Trauriges EM-Aus des DressurstarsWunderpferd Totilas droht Karriereende

Starhengst Totilas und Reiter Matthias Rath verpatzen EM-Gold. Später räumt die deutsche Equipe ein: Es gab eine Taktunreinheit, die von einer Verletzung herrührt. Konsequenz: Totilas tritt bei der EM nicht mehr an - und schon wird über sein Karriereende geredet.
Mit dem verletzungsbedingten Aus bei der Dressur-EM dürfte sich auch die Karriere des Millionenhengstes Totilas unter Reiter Matthias Rath (Kronberg) dem Ende zuneigen. Denn eines wurde in Aachen deutlich: Der lackschwarze Hengst hat keine Kraft mehr.
Noch halten sich die Beteiligten mit Prognosen über die Blessur am Hinterbein zurück. "So weit können wir jetzt nicht denken, weil wir die Ursache für die Verletzung nicht kennen", sagte der deutsche Equipechef Klaus Roeser mit Blick auf Olympia 2016. Und Reiterpräsident Breido Graf zu Rantzau meinte zu einem möglichen Karriere-Aus: "Das kann ich nicht beurteilen." Und fügte an: "Wir sehen das vorzeitige Ende aber nicht das erste Mal bei ihm."
Mehr und mehr fiel das Millionenpferd in den letzten Jahren Verletzungen zum Opfer. 2012 war es noch die Krankheit von Reiter Matthias Rath, die das Olympia-Aus brachte. 2013 war es bei Totilas eine Verletzung nach einem Deckeinsatz, 2014 eine Blessur am Überbein, 2015 nun eine Unreinheit am linken Hinterbein. Kein Equipechef kann es sich erlauben, diesen Wackelkandidaten noch einmal im nächsten Jahr für Olympia zu nominieren. Und danach ist Totilas mit 17 Jahren schon fast zu alt für den Wettkampf auf höchstem Niveau. Man muss sich daran gewöhnen, dass dieses Ausnahmepferd im Sport bald nicht mehr seine Runden dreht.
Mythos dank Millionensumme
Was hatte der Hengst bei seiner Verpflichtung durch Paul Schockemöhle 2010 für Träume blühen lassen? Allein schon die angebliche Kaufsumme von zehn Millionen Euro erschuf einen Mythos um das teuerste Dressurpferd der Welt, das alle sehen wollten. Wo er auftrat, füllten sich die Tribünen, standen die Medien Schlange. Selbst absolute Reitsport-Laien kannten plötzlich ein Dressurpferd.
Begleitet wurde der Mythos aber auch immer von Gerüchten. Meist ging es um Verletzungen. In Aachen wollte ihn ein Tierarzt bereits beim Medizin-Check vor dem ersten Start aus dem Verkehr ziehen. Im Grand Prix sahen mehrere Richter die Verletzung, das Paar bekam die Quittung: Nur 75,971 Prozent. Deutschland rutschte auf Rang drei, Totilas lag in der Einzelwertung nur noch auf Rang sechs.
Am Tag danach gab das Totilas-Lager dann die Verletzung am linken Hinterbein zu und stieg vor der Einzelwertung in Special und Kür aus der EM aus. Totilas wurde in die Klinik gebracht, und die Turniermacher mussten auf ihren größten Star verzichten. Wie schon im vergangenen Jahr, als der Vierbeiner und sein Reiter beim CHIO nach dem Special ausgestiegen waren. "Totilas ist ein Star in der Dressurwelt. Viele werden traurig sein. Aber dieses Entscheidung akzeptieren wir voll und ganz", sagte EM-Chef Frank Kemperman.
Tragödie mit Konsequenzen
Zu den Verlierern der Tragödie gehört sicherlich auch die deutsche Teamleitung. Immer wieder mussten sich Roeser und Bundestrainerin Monica Theodorescu in den letzten Tagen den Vorwurf anhören, ein verletztes Pferd zur EM mitgenommen zu haben. Zudem habe es zu viele Sonderreglungen für den Branchen-Star gegeben, der etwa nur eine Sichtung absolvieren musste. "Wir werden uns aufgrund dieser Erfahrungen Gedanken machen, wie unser Sichtungsweg nach Rio aussehen wird", kündigte Roeser an und sprach von einem "Lernprozess".
Obwohl es die Debatte beim Vet-Check gab und viele Fachleute die Unreinheit im Takt selbst von der Kaffeebar aus sahen, blieb die Teamleitung bei ihrer Version, erst nach dem Wettkampf die Schwere der Verletzung erkannt zu haben. "Jedes Pferd hat irgendwo ein Problem", sagte Roeser und machte klar: "Es war nicht so, dass wir Totilas nicht besten Gewissens nominieren konnten."