Fußball

Verrücktes Finale wie 1999? Abstiegskampf liefert perfekte Dramaturgie

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Verrücktes Ding: Jan-Aage Fjörtoft schoss 1999 gleichzeitig den 1. FC Kaiserslautern aus der Champions League und den 1. FC Nürnberg aus der Bundesliga.

Die Erinnerung an den 29. Mai 1999 ist die stetige Warnung für alle Teams, den Abstiegskampf bis zur letzten Sekunde zu führen. Im Finale können Dinge passieren, die der Phrase des "nur noch rechnerisch möglichen" Abstiegs ihren Schrecken zurückgeben. Rechnerisch können noch einige die Nachfolge des 1. FC Nürnberg antreten.

Philipp Max ist Verteidiger beim FC Augsburg und weiß: "Es hat schon viele verrückte Dinge gegeben, auch in der Fußball-Bundesliga" - und dachte da vielleicht an 1999. "Hallo, hier ist Nürnberg, wir melden uns vom Abgrund" - so leitete Radioreporter Günther Koch das Ende der mitreißendsten Schlusskonferenz der Bundesliga-Geschichte ein. 1999 wurde der Tabellenkeller im großen Finale noch gewaltig durcheinander gewirbelt, am Ende stiegen die ab, die sich schon gerettet wähnten. 2020 ist Philipp Max mit seinem FCA schon so gut wie gerettet.

Im legendärsten Abstiegs-Endspurt der langen Bundesliga-Geschichte hatte der 1. FC Nürnberg vor dem 33. Spieltag als 13. fünf Punkte und sechs Tore Vorsprung auf den (damals noch direkten) Abstiegsplatz 16, den Eintracht Frankfurt innehatte. Nach dem 33. Spieltag waren es noch drei Punkte und fünf Tore, der "Club" war sogar um einen Rang nach oben geklettert und wähnte sich als 12. gerettet.

"Wir haben die erste Saison in der Bundesliga mit Erfolg hinter uns gebracht", jubelte der 1. FC Nürnberg vor dem 34. Spieltag in einem Brief an seine Dauerkarteninhaber. Nürnbergs Torwart Andy Köpke stand mit seiner Meinung nicht allein: "Zu 99 Prozent bleiben wir drin. Da müsste ja wirklich alles gegen uns laufen." Und noch während des abschließenden Spiels gegen den SC Freiburg werden die Fans per Lautsprecherdurchsagen ständig zur großen Klassenerhaltsparty rund ums Stadion eingeladen.

Am Ende stieg Nürnberg ab. Weil Frankfurt in 20 Minuten vier Tore und so den 1. FC Kaiserslautern aus der Champions League und die Franken aus der Bundesliga schoss. Es können komische Dinge passieren, mit denen vorher niemand rechnet. 2020 ist die Geschichte eingeladen, sich zu wiederholen.

So eng geht es im Abstiegskampf zu

2020 dürfen zwei Spieltage vor Schluss noch zwei Vereine auf Abstiegs- und Relegationsrang noch hoffen - und drei, die noch über dem Strich stehen, müssen noch zittern. Auch, wenn von denen nur noch der Tabellen-15. Mainz 05 auf einen direkten Abstiegsplatz rutschen kann. Die Dramaturgie ist nahezu perfekt: Am Samstag spielen vier der Vereine untereinander die wichtigen Punkte aus.

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1. FC Köln - Eintracht Frankfurt

Der 1. FC Köln war in dieser Saison schon tot: Nach dem 14. Spieltag standen nur acht Zähler auf dem Konto, Trainer Achim Beierlorzer war Geschichte, die Kölner Letzter. Dann waren sie - wie es unter dem Dom eben ist - nach einer wundersamen Serie zwischenzeitlich auf Kurs Europa. Am 26. Spieltag führte man 2:0 gegen Mainz 05 und hatte für ein paar Minuten nur noch zwei Punkte Rückstand auf einen Europa-League-Platz. Inzwischen hat sich das alles wieder zerschlagen und der 1. FC Köln ist so etwas wie der 1. FC Nürnberg anno 1999: Eigentlich gerettet, nach einer turbulenten Saison. Rang 13, sechs Punkte und 15 Tore Vorsprung auf den rheinischen Rivalen Fortuna Düsseldorf auf dem Relegationsrang. Was soll da noch passieren?

In Köln ist man sich einig: Es darf nichts mehr passieren können. "Wir sind froh, dass es so ist, wie es ist und wir sechs Punkte Vorsprung haben. Wir wollen aber auch unsere eigene Leistung bringen", sagte Trainer Markus Gisdol: "Wir wollen am Samstag den Klassenerhalt aus eigener Kraft auf unsere Seite drücken, ohne dass wir weiter rechnen müssen." Nach schwachem Saisonstart und Tabellenplatz 18 noch Anfang Dezember wäre der Klassenerhalt für Torhüter Timo Horn trotz der jüngsten Misserfolgsserie ein Erfolg. "Wir haben uns aus einer sehr bedrohlichen Lage rausgekämpft. Wenn wir den Klassenerhalt nach dem Start sichern, können wir zufrieden sein", sagte der 27-Jährige bei Sky.

1. FSV Mainz 05 - SV Werder Bremen

Noch während der Corona-Pause neigte man dazu, Bremer Kampfansagen als Durchhalteparolen wegzulächeln. Zu verheerend war die Bilanz vorher. Doch dann fing die Mannschaft von Florian Kohfeldt an zu liefern und sich Schritt für Schritt ein ergebnisoffenes Finale zu erarbeiten. Zehn Punkte gab es seit dem Restart. Und dann kam die zweite Hälfte des 32. Spieltags, die für Werder so unheimlich bitter verlief. Mit 0:1 hatte man am Dienstag selbst gegen den FC Bayern verloren und dabei eine solide Leistung gezeigt, kurz vor Schluss gab es sogar die Chance auf einen Bonuspunkt. Und dann gewann am Mittwoch Mainz beim designierten, aber völlig enttäuschenden Vizemeister Borussia Dortmund und Fortuna Düsseldorf erkämpfte sich einen Last-Minute-Punkt und viel, viel Rückenwind beim Dritten RB Leipzig.

Mainz ist auf sechs Punkte enteilt, Düsseldorf steht jetzt mit einem Punkt Vorsprung auf dem Relegationsrang. "Natürlich waren wir nach der knappen Niederlage gegen die Bayern enttäuscht, weil wir etwas mitnehmen wollten und auch so gespielt haben. Aber diese Enttäuschung wird sich auf keinen Fall bis nach Mainz ziehen", sagte Kohfeldt mit ein wenig Trotz. Und sucht die Schuld alleine in Bremen: "Leider kam die notwendige komplette Mentalität erst in den letzten Wochen." Selbstmitleid verbat man sich. "Es war kein schöner Abend vor dem Fernseher, aber wir haben uns selbst in diese Lage gebracht." Mittelfeldspieler Maximilian Eggestein brachte die prekäre Situation am Osterdeich so auf den Punkt: "Wir haben nun zwei Endspiele vor uns. Da müssen wir zweimal siegen, um in der Liga zu bleiben."

Nun also Mainz. Verliert Werder, steigt es am Wochenende ab - ein Düsseldorfer Sieg gegen den FC Augsburg vorausgesetzt. Zum ersten Mal seit 40 Jahren. Das Zwischenziel ist ein Sieg in Mainz und damit die Vertagung der Abstiegsfrage um eine Woche auf den 34. und letzten Spieltag. Dafür aber, so Kohfeldt, braucht seine Mannschaft "definitiv noch einen Tick mehr als gewöhnlich". Mainz 05, das sich mit einem überraschenden 2:0 in Dortmund eine gute Ausgangsposition erarbeitet hat, will sich nicht verrückt machen lassen: "Entscheidend ist, jetzt die Birne einzuschalten und sich nicht blenden zu lassen", sagte Sportvorstand Rouven Schröder.

Eben jener Mainzer Auswärtssieg "hat ein Geschmäckle gehabt", sagte der frühere Werder-Manager Willi Lemke in dem Podcast "Die NDR 2 Bundesligashow". "Dortmund war einfach schwach und hat gespielt, als wenn sie sich gesagt hätten: Ist doch kein Problem, wenn wir nicht 100 Prozent liefern. Das hat es anderweitig auch schon gegeben. Aber für uns ist das sehr bitter. Das erschwert uns die Situation sehr." Nun brauche man schon ein etwas größeres Wunder, befand der 73-Jährige. Oder einfach nur verrückte Dinge.

Fortuna Düsseldorf - FC Augsburg

"Es ist zwar wieder nur ein Unentschieden, aber das fühlt sich wie ein Sieg an. Ich glaube, mit so einer Moral können wir stolz sein", jubelte Fortuna Düsseldorfs Abwehrchef Kaan Ayhan. Bis zur 87. Minute gegen RB Leipzig war der Abstand auf Platz 15 auf sechs Punkte und acht Tore angewachsen. "Wir haben super Mentalität bewiesen und uns belohnt. Den Ausgleich haben wir erzwungen", sagte Trainer Uwe Rösler nach einem späten und einem sehr, sehr späten Tor.

Am Samstag empfängt Düsseldorf nun den FC Augsburg, ein "Must-Win-Game". Doch auch die Schwaben müssen noch etwas liefern, denn auch sie können noch absteigen. Sechs Punkte und die um elf Treffer bessere Tordifferenz sind zwar ein komfortabler Abstand zum Relegationsrang, aber: "Es hat schon viele verrückte Dinge gegeben, auch in der Fußball-Bundesliga", weiß FCA-Verteidiger Philipp Max. Max war damals, im Mai 1999, fünf Jahre alt. Die Erinnerung ist aber offenbar präsent.

Die größte Expertise für "verrückte Dinge" liegt übrigens ausgerechnet beim SV Werder. Dessen Sportchef Frank Baumann schaffte es am 29. Mai 1999 nicht, den Ball aus kaum zwei Metern am bereits auf der Linie liegenden Freiburger Torwart Richard Golz vorbei ins Netz zu drücken. Es wäre der Klassenerhalt für den 1. FC Nürnberg gewesen. Es kam alles anders.

Quelle: ntv.de