Fußball

Das Ende der ewigen Leidenszeit Waldhofs Aufstieg mit der Kraft der Krise

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Mannheimer Party-Crew: Waldhof feiert die Rückkehr in den Profi-Fußball.

(Foto: imago images / masterpress)

Drei verpasste Aufstiege in Folge, Fan-Ausschreitungen, Enttäuschungen: Regionalligist Waldhof Mannheim dümpelt Jahre im Amateurfußball herum. Der Traditionsklub ist gefangen im ewigen Leid. Die endet nun dank Führungsstärke und kluger Personalentscheidungen.

"Ich habe gehört, es gibt ein Festkomitee", sagte Bernd Beetz. Und lachte. Der 69 Jahre alte Unternehmer und langjährige CEO des Kosmetikkonzerns Coty begab sich am Samstag bewusst und voller Vorfreude in eine ihm völlig ungewohnte Rolle. "Ich werde jede Anweisung befolgen", erklärte der Präsident des SV Waldhof Mannheim. Durch seine finanzielle Unterstützung und – nicht weniger wichtig – durch seine Führungsstärke hatte er dafür gesorgt, dass sich nach vielen Jahren der Enttäuschungen eben ein Festkomitee bilden konnte – und neben dem Klub eine ganze Stadt feierte.

Mit dem 1:0-Erfolg gegen Wormatia Worms machten die Waldhöfer am 30. Spieltag den finalen Schritt auf dem Weg zur Meisterschaft der Regionalliga Südwest und beendeten den langen Weg des Leidens. Mehr als 14.000 Zuschauer waren im Stadion und sorgten für einen Besucherrekord in der Südweststaffel. Nach dem Schlusspfiff feierten Fans und Spieler zunächst auf dem Rasen des Carl-Benz-Stadions, anschließend ging es zum Wasserturm, dem Wahrzeichen der Stadt, ehe das Team in einem Club den Titel und den damit verbundenen Aufstieg begoss. Es wurde lange gefeiert – weil es viel zu feiern gab.

Vor 16 Jahren stiegen die Mannheimer aus der 2. Liga ab und dümpelten seither in den Niederungen des Amateurfußballs. Es kamen Präsidenten, angebliche Aufstiegsexperten und viele Trainer – doch die Rückkehr auf die große Fußball-Landkarte gelang nicht. Zwischenzeitlich musste der Traditionsverein eine Insolvenz überstehen und wandelte dauerhaft am Rande einer erneuten Zahlungsunfähigkeit, ehe Beetz vor knapp drei Jahren sein Engagement startete und nach jedem Rückschlag noch entschlossener wirkte.

Der Uerdingen-Schock wirkt nicht lange nach

Dabei lag der Klub vor knapp einem Jahr mal wieder am Boden, als er zum dritten Mal hintereinander in den Aufstiegsplayoffs zur 3. Liga gescheitert war. Die SF Lotte (2016), der SV Meppen (2017) und der KFC Uerdingen waren jeweils zu stark. Weil ein paar Chaoten im Waldhof-Fanblock gegen die Westdeutschen einen Spielabbruch provoziert hatten, gab es nicht nur negative Schlagzeilen, sondern auch einen Drei-Punkte-Abzug durch den Verband sowie eine saftige Geldstrafe. Beetz rief nur wenige Tage nach dem sportlichen und emotionalen Tiefschlag den nächsten Angriff aus und rüttelte das gesamte Umfeld wach.

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Bernhard Trares formte das Erfolgsteam.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Die Mannschaft wurde klug ergänzt und marschierte in beeindruckender Manier zur Meisterschaft. Die bislang letzte von nur zwei Saisonniederlagen gab es im Oktober, seither folgten 18 Partien ohne Pleite, elf Mal hintereinander gewannen die Mannheimer. Im Kalenderjahr 2019 sind sie noch ohne jeden Punktverlust. Trotz Punktabzug beträgt der Vorsprung auf die Hauptkonkurrenten Saarbrücken und Homburg 17 Zähler. "Man kann diese Emotionen gar nicht beschreiben. Der Stein, der jetzt abfällt, ist riesengroß", sagte Markus Scholz. Der Torhüter ist einer von drei Akteuren, die seit dem erstmaligen Scheitern in den Playoffs dabei sind. Scholz standen am Samstag Freudentränen in den Augen, als er die ausgelassene Freude der Fans sah und in sich aufsaugte.

Die wichtigste Personalentscheidung: Coach Trares

Die Aussicht, in der 3. Liga weitere sportliche und emotionale Feiertage zu erleben, sind gut, denn mit Ausnahme von Rechtsverteidiger Marco Meyerhöfer, den es in die 2. Liga zieht, bleiben dem Klub alle Stammkräfte erhalten. Das Gerüst der fußballerisch starken Mannschaft steht, die mit 81 Treffern die meisten Tore aller Regionalligisten erzielte. "Wir wollen weiter offensiven und aktiven Fußball spielen", sagte Jochen Kientz. Der Ex-Profi kam im Januar 2018 und traf in den ersten Tagen seiner Amtszeit als Sportlicher Leiter die wichtigste Personalentscheidung, als er Bernhard Trares als Trainer verpflichtete.

Der Fußballlehrer agiert seither unaufgeregt, aber zielorientiert – und überaus erfolgreich. "Wir wollen unserem Stil treu bleiben und uns so in der 3. Liga etablieren", erklärte Trares. Der Kader soll etwas breiter aufgestellt, aber dennoch solide gewirtschaftet werden. Teure Neuzugänge wird es nicht geben, die Mannschaft soll organisch weiterwachsen. Beetz denkt trotzdem schon einen Schritt weiter. "Mittelfristig wollen wir in die 2. Liga aufsteigen", sagte der Präsident am Rande der Aufstiegsparty. Der Unternehmer wäre bereit, die Führung in diesem Fall wieder einem Festkomitee zu überlassen.

Quelle: n-tv.de