Erst Villa, dann Real Madrid?Das kaum zu fassende Phänomen SC Freiburg

Der SC Freiburg kämpft um den Silberpott der Europa League. Ein modernes Fußball-Wunder? Vielleicht. Viel mehr aber das Ergebnis einer einzigartigen Sport-Club-Kultur.
Es soll warm werden die Tage. Die "Bächle" in der Freiburger Altstadt werden dann sehr beliebt sein. Besonders bei Kindern und Touristen. Wer in ein "Bächle nei dappt", ist verpflichtet, eine Freiburgerin zu heiraten. So oder so: Sich unter der Sonne der badischen Toskana abzukühlen, kann nicht verkehrt sein. Womöglich gilt dies am Donnerstag auch für die Fans des SC Freiburg. Denn womöglich gilt es, den größten Rausch der Klubgeschichte zu kanalisieren. Am Mittwochabend (20.15 Uhr, Live bei RTL und auf RTL+ sowie im ntv.de-Liveticker) kämpfen die Freiburger im Endspiel der Europa League gegen Aston Villa um den silbernen Pott, der früher UEFA Cup hieß.
Sollte der Mannschaft von Trainer Julian Schuster in Istanbul der Coup gelingen, dürften Tannenzäpfle und Kaiserstuhl-Wein in Strömen fließen. Durchzecht "d' Fiess ins Bächle nei", um beseelt auszukatern oder einfach weiterzufeiern - auch das kann am Donnerstag im Falle des Triumphs nicht verkehrt sein.
Dass die Freiburger die Bächle einst vornehmlich anlegten, um bei einem Stadtbrand rasch Löschwasser zu haben, wissen nicht viele. In Freiburg brennt es schon lange nicht mehr. Das gilt auch für den Sport-Club. Wenn es das oft gewünschte "ruhige Umfeld" bei einem Profi-Verein im modernen Fußball irgendwo gibt, dann hier. Wahrscheinlich strahlt die Aura des Städtles und seiner Bewohner im Dreisamtal ab. Joachim Löw wohnte als Bundestrainer jahrelang in Freiburg, weil ihm hier keiner auf den Wecker fiel. Der Bundes-Jogi konnte hier unbehelligt seinen Espresso schlürfen und über Kadernominierungen brüten (Umzug nach Freiburg vielleicht ein Tipp an Julian Nagelsmann). Wo gibt's sowas sonst?
Freiburgs Kultur der Besonnenheit trägt Früchte
Der SC Freiburg ist ein gewachsener Verein. Historisch gesehen kommt er aus der Arbeiter- und Studentenklasse und stand lange im Schatten des "großen" Freiburger FC, der 1907 deutscher Meister war. Im Laufe der Achtziger lief der SC dem Stadtrivalen den Rang ab und etablierte sich in der 2. Bundesliga. Die Verantwortlichen um den legendären Präsidenten Achim Stocker trafen viele richtige Entscheidungen. Etwa die, Volker Finke 1991 an die Dreisam zu holen. Der kauzige Trainer mit Kippe führte Freiburg in die Bundesliga, in ihrer zweiten Saison wurde die Breisgauer mit Spielern wie Rodolfo Esteban Cardoso, Jörg Heinrich, Uwe Spies, "Kanzler" Ralf Kohl und Torwart Jörg Schmadtke sensationell Dritter.
Gewiss: Der mit bescheidenen Mitteln ausgestattete Klub stieg auch immer mal wieder ab - aber es ging stets zurück ins Oberhaus. Weil die Verantwortlichen Trainer nicht feuerten, ihnen "nit ins G'schäft neischwätzte", sondern "schaffe" ließen. Vier (!) Fußball-Lehrer sind nach Finkes Abschied im Jahr 2007 gekommen. Der Vergleich zu Vereinen wie dem HSV oder Schalke mag an dieser Stelle einfach und billig sein, unterstreicht aber die These der Freiburger Ruh'. Es scheint, als wird im Breisgau seit den Tagen Stockers eine Art DNA weitergegeben, eine Kultur der Besonnenheit, in der goldrichtige Entscheidungen reifen, wie die Rebstöcke am Kaiserstuhl.
Einer dieser wegweisenden Entschlüsse war es, den ehemaligen Spieler Christian Streich zum Jugendtrainer und Chef der 2001 gegründeten Freiburger Fußballschule zu machen. Als das Wort Nachwuchsleistungszentrum noch nicht existierte, dachte Freiburg schon ans Morgen. Dem tief gefallenen FC, der kein Moos mehr hatte, kaufte man das Möslestadion ab, um der Jugend eine sportliche Heimat zu geben und Talente auszubilden. Wer hat seither nicht graduiert und den Sprung in den Profibereich geschafft: Oliver Baumann, Dennis Aogo, Christian Günter, Matthias Ginter, Nico Schlotterbeck ... Die Liste ist lang.
Auch Noah Atubolu, der in Istanbul mit seinen Paraden verhindern soll, dass Aston Villa trifft, durchlief die Sport-Club-Schule. Nach zwei Saisons könnte der 23-Jährige den Verein im Sommer verlassen. Berichten zufolge sind einige Premier-League-Klubs an Atubolu dran. Dem SC winkt für den Fall des sportlichen Verlusts eine stattliche Ablöse. Auch das gehört zum Freiburger Geschäftsmodell: Spieler, die so gut sind, dass sie die Großen anziehen, soll man nicht zwingend aufhalten, ihren meist teuren Abgang dafür sinnvoll investieren.
Freiburg ist keine Durchgangsstation mehr
Allerdings hat der SC Freiburg in den vergangenen Jahren - bedingt sicher durch die regelmäßige Teilnahme am Europapokal - auch eine Kraft entwickelt, die zum Bleiben animiert. Der Klub ist mitnichten eine Durchgangstation. "Es ist eine Entwicklung, dass viele Jungs, die jetzt Schritte bei diesem Verein gehen, nicht mehr weggehen. Die sogar bis an ihren Peak hier sind", erläutert Kapitän Christian Günter. Der Routinier besuchte einst selbst die Freiburger Fußballschule, pendelte dafür aus dem tief im Schwarzwald gelegenen Örtchen Tennenbronn (Reisehinweis: Hier gibt es im Schwarzwald die besten "Heckenfeschte", Dorffeste mit oder ohne angrenzende Hecken) in die "große" Stadt. Günter muss es wissen.
Er spielt seit 2012 für die erste Mannschaft, erlebte den letzten Abstieg 2015 und den direkten Wiederaufstieg als Zweitliga-Meister (vor dem hochgerüsteten RB Leipzig) mit. Günter spielte noch mit Streich-Nachfolger Julian Schuster zusammen, auch eine dieser personifizierten Goldrichtig-Entscheidungen der Freiburger.
"Wenn ich zehn Jahre zurückdenke, dann sind die drei, vier Spieler, die ganz gut waren, gegangen und du hast bei null angefangen", beschreibt Günter die (Weiter-)Entwicklung seines Sport-Clubs. Mittlerweile blieben auch "viele Jungs trotz vielleicht lukrativer Angebote" im Breisgau, weil "sich viele Jungs wahnsinnig wohlfühlen, sich mit der Stadt und unserem Fußball wahnsinnig identifizieren können und nicht woanders hinmüssen, um sich sportlich weiterzuentwickeln". Und natürlich auch, weil Freiburg seit Jahren international spielt. Auch in der Saison 2026/27 geht es für Mannschaft und Fans wieder auf Reisen. Egal, wie das Finale ausgeht -, Freiburg ist sicher für die Conference League qualifiziert. Gelingt der Coup am Bosporus, spielt Freiburg Champions League. Real Madrid oder der FC Barcelona im Europa-Park-Stadion - so fest könnte man gar nicht kneifen.
Freiburg wird Freiburg bleiben
Wer 1993 nach dem Bundesliga-Aufstieg im winzigen Dreisamstadion prophezeit hätte, der kleine SC Freiburg würde eines Tages im Finale eines Europapokals spielen, wer die Worte SC Freiburg und Champions League in einem Satz genannt hätte, den hätte man auf schnellstem Wege in die Nervenheilanstalt ins nahe gelegene Emmendingen kutschiert. 2026 ist diese Absurdität Realität. Vielleicht ist es eine dieser Geschichten, die "nur" der Fußball schreibt. Ein Wunder. Es ist aber eines, hinter dem harte, beständige, mitunter trockene Arbeit steckt.
Dass der SC Freiburg heute nicht nur mitspielt, sondern um etwas, hat er sich selbst, seiner Bescheidenheit zu verdanken. Wenn der Sport-Club sein Märchen in Istanbul wirklich vollendet, wird es "z'Friburg" kein Halten geben. Auch die Verantwortlichen dürften sich bestimmt das ein oder andere Viertele mehr genehmigen. Mit Recht. Dass sie im Breisgau aber freidrehen, die Bodenhaftung verlieren, dass der SC Freiburg vergisst, was er ist -, diese Gefahr besteht nicht. Für Fußball-Journalisten ist Freiburg eigentlich ein trauriges Pflaster. Laut, bunt, glamourös, schlagzeilenträchtig ist woanders. Im Alemannischen heißt es: "Mir mache kei Gschprings, mir schaffe."