Fußball

Stimmenkauf bei WM-Vergabe 2006? Vorwürfe gegen Bundesregierung

Ein revolutionärer Vorschlag, eine schwere Anschuldigung gegen Deutschland und Seitenhiebe gegen Franz Beckenbauer: Der langjährige Fifa-Funktionär Guido Tognoni sorgt für Aufsehen in der Fußball-Welt.

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Guido Tognoni im Jahr 2000. Der Schweizer hat

(Foto: REUTERS)

Guido Tognoni ist in Fußball-Deutschland kein Unbekannter mehr. Anfang Dezember saß der Schweizer nach den skandalösen WM-Vergaben an Russland (2018) und Katar (2022) im Aktuellen Sportstudio des ZDF und erinnerte zaghaft daran, dass auch bei der Vergabe der WM 2006 an Deutschland nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Genauer wollte der langjährige Fifa-Pressesprecher und Berater damals nicht werden, weil die Vorwürfe ja ohnehin öffentlich bekannt seien.

In Düsseldorf wurde der Schweizer auf dem Sportbusiness-Kongress (SpoBiS) jetzt doch konkreter. Unter anderem berichtete Tognoni, Deutschland habe die WM 2006 nicht zuletzt durch eine umstrittene politische Entscheidung erhalten. "Die Bundesregierung hat für das Gewinnen der Stimme eines saudi-arabischen Delegierten kurzfristig das Waffenembargo aufgehoben", sagte Tognoni dem Sport-Informations Dienst: "Die Bundesregierung hat alles getan - und auch das getan - um diese Stimme zu bekommen."

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) verwies die Behauptung Tognonis, die nach dessen Aussage "publik und bekannt" sein soll, ins Reich der Fabeln. "Das ist völliger Humbug, völliger Blödsinn. Ansonsten gibt es keinen Kommentar dazu", sagte DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach. Deutschland hatte im Juli 2000 den Zuschlag für die WM 2006 mit 12:11 Stimmen im entscheidenden Wahlgang im Duell gegen Südafrika erhalten, weil sich der Vertreter des ozeanischen Verbandes, Jack Dempsey, entgegen seines Auftrags seiner Stimme enthielt und nicht für Südafrika stimmte.

Fifa kämpft nicht gegen Korruption

Dem Fußball-Weltverband warf Tognoni vor, zu wenig gegen Korruption zu unternehmen. "Man kann der Fifa den Vorwurf nicht ersparen, dass sie zu wenig tut", sagte er und kritisierte in diesem Zusammenhang erneut das Verfahren des Verbandes bei der Vergabe von Weltmeisterschaften, das jüngst bei dem Zuschlag für Russland (2018) und Katar (2022) zu Spekulationen über Unkorrektheiten geführt hatte.

"Wir wissen alle, wie es läuft", sagte Tognoni. Deshalb forderte er von der Fifa, die WM-Entscheidungen unanfechtbarer zu machen – mit einer Auslosung der Gastgeber. "Es gibt Kriterien. Und die Bewerber, die sie erfüllen, sollten in einer Tombola ihren Sieger ermitteln", erklärte er: "Die Fifa kann es sich nicht leisten, dass sich die wichtigsten Mitglieder ständig dem Vorwurf der Korruption ausgesetzt sehen. Sie sollte alles tun, das zu vermeiden. Das kann sie tun, indem sie die Entscheidung dem Zufall überlässt und nicht mehr den Stimmungen."

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Großbritanniens Premierminister David Cameron antichambriert bei Fifa-Boss Joseph Blatter.

(Foto: REUTERS)

Als zweite Lösung neben dem Los-Entscheid schlägt Tognoni eine strategische Vorgabe der Fifa bei der WM-Vergabe vor, wie vorherige eine Festlegung auf den Osten oder eine muslimische Region. Für bedenklich hält Tognoni, dass sich die Politiker eines Landes immer stärker für den Erfolg einer Bewerbung engagieren. "Es ist maßlos übertrieben, dass dies zu einer Frage des nationalen Prestiges geworden ist", sagte er, "und dass sich Politiker für den Erfolg einer Bewerbung so verbiegen." Fifa-Präsident Joseph Blatter hatte im Dezember nicht ohne Stolz erklärt: "Die Staatschefs antichambrieren bei mir, sie haben mich hofiert."

Kritik an Beckenbauer

Eine öffentliche Abstimmung hält er für keinen passenden Alternativ-Vorschlag. "Jeder soll sein Stimmgeheimnis wahren, denn die Pressionen, die er sonst bekäme, wären kaum zu ertragen", so der Schweizer: "Ich weiß ja nicht, wem Franz Beckenbauer alles seine Stimme versprochen hat und bei wem er sich dann rechtfertigen muss."

Auch in Bezug auf die Rechtfertigung der Katar-Vergabe gab Tognoni einen Seitenhieb in Richtung Beckenbauer ab."'Wenn Franz Beckenbauer, der sein Herz ja auf der Zunge trägt, sagt, an die Hitze habe man nicht gedacht, muss ich sagen: da haben sie ihre Aufgaben nicht gemacht." Die Frage, wann die WM in Katar ausgetragen wird, hatte passend zum Thema zu hitzigen Diskussionen geführt.

Auch Beckenbauers Nachfolger als Präsident von Bayern München nahm Tognoni in die Pflicht. "Uli Hoeneß lässt ab und zu eine Rakete steigen, und dann hat es sich wieder", sagte er. Es sei verwunderlich, wie wenig Vereine, Verbände und auch Medien gegen offensichtliche Missstände aufbegehren: "Sie haben legitime Ansprüche. Sie können nicht erwarten, dass die heilsame Wirkung aus Neuseeland oder Paraguay kommt."

"Zickzack-Präsident" Blatter

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Präsident Joseph Blatter ist für Tognoni nicht der Alleinschuldige am desolaten Image der Fifa.

(Foto: dpa)

Fifa-Boss Blatter hat sich dabei endgültig als "Zickzack-Präsident" erwiesen. Im Dezember schloss er eine Verlegung zunächst aus ("Die Basisausschreibung spricht gegen eine Winter-WM"), im Januar befürwortete er sie dann energisch ("Davon gehe ich aus. Man muss die Spieler schützen"), weil . Nun, im Februar, sagte er der BBC schließlich: "Zum jetzigen Zeitpunkt liegt das Thema auf Eis. Alles ist auf Sommer festgelegt."

Tognoni nahm seinen früheren Chef aber auch in Schutz. Blatter sei der "einzige richtige Profi" bei der Fifa und "in gewisser Hinsicht ein armes Schwein. Er muss mit all den Strömungen klarkommen. Es ist ihm nicht gelungen, etwas Besseres zur Schau zu stellen. Dass er der alleinige Schuldige ist, möchte ich aber in Abrede stellen."

Quelle: n-tv.de, cwo/dpa/sid

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