Fußball

"Seele" Gerland muss gehen Weiß der FC Bayern eigentlich, was er da tut?

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(Foto: imago sportfotodienst)

Julian Nagelsmann ist noch gar nicht in München angekommen, da sorgt er schon für Schlagzeilen. Der vorzeitige Abgang von Hermann Gerland, der langjährigen "Seele" des Vereins, soll mit dem künftigen Coach zusammenhängen. Eine Entscheidung mit Sprengkraft.

Noch ist es nicht offiziell bestätigt, doch die Nachricht sorgt schon jetzt für großes Unverständnis - und das nicht nur in der Fanszene des FC Bayern München: Hermann Gerland verlässt nach 25 erfolgreichen Jahren den Rekordmeister im Sommer noch vor Ende seiner Vertragslaufzeit.

Was sich auf den ersten Blick für den einen oder anderen Fußballanhänger wie eine Randnotiz anhört, birgt ungeheure Sprengkraft in sich. Denn der aktuell als Co-Trainer agierende "Tiger" Gerland muss beim FC Bayern vorzeitig seine Zelte abbrechen, weil der neue Chefcoach Julian Nagelsmann und sein Team keine Verwendung für den gebürtigen Bochumer mehr haben. Hermann Gerland ist nach Hansi Flick und Miroslav Klose der dritte prominente Abgang aus der Führungsriege an der Säbener Straße. Das große Stühlerücken dürfte den Klub nachhaltig verändern. Ob sich die Münchener damit allerdings einen Gefallen tun, darf - um es vorsichtig zu formulieren - bezweifelt werden.

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Noch vor wenigen Wochen hatte der scheidende Chefcoach Hansi Flick bei einer Pressekonferenz Hermann Gerland in den höchsten Tönen gelobt: "Jeder Verein kann sich froh schätzen, so einen erfahrenen Mann mit einem Auge für Talente in seinen eigenen Reihen zu haben. Hermann ist für mich das Bindeglied zwischen dem Campus und den Profis. Wenn Hermann ein Urteil abgibt, dann kann ich das zu 100 Prozent unterschreiben. Und das haben die früheren Trainer wie Louis van Gaal oder Jupp Heynckes auch so gesehen. Die haben ihn sehr, sehr geschätzt - auch die Art und Weise, wie er Spieler beschreibt. Er schaut sich jedes Spiel an und ist mit Leidenschaft Trainer und Mitarbeiter des FC Bayern. Ich bin absolut froh, dass er in meinem Trainerteam ist."

Alle Seiten profitierten und waren glücklich

Und auch Hermann Gerland selbst war stets stolzer Mitarbeiter des FC Bayern. Jeden Tag aufs Neue, so erzählte er einmal, würde er mit großer Lust auf die Arbeit kommen: "Es macht mir sehr viel Freude, wenn ich zur Säbener Straße fahre. Ich bin auch oft an freien Tagen da, dann fragt Rummenigge: ›Kriegst du zu Hause nichts zu essen?‹ Und ich: ›Kalle, seh' ich so aus?‹" Die Symbiose aus dem erfolgsbesessenen, aber stets menschlichen Typen aus dem Ruhrgebiet und dem deutschen Rekordmeister aus Bayern konnte über viele Jahre perfekter nicht sein. Auf das Fundament Gerlands fleißiger Arbeit im Hintergrund bauten die im Rampenlicht stehenden Cheftrainer des FC Bayern ihre Gewinnerteams auf. Und alle Seiten profitierten und waren glücklich.

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Vor allem auch, weil Hermann Gerland sich selbst nie zu wichtig nahm - aber stets wichtige Werte hochhielt und seinen Spielern vermittelte. Er selbst hatte vor vielen Jahren einmal für sich einen entscheidenden Grundsatz getroffen: "Als ich Trainer wurde, habe ich mir gesagt: Du darfst ein Spiel verlieren, du darfst auch fünf Spiele verlieren. Aber du darfst nie dein Gesicht verlieren." Genau diese geerdete Denkweise war es, die stets gut ankam und dem FC Bayern eine sympathische Note verlieh. Natürlich neben seiner herzlichen Art und seinem Talent, Geschichten aus der Herzkammer der Bundesliga mit viel Einfühlungsvermögen und Witz zu erzählen. So wie diese, als er sich eines Tages in einen Spieler verliebte und dieses tolle Gefühl sofort mit seiner Frau teilen musste: "Oft bin ich vom Training nach Hause gekommen und habe zu meiner Frau gesagt: Gudrun, dem Philipp Lahm beim Training zuzusehen, ist wie Bratwurst essen. Ein richtiger Genuss."

Und diese "Verliebtheit" hatte weitreichende Folgen - nicht nur für Philipp Lahm, sondern auch für den FC Bayern -, denn immer wieder aufs Neue meinte er damals zu Uli Hoeneß: "Wenn der kein großer Spieler wird, werde ich Wasserball-Trainer!" Doch die Bayern-Bosse konnte Gerland mit seiner Leidenschaft anfangs nicht anstecken. Sie wollten Lahm verkaufen - doch es gab ein Problem: "Den wollte keiner haben. Den habe ich angeboten wie Sauerbier." Doch Gerland schaffte es schlussendlich, dass man Lahm nach Stuttgart auslieh. Wie die Geschichte ausging, ist weithin bekannt.

Konstante, Bindeglied und Sympathieträger

Nun möchten Julian Nagelsmann und sein Team offensichtlich auf den "Entdecker" so vieler verdienter Nationalspieler wie Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Thomas Müller oder David Alaba verzichten. Die Frage muss erlaubt sein: Warum macht der FC Bayern das (mit)? Wenigstens ein Jahr lang, bis zum offiziellen Ende seines Vertrags, hätte man Hermann Gerland als feste Konstante, Bindeglied und Sympathieträger - in welcher Funktion auch immer - noch halten können. Nun erfolgt ein weiterer harter Cut. Ob Präsident Herbert Hainer, Sportdirektor Hasan Salihamidzic und der kommende Vorstandsvorsitzende Oliver Kahn wirklich wissen, was sie da tun - und sich und dem Klub antun? Auch hier dürfen Zweifeln erlaubt sein.

Zurück zu Hermann Gerland und zurück ins Jahr 2009. Damals wurde Jupp Heynckes als Chefcoach des FC Bayern vorgestellt. Ein denkwürdiger Tag, denn damals saß auch Hermann Gerland bei der ersten Pressekonferenz als neuer Co-Trainer an der Seite Heynckes auf dem Podium. Irgendwann an diesem launigen Mittag ergriff dann der gebürtige Bochumer, nachdem sein Chef auf die Frage der Journalisten, was denn seine Frau zu seinem Engagement sagen würde, ungefragt das Wort und sagte mit einem verschmitzten Lächeln um die Mundwinkel: "Ich musste meine Frau nicht vorher fragen. Ich müsste sie wohl nur fragen, wenn ich den FC Bayern verlassen wollte. Aber da würde sie wohl kein Okay geben."

Nun hat Gudrun Gerland ihrem Mann offensichtlich ihr Einverständnis gegeben. Es soll beruflich weitergehen. Vermutlich ein Grund, warum Hermann Gerland das Aus beim FC Bayern nach so vielen Jahren auch mit einem lachenden Auge wird sehen können. Eine berufliche Zukunft in Berlin scheint denkbar. Dort gibt es eine familiäre Bande und Klubs, denen Hermann Gerland sehr gut zu Gesicht stehen würde. Das wird zwar die Fans des VfL Bochum enttäuschen, doch irgendwann wird der Ur-Bochumer zurückkehren. Denn auch das gehört zu diesem einzigartigen Typen und Menschen Hermann Gerland, den der FC Bayern München nun gehen lässt. Vor vielen Jahren erzählte der ehemalige Konditionstrainer des VfL Bochum, Erich Klamma, einmal sichtlich begeistert: "Hermann hat mit 23 einen Spruch gemacht: ›Ich bin in Weitmar geboren, ich will in Weitmar sterben.‹ Mit 23 Jahren, das muss man sich mal reintun." Man muss wohl nicht weiter erwähnen, dass Weitmar ein Stadtteil von Bochum ist. Glück auf, Hermann Gerland!

Quelle: ntv.de

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