Fußball

Die Angst vor dem Versagen fährt mit zur WM Der Fluch des 4:4 nährt die Zweifel

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Und die Fußballwelt geriet aus den Fugen. Kapitän Philipp Lahm nach dem Ausgleichstreffer.

(Foto: picture alliance / dpa)

Vor einem Jahr geschieht etwas, was auch die Kanzlerin schockt: Deutschlands Fußballer geben gegen Schweden einen 4:0-Vorsprung aus der Hand. Abgehakt, behauptet Bundestrainer Joachim Löw. Doch die Frage bleibt: Wie gut ist seine Mannschaft, wenn’s drauf ankommt?

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Auch die Kanzlerin mochte es nicht glauben.

(Foto: REUTERS)

Gerne redet er nicht darüber. Und wenn, dann spricht Joachim Löw von dem Spiel, das "wir ja eigentlich auch gewonnen haben". Neben den anderen acht Partien in der Qualifikation, meint er. Die hat die deutsche Fußball-Nationalelf tatsächlich gewonnen und darf sich daher schon vor der letzten Partie heute in Stockholm gegen Schweden (ab 20.45 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) sicher sein, dass sie im nächsten Jahr bei der Weltmeisterschaft in Brasilien dabei ist. "Eigentlich auch gewonnen" - so ganz trifft es das nicht. Im Gegenteil, dieses Spiel bedeutete eine Zäsur. Seitdem trauen viele der DFB-Elf nicht mehr über den Weg. Es ist der Fluch der zwei Gesichter, der bis heute wirkt und das Misstrauen nährt, ob es reicht für den ganz großen Wurf.

Was an jenem 16. Oktober im Hinspiel im vor 72.369 Zuschauern im Berliner Olympiastadion geschah, war ein Drama - zumindest in der Parallelwelt Fußball. Nach einer guten Stunde führte Deutschland mit 4:0, zweimal Miroslav Klose, Per Mertesacker und Mesut Özil sorgten für die Tore. Sie hatten, das dachte damals nicht nur Joachim Löw, das Spiel gewonnen. Doch dann drehten die Schweden auf, noch mehr aber brach die deutsche Mannschaft in sich zusammen. Zlatan Ibrahimovic (62.), Mikael Lustig (65.), Johan Elmander (76.) und Rasmus Elm in der dritten Minute der Nachspielzeit schafften den Ausgleich. So viel zu den Fakten.

Ein beispielloser Einbruch

Es geschah am 16. Oktober

Deutschland - Schweden 4:4 (3:0)

Tore: 1:0 Klose (8.), 2:0 Klose (15.), 3:0 Mertesacker (39.), 4:0 Özil (56.), 4:1 Ibrahimovic (62.), 4:2 Lustig (64.), 4:3 Elmander (76.), 4:4 Elm (90.+3)

Deutschland: Neuer - Boateng, Mertesacker, Badstuber, Lahm - Kroos, Schweinsteiger - Müller (67. Götze), Özil, Reus (88. Podolski) - Klose

Schweden: Isaksson - Lustig, Granqvist, Jonas Olsson, Safari - Wernbloom (46. Källström), Elm - Larsson (78.Sana), Ibrahimovic, Holmen (46. Kacaniklic) – Elmander

Schiedsrichter: Pedro Proenca(Portugal)

Zuschauer: 72.369

Die Wirkung hält an: Seit einem Jahr hält dieses 4:4 als Referenzpunkt her, wenn es darum geht, die Leistung der deutschen Fußball-Nationalmannschaft einzuordnen. Das 4:4 - und das 1:2 im Halbfinale der Europameisterschaft in Warschau gegen Italien keine vier Monate zuvor. Weil die Mannschaft beide Male, wenn auch unter völlig unterschiedlichen Bedingungen, im entscheidenden Moment nicht funktioniert hat. Und der Bundestrainer scheinbar hilflos zusah.

Die Frage steht seitdem im Raum: Reicht es für mehr, als ebenso pflichtgemäß wie souverän die Qualifikationsspiele zu gewinnen? Das mag jetzt ungerecht klingen, aber Siege gegen die Färöer, Kasachstan, Irland und auch Österreich sind nicht der Maßstab. Nicht für eine Mannschaft, die Weltmeister werden will.

Denn die Tragik des Spiels lag nicht allein darin, dass erstmals in der 113-jährigen Geschichte des DFB eine Auswahlmannschaft eine 4:0-Führung noch aus der Hand gegeben hat. Sondern dass die Mannschaft, die mit Fug und Recht, im Guten wie im Schlechten Joachim Löws Mannschaft ist, eine Stunde lang brillant gespielt hatte. Die deutschen Spieler zelebrierten atemberaubenden Hochgeschwindigkeitsfußball auf technisch höchstem Niveau, mit Doppelpässen, Direktabnahmen, Torschüssen. Was folgte, war ein beispielloser Einbruch, der die bis heute unbeantwortete Frage hinterlässt: Wie kann es sein, dass das Selbstbewusstsein dieser DFB-Elf so spielend leicht zu erschüttern war, nur weil sie ein wenig unter Druck geriet? So leicht, dass es am Ende nicht einmal gegen Schweden reichte, eine Mannschaft, die bereits geschlagen war? "Eigentlich auch gewonnen"?

Grübler gewinnen keine Titel

Dennoch ist es richtig, wenn Joachim Löw am Tag vor dem Rückspiel in Stockholmer Sheraton Hotel davon sprach, "dass wir dieses Spiel längst abgearbeitet haben, mit der Mannschaft, mit einzelnen Spielern". Es gibt, im Sport mehr noch als im richtigen Leben, nichts Schlechteres, als sich in entscheidenden Momenten an ein negatives Erlebnis zu erinnern. Grübler gewinnen keine Titel. Es ist gut, nicht nur aus Gründen des Selbstschutzes, wenn Kapitän Philipp Lahm auf die Frage nach dem 4:4 betont gelassen antwortet: "Die Mannschaft hat so reagiert, wie sie reagieren musste - sie hat alle Spiele danach gewonnen."

Wenn aber vor dem Rückspiel der Trainer und seine Spieler immer wieder davon sprechen, mit den Schweden noch eine Rechnung offenzuhaben, dann ist das nicht einmal die halbe Wahrheit. Weil sie heute Abend diese Rechnung in der Friends Arena im Vorort Solna nicht ansatzweise begleichen können. Auch dann nicht, wenn sie mit 4:0 gewinnen. Es geht gar nicht um die Schweden. Es geht darum, was Joachim Löw und seine Spieler tatsächlich aus diesem 4:4 gelernt haben. Die Antwort auf die Frage, wie gut diese Mannschaft wirklich ist, kann sie sich und allen anderen nur selbst geben - aber erst in acht Monaten bei der WM in Brasilien. Wenn es darauf ankommt.

Quelle: n-tv.de

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