Fußball

Wären da nicht Kroos & Müller … Kimmich torpediert Löws Pläne gnadenlos

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Chef!

(Foto: imago images/Contrast)

Auf keiner Position hat Joachim Löw mehr Qualität als im zentralen Mittelfeld. Weil der Bundestrainer das weiß, denkt er darüber nach, Joshua Kimmich im DFB-Team wieder auf seine alte Position als Rechtsverteidiger zu versetzen – unmöglich, eigentlich.

Joachim Löw verstand den Sinn der Frage nicht. "Warum sollte Toni Kroos denn um seinen Platz fürchten müssen? Das ist ein Weltklassespieler, der unser Spiel prägt." Nun, im bisher besten Länderspiel dieses Jahres (kleiner Scherz) war der Souverän von Real Madrid nicht als prägende Figur dabei. Seine Adduktoren hatten sich gemeldet und (s)einem 102. Einsatz für Deutschland ein Stoppschild umgehängt. Im Auftaktspiel der WM-Qualifikation für das höchst umstrittene Turnier in Katar gegen Island (3:0) fand die Abwesenheit von Kroos indes keinen prominenten Akteneintrag. Zu gut lief es (ohne ihn). Zu stark war das Mittelfeld. Zu prägend war Joshua Kimmich. Als Organisator. Als Wortführer. Als Chef.

Und so war es natürlich höchst sinnbehaftet, den Bundestrainer zum starken Auftritt seiner zentralen Crew zu befragen. Der konterte hernach auch nicht mit einer Gegenfrage, sondern war in seinen Ausführungen so klar wie zufrieden. "Das Mittelfeld war sehr gut unterwegs. Alle drei Spieler waren extrem ballsicher und häufig anspielbar." Vor Kimmich engagierten sich Leon Goretzka (zum 1:0) und Ilkay Gündogan (zum 3:0, dazwischen traf Kai Havertz) nicht nur als Torschützen, sondern auch als dynamische Antreiber. Das war phasenweise wirklich schön anzusehen, weil es nach Mut und Zielstrebigkeit aussah. Weil es wirklich danach aussah, als wolle die Mannschaft das vergangene Jahr und vor allem das fürchterliche 0:6 in der Nations League gegen Spanien mit Leidenschaft und Raffinesse korrigieren.

Löw befand zu seiner Mittelfeldbesetzung gegen überforderte Isländer - kurze Erinnerung: Kroos fehlte wegen seiner klagenden Adduktoren - dann übrigens auch noch: "Das war ein Pfund für uns. Das hat sich positiv auf unser Spiel ausgewirkt." Sätze, die man lange so nicht vom Bundestrainer gehört hat. Sätze, die zu seiner letzten DFB-Mission passen, die sich ja "gnadenlos", "rigoros" und ohne "Rücksicht" am "maximalen" Erfolg orientiert. Nach einem Jahr 2020, das dem Team und vor allem dem Bundestrainer mehr geschadet als genutzt hat, steht nun alles unter der Maxime: Einspielen für den Abschieds-Coup.

Entscheidungen zu Kimmich & Müller vertagt

Und wären da nicht zwei Fußballer, die das Land nicht nur wegen des WM-Triumphs 2014 sehr bewegen, würde nach diesem souveränen Sieg gegen Island heute vermutlich häufiger geschrieben: Löw hat seine EM-Achse gefunden. Aber es ist eben Kroos. Und da ist eben noch mehr Thomas Müller. Dessen Status im ewigen Tür-auf-Tür-zu-Theater ist aktuell weiter so: Die Öffentlichkeit mit dem TV-Experten Uli Hoeneß an der Spitze drängt mit Macht gegen die Tür, die weiter von Löw zugehalten wird. Einzig ins Schloss ist sie noch nicht gefallen. Als kleines Angebot zur Belagerungsruhe erneuerte der Bundestrainer am Donnerstagabend sein Versprechen, eine Entscheidung über Müller im Mai (bei der Nominierung) zu treffen.

Bis in den Mai hinein vertagt er auch seine Entscheidung, ob Kimmich noch einmal versetzt werden soll/muss. Nach rechts hinten nämlich. Offensiv wie selten hatte Löw in diesen Tagen öffentlich Einblick in derlei Überlegungen gegeben. Die Argumente dafür: Kimmich kennt die Position, er kann die Position. Und die Position an sich ist seit Jahren eh eher Baustelle denn sicheres Fundament in der deutschen Viererkette. Ein weiteres Argument: Weicht Kimmich zurück, ist Platz im Mittelfeld. Für Kroos, Gündogan, Goretzka. Oder aber Müller.

Das Problem: So wie Kimmich seit mindestens anderthalb Jahren beim FC Bayern spielt, so wie er gegen Island auftrat, so ist er unverzichtbar für Löw im Zentrum. Unverzichtbarer als der Stratege Kroos. Unverzichtbarer auch als Gündogan, der derzeit von zahlreichen Experten zum "formstärksten" Mittelfeldspieler ausgerufen wird. Und unverzichtbarer als Goretzka, dessen Dynamik und Tiefenläufe ihn indes von den anderen Bewerbern deutlich abhebt. Kimmich ist nicht nur galliger Wellenbrecher, er dirigiert die Mannschaft auch lautstark, was angesichts der entlarvten Kommunikationsprobleme auf dem Feld eine prima Lösung ist, und er inszeniert oft hochwertige Angriffe. Seine Chipbälle in die Spitze sind nicht nur beim FC Bayern legendär, sie erarbeiten sich auch gerade einen Kultstatus in der Nationalmannschaft. Auch wegen der offensiven Blockbildung um Goretzka, Serge Gnabry und Leroy Sané. Fehlt also eigentlich nur noch Thomas Müller.

So, und nun noch mal kurz zurück zur Eingangsfrage: "Warum sollte Toni Kroos denn um seinen Platz fürchten müssen?" Nun, weil Kimmich eigentlich un(v)ersetzbar ist.

Quelle: ntv.de

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