Fußball

"Dinge, die nur die Bayern tun" FC Bayern klärt M-Frage besser als der BVB

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Robert Lewandowski ist nicht bei 100 Prozent, sagt sein Trainer. Trotzdem reicht es für vier Tore gegen Hertha BSC.

(Foto: imago images/Eibner)

Beim BVB sorgt die "M-Frage" regelmäßig für Ärger. Führungspersonal des chronischen Vizemeisters schimpfte einst auf den "Mentalitätsscheiß", der damit gemeint sei. Beim FC Bayern gibt es auch eine "M-Frage". Der Rekordmeister stellt sich ihr selbstkritisch - und erfolgreich.

Erinnern Sie sich noch an die letzte Saison? Und die davor? Bei Borussia Dortmund, jener Klub, dem man regelmäßig am ehesten zutraut, dem FC Bayern vielleicht doch mal wieder die Meisterschaft zu versauen, ploppte da regelmäßig die "M-Frage" auf. Die Frage nach der Mentalität, die dem ebenfalls hochkarätig besetzten Ensemble in Schwarz-Gelb angeblich zum großen Titel fehlen würde. Die Diskussion ging so weit, dass BVB-Führungspersonal arg angesäuert auf entsprechende Fragen reagierte. "Das geht mir so auf die Eier", schimpfte Marco Reus mal nach einem Last-Minute-Punktverlust gegen Eintracht Frankfurt ins Sky-Mikrofon. "Jede Woche immer dieselbe Kacke." Auch von der "Mentalitätsscheiße" war mal die Rede.

Nun, spätestens nach dem in letzter Sekunde herauselfmeterten und arg wild herbeilewandowskiten 4:3 über Hertha BSC, das dem FC Bayern um Haaresbreite das zweite sieglose Spiel in Serie - Gott bewahre - eingebracht hätte, hat auch der Rekordmeister seine M-Frage. Freilich, kein Fan des erfolgsverwöhnten Flick-Trupps muss sich Sorgen um die weiterhin unumstrittene grundsätzliche Gültigkeit des bayerischen Grundgesetzes - das "Mia san mia" - machen.

Und wenn die eigene Mentalität mal infrage gestellt wird, dann macht man das bitteschön wenn schon noch selbst. So wie Thomas Müller: "Die Mentalität, nach einer 2:0-Führung weiter dranzubleiben, was uns mal ausgezeichnet hat, gerade nach der Coronapause in der letzten Spielzeit, da müssen wir wieder hin, dass wir uns wieder quälen, wenn das Ergebnis für uns steht."

"Sind nicht auf dem Platz, um verständliche Dinge zu tun"

Die andere Mentalität, ja, die sei da: "Die Mentalität, die wir zeigen, um das Spiel umzudrehen, um Sevilla in der Verlängerung zu schlagen, um Dortmund noch zu schlagen, obwohl wir wieder das 2:2 bekommen haben, die haben wir." Und Leon Goretzka sekundierte: "Es ist einfach so, dass man in der aktuellen Situation und nach den Erfolgen, die man gefeiert hat, den Fuß zu früh vom Gaspedal nimmt. Wir haben uns vor dem Spiel in der Analyse noch mal Spielszenen angeguckt aus der Zeit vor dem Lockdown, als wir wie die Wahnsinnigen über den Platz gesprintet sind. Und das ist aktuell nicht der Fall, das muss man ganz klar sagen." Das ist die Mentalitätsfrage für Fortgeschrittene, für übererfolgreiche Titelsammler. Eigentlich sind es Antworten auf Fragen nach der Mentalität, die niemand gestellt hat.

Nein, bei den Bayern steht das "M" für die Müdigkeit, die inzwischen bei dem durch eine unvergleichliche Terminhatz in den vergangenen Wochen arg gestressten Personal angekommen ist. Das versucht man allenthalben gar nicht erst zu verbergen, auch wenn der Körper gar nicht schwach ist. "Es wurde schon zigmal diskutiert. Wir müssen es annehmen. Müdigkeit fängt immer im Kopf an. Wir sind Leistungssportler und dafür auch gemacht, das abzurufen. Aber natürlich ist die Belastung extrem hoch, keine Frage", sagte Goretzka. Und Kollege Müller verbindet die Selbstkritik. Ja, sagte er, müde sei man, "aber nicht die Beine. Das dürfen wir nicht vergessen. Wir haben einen Fitnesstest gemacht direkt nach Wiederbeginn. Ich glaube zu wissen, dass der überragend war. Es ist der Kopf."

Und weiter: "Natürlich, wenn du fünf Titel eingesackt hast, dann ist der Schritt zu diesem Stehenbleiben, wenn man in Führung ist, nah, das ist irgendwo logisch und vielleicht auch verständlich. Aber wir sind nicht auf dem Platz, um verständliche Dinge zu tun, sondern Dinge, die der FC Bayern tut und die nur der FC Bayern tut. Und für die wir bewundert werden und für die wir bewundert wurden. Da müssen wir wieder hinkommen."

Viererpacker Lewandowski "ist auch nicht bei 100 Prozent"

Aber die Müdigkeit - im Kopf, nicht in den Beinen - lässt man beim FC Bayern ohnehin höchstens als Erklärung für manches zu, nicht als Entschuldigung. Und was will man als kopfmüder Mentalitätsweltmeister auch sagen, wenn die Antwort auf jede Frage nach dem Verhältnis von mentaler Frische und Ertrag bei dir im Sturm kickt? "Auch wenn du müde und nicht bei 100 Prozent bist, kannst du Leistung bringen", watschte Trainer Hansi Flick hernach gleich alles ab, was nur in die Richtung einer Suche nach geistig oder körperlicher Erklärung für das ungewohnt wilde Spiel klingen sollte.

"Robert Lewandowski ist auch nicht bei 100 Prozent und macht vier Tore. Kompliment an die Mannschaft, aber nur für die Mentalität. Die Art und Weise, wie wir Fußball spielen, ist nicht Bayern-like." Beim BVB war es 2019, in der Saison also, vor der man offensiv den Titel als Ziel ausgerufen hatte, Marco Reus, der gefordert hatte: Grundsätzlich müsse sich die Mannschaft wegen ihrer Einstellung, ihrer Mentalität und ihres Willens "komplett hinterfragen". Es war auch nach dem dritten Spieltag, nach einer peinlichen 1:3-Pleite des selbsternannten Bayern-Jägers bei Aufsteiger Union Berlin. Am Ende wurde natürlich der FC Bayern Meister.

Aber natürlich ist auch Flick klar, dass man "die Gesamtumstände miteinbeziehen muss. Wir hatten nur zwei Wochen Pause, eine kurze Vorbereitung, das ist nicht ganz einfach für die Spieler. Es ist nicht jeder bei 100 Prozent, deshalb kommen solche Spiele und auch Ergebnisse zustande." Auch deshalb wird der gerupfte Bayern-Kader nun im Zuge eines großen Transferendspurts wieder mit frischen Kräften aufgefüllt. "Aber was mich freut, und da sind wir bei 100 Prozent, ist die Mentalität, der Siegeswille, der da ist. Das ist das, was wir in den vergangenen zehn Monaten gezeigt haben. Nach der Länderspielpause geht es darum, wieder den schönen Fußball zu spielen, den wir alle wollen, da müssen wir noch ein Stück weit daran arbeiten." In München besiegt die Mentalität die Müdigkeit. Keine Frage.

Quelle: ntv.de

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