weltmeister, der es nicht schafft, von der großen Bühne abzutreten. Muhammad Ali ist das traurigste und berühmteste Beispiel. Noch Anfang der achtziger Jahre kassierte der "Größte" böse Schläge. Das Parkinson-Syndrom hatte den einst so wendigen Körper da schon befallen. Alis legendärer Vorgänger Joe Louis war 1951 ebenfalls längst übern Berg, als ihn der aufstrebende Rocky Marciano zertrümmerte. Beide waren in Furys Alter.
Was treibt einen Boxer an? "Die Gier nach dem Geld und die Angst vor Schlägen", hat die deutsche Box-Legende Gustav "Bubi" Scholz einmal gesagt. So ähnlich klingt nun auch Fury. Und natürlich geht es dem Briten nicht nur um den Adrenalin-Kick zwischen den Seilen. Das Geld spielt schon auch eine Rolle. "Es gibt nichts Besseres, als einem Mann ins Gesicht zu hauen und dafür bezahlt zu werden", hatte Fury unmittelbar nach dem Verkünden seiner Wiederkehr in den Sozialen Medien geträllert. Klar ist: Die Kasse wird stimmen. Streaming-Gigant Netflix überträgt die Comeback-Show aus dem Tottenham Stadium weltweit. Federführender Promoter des Events ist Furys Manager Brown. Der schlitzohrige Engländer hat sicher keinen schlechten Deal für seinen Protegé ausgehandelt.
Kabayel vermöbelte Furys Comeback-Gegner einst
Was hat der "Gypsy King" sportlich noch drauf? Hat sein "ungefilterter" alter Herr ("ich sage die Dinge, wie ich sie sehe") mit seiner schwachbeinigen Diagnose Recht? Oder spricht aus John Fury nur die Enttäuschung eines Ausgeschlossenen, der - anders als zunächst angekündigt - im Team Fury keine Rolle mehr spielt? Die Antworten wird Tyson Fury im Ring geben. Hat er in den 18 Monaten Pause, in denen er unter anderem die zweite Staffel seiner Netflix-Serie "At Home with the Furys" drehte, nicht allzu viel Rost angesetzt, sollte der als Aufbaugegner erkorene Arslanbek Makhmudov eine machbare Aufgabe sein.
Der Zwei-Meter-Russe, einst als "Bogeyman" des Schwergewichts gehandelt, ist allerdings kein Fallobst. Gewiss: Vom Bochumer "Leberking" Agit Kabayel kassierte Makhmudov Ende 2023 eine veritable Tracht Prügel, die ihn aus der Spur warf. Im Jahr darauf verlor er auch gegen den Italiener Guido Vianello. Aber: Makhmudov meldete sich im Vorjahr mit einem soliden Punktsieg gegen den britischen Fan-Liebling Dave Allen zurück. Der 36-jährige "Löwe", der in Kanada lebt, mag technisch limitiert sein. Dass Makhmudov (19 K.o.-Siege in 23 Kämpfen) hart schlägt, ist unbestritten. Fury hätte sicher einen leichteren Gegner haben können, um aus dem Ruhestand zurückzukommen.
Boxerisch ist Fury seinem Kontrahenten freilich turmhoch überlegen. Auf dem Papier bietet er nach wie vor ein eindrucksvolles Gesamtpaket. Einen derart versierten, agilen 2,06-Meter-Riese, der die Facetten des Konterboxens wie die Modi des Dampfwalzenkampfes beherrscht, gibt es im Schwergewicht sonst nicht. Und auch kein Boxer hat Usyk, den Meister aller Klassen, derart in den roten Bereich getrieben, wie Fury mit seinem stilistischen Reichtum. "Ich werde den Kopf von seinen Schultern schlagen", tönte Fury auf der Pressekonferenz in London Richtung Makhmudov. Nach vier Runden werde dessen Gesicht wie der Hackblock eines Metzgers aussehen. Trash Talk konnte Fury schon immer.
Alle wollen Fury gegen Joshua sehen
Schon bei einem halbwegs überzeugenden Sieg gegen Makhmudov, stehen Fury die Türen im Schwergewichts-Business weit offen. Der Rückkehrer hat schon Interesse an einem Kampf gegen den Sieger der WBO-WM zwischen Fabio Wardley und Daniel Dubois am 9. Mai in Manchester signalisiert. Ein drittes Mal Schwergewichts-Weltmeister werden und mit Box-Legenden wie Ali oder Lennox Lewis gleichziehen - das reizt den Box-"Historiker" Fury, auch wenn dieser stets vorgibt, Rekorde und Statistiken seien ihm egal.
Es ist allerdings eine andere "Battle of Britain", die Fury und die gesamte Boxwelt erregt: der langersehnte Blockbuster gegen Superstar Anthony Joshua. Zuletzt machten Gerüchte die Runde, die englischen Faustkampf-Giganten hätten sich bereits auf einen Showdown Ende des Jahres geeinigt. Joshua-Promoter Eddie Hearn dementierte zwar eilig. Fury betonte im Vorfeld seiner Tottenham-Show aber: "Ich denke, wir sollten diesen Kampf so schnell wie möglich machen, nicht, dass dazwischen etwas passiert." Joshua hatte angedeutet, vor einem möglichen Duell mit Fury erst noch gegen den Amerikaner Deontay Wilder zu boxen, um sich einzustimmen. "Unser Kampf sollte in den letzten zehn Jahren so oft passieren", entgegnete Fury. Zu oft hätten alle Beteiligten gedacht, "wir machen noch einen Kampf dazwischen. Etwas geht schief oder jemand verletzt sich oder was auch immer."
Der deutsche Titelanwärter Agit Kabayel wird sich den Kampfabend in London genau anschauen. Einerseits, um seinen Landsmann Simon Zachenhuber anzufeuern, der im Vorprogramm boxt. Andererseits natürlich, um zu sehen, was sein "Kumpel" Fury gegen den Mann reißt, den er selbst einst problemlos verdroschen hat. Ein Duell gegen Fury strebt Kabayel nicht an. Vielmehr dürfte er hoffen, dass sich der "Gypsy King" überzeugend zurückmeldet und sich schnell mit Joshua einig wird. Fury stünde dem Interims-Weltmeister des Verbandes WBC dann nicht im Wege zum erhofften Kampf gegen König Usyk.
Der Ukrainer hatte im Interview mit der Box-Bibel "The Ring" unlängst drei Gegner aufgezählt, gegen die er noch(mal) boxen wolle, ehe er die Handschuhe an den Nagel hängt: Kickbox-Legende Rico Verhoeven, auf den Usyk am 23. Mai in einem absurden Spektakel an den Pyramiden von Gizeh trifft; den Sieger aus Wardley vs. Dubois; und eben seinen "Freund" Tyson Fury, den "greedy belly". Wird der "gierige Bauch" allerdings mit dem finanziell nicht zu toppenden Kampf gegen Joshua gestopft, muss sich Usyk umorientieren. Zuletzt machte der 39-Jährige seinem Pflichtherausforderer Kabayel leise Hoffnung auf einen WM-Kampf. "Vielleicht werde ich nicht ein drittes Mal auf Tyson Fury treffen und stattdessen gegen Kabayel kämpfen", sagte Usyk der "Daily Mail".
Fury erlebte schon eine Auferstehung
Um den Fans (und den Streaming-Kolossen à la Netflix) den Kassenschlager mit Joshua oder Teil drei mit Usyk schmackhaft zu machen, muss Fury gegen Makhmudov erst einmal zeigen, dass er es noch draufhat. Von der Trilogie der beiden besten Schwergewichtler der 20er Jahre hält einer schon jetzt überhaupt nichts: John Fury. "Nichts wird sich ändern: Tyson wird schwächer und Usyk wird stärker", grantelte der Vater. Aber Tyson Fury hört schon lange nicht mehr auf das, was Papa und/oder andere ihm raten. Und wenn er in seiner achterbahnartigen Karriere eines bewiesen hat, dann das: Er kann Comeback.
2016 war Fury nach seinem Sensationssieg über Wladimir Klitschko im November 2015 komplett abgestürzt. Der Riese fiel in ein Loch aus Alkohol, Drogen, Junk Food und Depressionen. Als Fury Anfang 2018, auf fast 180 Kilo aufgedunsen, während eines Spaziergangs keuchend seine Rückkehr in den Boxsport verkündete, nahm ihn kaum einer für voll. Doch Fury belehrte Spötter und Kritiker eines Besseren. Mitte des Jahres hatte er zwar noch immer zu viel Speck auf den Rippen, war aber wieder kampftauglich. Ende 2018 forderte er den gefürchteten K.-o.-Schläger und WBC-Weltmeister Deontay Wilder in Los Angeles.
Der "Bronze Bomber" schickte den Gast von der Insel in der Schlussrunde mit einer fürchterlichen Kombination aus rechter Hand und linkem Haken zu Boden. An dem Knockout gab es keinen Zweifel. Doch wie durch ein Wunder kam Fury zu Sinnen, während der Ringrichter zählte. Bei 9,9 stand er wieder - und dominierte den Rest der Runde sogar noch. Hinterher sprach der gläubige Christ von einer "göttlichen Intervention", die ihn erweckt habe, nachdem Wilder das Licht ausgeknipst hatte. Obwohl Fury den Großteil des Kampfes bestimmte, urteilten die Punktrichter remis. Ein Witz. Geblieben ist das Wunder der Auferstehung in Runde zwölf.
Fury lebt seit diesem unwahrscheinlichen Comeback anders. Zwischen seinen Kämpfen geht er nicht mehr auf wie Omas Hefeteig, stattdessen trainiert er diszipliniert, hat, egal wohin er geht, immer die Sporttasche dabei. Das Schicksal Depressionen, das auf eine bipolare Verhaltensstörung zurückzuführen ist, hat Fury angenommen, öffentlich gemacht und damit viele Betroffene ermutigt, sich helfen zu lassen.
"Tragt mich raus aufs Feld und erschießt mich"
Den WBC-Gürtel holte sich Fury im Februar 2020 gegen Wilder dann doch noch durch Technischen K.o. Eineinhalb Jahre später traf der Mann aus Morecambe erneut auf seinen Erzrivalen. Teil drei wurde eine spektakuläre Abnutzungsschlacht, bei der Fury selbst zweimal Ringstaub bohnerte, ehe seine rechte Pranke in der elften Runde entscheidend zuschlug. Kämpfe, die Spuren hinterlassen haben. Im April 2022 sagte Fury nach einem Sieg im Wembley-Stadion über Dillian Whyte vor 94.000 Fans Goodbye - es war reine Publicity. Ein paar Monate später kehrte er im Tottenham Stadium zurück und vermöbelte zum dritten Mal seinen hilflosen Landsmann Derek Chisora. 60.000 Briten sahen zu, so viele, wie auch jetzt am Samstag in die Arena von Tottenham Hotspur kommen werden.
Der 42-jährige Chisora hat erst vergangenes Wochenende wieder geboxt. Zum 50. Mal. Gegen den 40-jährigen Deontay Wilder. In Greenwich hauten sich die Oldies zwölf Runden auf die Murmel. Die Meute am Ring johlte und doch war es ein trauriges Spektakel. "Es war herzzerreißend. Ich habe noch nie zwei Männer so sehr abbauen sehen wie die beiden", kommentierte Fury das Schauspiel seiner offensichtlich abgetakelten Berufskollegen. "Ich frage mich: Bin ich verdammt nochmal der Nächste? Bin ich es?"
John Fury hat seine Antwort gegeben. Und Tyson Fury ein "Testament" verteilt. "Ich hab' zu den Jungs gesagt. Wenn ich in meinem Kampf auch nur zehn Prozent so schlecht bin wie die beiden (Wilder und Chisora,d.Red.) - tragt mich raus aufs Feld und erschießt mich."