Fußball

Unparteiische als ZielscheibeSchiri, jetzt hast du ein Problem!

05.02.2017, 12:45 Uhr
imageVon Hero Warrings
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Schlechtes Vorbild: Schiedsrichter Bastian Dankert schickt am 22. Oktober 2016 Leverkusens Trainer Roger Schmidt auf die Tribüne. (Foto: imago/Sven Simon)

Tätliche Angriffe und Beleidigungen machen den Schiedsrichtern schwer zu schaffen - nicht nur im Fußball. Verzweifelt suchen die Verbände Nachwuchs und gehen neue Wege. Was Unparteiische so erleben und wie die Funktionäre reagieren.

Als die Polizei die Personalien der Freizeitkicker aufnahm, war schon alles zu spät. Spielabbruch. Wieder beendete eine Schlägerei im Herbst 2016 eine Bezirksligapartie in Berlin. Und wieder wurde der Schiedsrichter bedroht. Es ist nicht leicht, ein Unparteiischer zu sein. Als Ehrenamtliche sollen und wollen die Begegnungen zweier Mannschaften nach bestem Wissen und Gewissen fair leiten. Sie werden aber immer wieder zur Zielscheibe von Aggression - nicht nur im Fußball. Eine Entwicklung, die Bodo Brandt-Chollé, Vorsitzender des Schiedsrichterauschusses beim Berliner Fußballverband, lange miterlebt hat.

"Wir mussten den Schutz unserer Schiedsrichter erhöhen. Alle Vorkommnisse werden nun dokumentiert und die Urteile der Sportgerichte veröffentlicht", berichtet er im Interview mit n-tv.de. Eine weitere Erkenntnis: Strafen müssen unmittelbar nach einer Tat ausgesprochen werden. "Durch härtere Urteile konnten wir nun die ganz schlimmen Vorfälle zurückdrängen. Schiedsrichter werden in Berlin jetzt seltener angegriffen. Aber sie werden immer wieder beleidigt." Allein in den Fußball-Ligen der Hauptstadt gibt es für die gut 1250 Unparteiischen pro Saison 32.000 Einsätze. Die Aufwandsentschädigung pro Spiel liegt bei 15 Euro, dazu gibt's fünf Euro Anfahrtspauschale.

Kein Wunder also, dass die Fußballverbände nur schwer geeigneten Nachwuchs zu finden. Was bewegt einen jungen Mann oder eine Frau noch Schiedsrichter zu werden? Bela ist 17 Jahre alt und seit drei Jahren Schiedsrichter. Im Schnitt pfeift er zwei Begegnungen am Wochenende. "Ich habe Spaß daran, es ist mein Hobby, Fußballspiele zu leiten. Ich empfinde diese Aufgabe auch als gute Persönlichkeitsschulung für junge Leute. Wenn bei einem Spitzenspiel 30 Sekunden nach dem Anpfiff schon Spieler und Zuschauer bei einem Einwurf an den Mittellinie protestieren, merkt man sofort, dass es an so einem Tag rund gehen wird". Dann müsse der Unparteiische viel mit den Spielern sprechen.

"Dann habe ich das Spiel abgebrochen"

"Emotionen gehören zum Fußball dazu. Das ist völlig klar. Zuschauer oder Trainer dürfen auch mal ihren Unmut kundtun, darauf sind wir auch vorbereitet worden. Aber das darf natürlich nicht persönlich beleidigend sein", sagt der Jungschiedsrichter. "In einem U13-Spiel kam es zu einem Pressschlag zwischen zwei Spielern. Ein Junge blieb am Boden liegen. Als ich mich umdrehte, stand der gut 30jährige Trainer schon neben mir und beschimpfte mich wüst. Als er mich zur Seite stieß, habe ich den Trainer auf die Tribüne geschickt. Aber er weigerte sich den Platz zu verlassen. Auch ein weiterer Appell an den Trainer brachte nichts. Dann habe ich das Spiel abgebrochen. Der Fall kam dann vors Sportgericht."

Ähnliche Respektlosigkeiten gibt es auch vermehrt bei der zweitbeliebtesten Sportart der Deutschen, beim Handball. Seit zwei Jahren pfeift der 16-jährige Luka Spiele. "Es gibt halt solche und solche Trainer. Oft sind es die Trainer am Spielfeldrand, die rumschreien. Und immer mehr Zuschauer scheinen das als Hobby zu kultivieren, den Schiedsrichter von der Tribüne aus anzupöbeln". Luka kann den Lärm gut ausblenden und versucht, sich voll aufs Spielgeschehen zu konzentrieren. "Ich finde, dass in solchen Fällen die Heimmannschaften auch öfter mal auf ihr Publikum einwirken sollten, um die Aufregung etwas abzukühlen. Wir Schiedsrichter bemühen uns um objektive Entscheidungen. Wir machen unseren Job, aber niemand muss beleidigend werden bei einem Spiel von zwölfjährigen Mädchen oder Jungs."

"Das kann doch nicht sein!"

Auch beim Handball müssen sich die Verbände sehr anstrengen, Schiedsrichter zu gewinnen und insbesondere zu halten. Matthes Westphal, Beisitzer im Schiedsrichterausschuss des Handballverbands Berlin berichtet gegenüber n-tv.de, dass in der Hauptstadt zwar 200 Schiedsrichter aktiv sind - doch seien das immer noch 100 zu wenig für einen rundlaufenden Saisonbetrieb. "Die verhältnismäßig geringe Aufwandsentschädigung, der hohe Zeitaufwand und vor allem der häufig unsportliche Umgang der Beteiligten mit unseren Schiedsrichtern macht dieses Ehrenamt nicht sonderlich attraktiv." Das führe dazu, dass ein Großteil der zumeist jungen Absolventen zügig wieder aufhören.

Der Verantwortliche beim Berliner Fußballverband sieht die Trainer in besonderer Verantwortung - als Vorbilder für Jugendliche. "Mich ärgert es sehr, wenn ich im Fernsehen einen Bundesligatrainer sehe, der sich daneben benimmt, oder wenn Spieler den Schiedsrichter angehen", sagt Bodo Brandt-Chollé. "So ein unangemessenes Verhalten aus der Bundesliga spiegelt sich immer auch bei unseren Spielen wider. Das kann doch nicht sein!". Seit einiger Zeit greifen sie in Berlin härter durch. Wenn sich Spieler oder Trainer daneben benehmen oder gar handgreiflich werden, werden sie schneller bestraft. Lange Sperren folgen. "Häufen sich bei Mannschaften die unsportlichen Vorfälle, kann deren Verein sogar vom Spielbetrieb ausgeschlossen werden", betont Brandt-Chollé. Das habe abschreckende Wirkung.

Im Jahr gibt es zwischen 40 und 50 Sportgerichtsurteile im Berliner Fußball. "Da werden auch mal ganze Mannschaften zum Anti-Gewalt-Kurs geschickt und dürfen erst wieder mitmachen, wenn der Kurs absolviert wurde. Die Rückfallquote ist dann zum Glück gering", berichtet Brandt-Chollé. Bezahlen muss das Anti-Gewalttraining übrigens der Verein oder der Betroffene selbst. Pro Jahr bildet der Berlins Fußballverband zwischen 150 und 160 Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter aus. Damit sie in Stresssituationen richtig reagieren, werden junge Schiedsrichter intensiv betreut. "Beim ersten Einsatz eines jungen Unparteiischen läuft nun immer ein erfahrener Referee als Begleitung mit. Er gibt Ratschläge und schützt den Nachwuchs somit auch vor dem, was auf ihn einprasselt", berichtet Brandt-Chollé. Drei Monate dauert diese Begleitung. "So wollen wir auch vermeiden, dass junge Unparteiische schnell wieder die Lust verlieren. Diejenigen, die das erste Jahr auf dem Platz überstanden haben, bleiben meist länger dabei."

Ohne Schiedsrichter gibt es keine Spiele

Auch der Handball-Verband Berlin hat den praktischen Teil der Ausbildung erhöht. "Die Anfänger werden von uns intensiv vorbereitet, dass die Atmosphäre in den Sporthallen leider nicht immer die freundlichste ist", berichtet Matthes Westphal, Besitzer im Schiedsrichterausschuss beim HVB. Das soll auch Stress vermeiden. "Irgendwann heißt es dann aber auch Augen zu und durch! Learning by doing.", Im Hauptstadt-Handball haben sie auch ein Jung-Schiedsrichterprojekt mit eigenem Schiedsrichterkader etabliert. Ein Weg den Nachwuchs zu fördern und an sich zu binden. Denn ohne Schiedsrichter gibt es keine Spiele.

Im Gegensatz zum Fußball gibt es beim Handball gesitteter zu. Die Gegner packen im Spiel zwar hart zu, aber von Prügeleien am Sechs-Meter-Kreis keine Spur. Trotz Stress, langer Anfahrten und mancher Diskussion haben viele Schiedsrichter auch viel Spaß. Kein Wochenende ist wie das vorherige. Es kann immer was Unerwartetes passieren, wie Luka aus Berlin erzählt. So bei einem Match der weiblichen B-Jugend, die der 16jährige gepfiffen hatte. Das Spiel läuft, plötzlich zappelt der Handball in einem Fangnetz hinter dem Tor und steckt fest. Die gleichaltrigen Spielerinnen schauen Hilfe suchend zu Schiedsrichter Luka und deuten auf den Lederball hoch oben im Netz. Der Schiedsrichter nimmt sich ein Herz und klettert hoch, um den Ball zu befreien. "In der gut gefüllten Halle war es auf einmal mucksmäuschenstill, alle schauten zu wie ich mehrfach versuchte hoch zu klettern, so viel Aufmerksamkeit hatte ich lange nicht", erinnert sich Luka und muss grinsen. Es gelingt ihm, den Ball zu befreien. "Als ich wieder auf dem Hallenboden stand, jubelten alle Zuschauer und ich bekam Standing-Ovation!" Das sei ihm auch noch nie passiert, sagt Luka und muss lachen.

Quelle: ntv.de

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