Redelings Nachspielzeit

Wie Gerland den Erfolg absichert Das geniale Fundament des FC Bayern

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Der Fußball macht Hermann Gerland gute Laune.

(Foto: imago images/Sammy Minkoff)

Franck Ribéry beschrieb Hermann Gerland einmal als "super Typen". Doch der Co-Trainer des FC Bayern München ist weit mehr als das. Seine bodenständige und ehrliche Art und vor allem sein Auge für Talente lassen nun auch Hansi Flick schwärmen.

Seine ehemaligen Mitspieler zu Bundesligazeiten beim VfL Bochum rufen Hermann Gerland noch heute "Eiche". Das hat zwar andere Gründe als den folgenden - doch die Eiche ist das Symbol für die Ewigkeit. Bis zu 30 Generationen überdauert ein Eichenleben. Hermann Gerland ist - mit einer Unterbrechung zwischen 1995 und 2001 - mittlerweile seit rund 30 Jahren beim FC Bayern München beschäftigt. Da wurde es nun tatsächlich mal an der Zeit, dass die Verdienste des heutigen Co-Trainers der Profis und Entdecker so vieler verdienter Nationalspieler wie Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Thomas Müller oder David Alaba entsprechend gewürdigt werden.

Chefcoach Hansi Flick übernahm diese Aufgabe dieser Tage bei einer Pressekonferenz und lobte Gerland in den höchsten Tönen: "Jeder Verein kann sich froh schätzen, so einen erfahrenen Mann mit einem Auge für Talente in seinen eigenen Reihen zu haben. Hermann ist für mich das Bindeglied zwischen dem Campus und den Profis. Wenn Hermann ein Urteil abgibt, dann kann ich das zu 100 Prozent unterschreiben. Und das haben die früheren Trainer wie Louis van Gaal oder Jupp Heynckes auch so gesehen. Die haben ihn sehr, sehr geschätzt - auch die Art und Weise, wie er Spieler beschreibt. Er schaut sich jedes Spiel an und ist mit Leidenschaft Trainer und Mitarbeiter des FC Bayern. Ich bin absolut froh, dass er in meinem Trainerteam ist."

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Fast wäre die Liaison zwischen dem FC Bayern und Hermann Gerland vor dreißig Jahren an einem kleinen Detail gescheitert. Doch anders als der HSV bei Jürgen Klopp ließen sich die Offiziellen des FCB nicht von Gerlands Äußerem zu einer falschen wie folgenschweren Entscheidung verleiten. Als der gebürtige Bochumer, der auf Anraten des damaligen Cheftrainers Jupp Heynckes verpflichtet werden sollte, in München aufschlug, erschien er in Bermudashorts und Birkenstocklatschen. Heynckes hatte seine liebe Mühe damit, Präsident Scherer davon zu überzeugen, es dennoch mit Gerland zu versuchen.

"Dann sitze ich im Bus und rede kein Wort"

Damals zu Beginn der Spielzeit 1990/91 ging der FC Bayern ganz neue Wege. Für die Jugendmannschaften und die Amateure hatte man mit Hermann Gerland und Wolf Werner zwei ehemalige Bundesligatrainer verpflichtet. Doch auch für die beiden war das nun folgende Leben ein vollkommen neues und ungewohntes, wie dieser kurze Dialog von Gerland und Werner zeigt: "Mensch, Wolf, vermisst du auch dieses tolle Gefühl?" Werner schaute Gerland neugierig an: "Welches Gefühl genau?" Gerland lächelnd: "Na, vor Bundesligaspielen nachts um vier Uhr schweißgebadet aufwachen."

Zwar war Hermann Gerland bei seiner ersten Station als Cheftrainer - bei seinem Heimatverein, dem VfL Bochum - gleich der Einzug ins DFB-Pokalfinale 1988 in Berlin gelungen, doch danach hielten sich die Erfolge in überschaubaren Grenzen. Als Coach des 1. FC Nürnberg fand sich Gerland schnell im Abstiegskampf wieder und gestand mürrisch: "Ich kann nicht verlieren. Niederlagen machen mich fertig. Dann sitze ich im Bus, erste Reihe links, gleich hinter dem Fahrer, und rede kein Wort. Zu Hause angekommen, starre ich gegen die weiße Wand. Meine Familie weiß, dass sie mich jetzt nicht ansprechen darf."

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Schon zu Beginn seiner Karriere hatte sich Gerland Folgendes geschworen: "Als ich Trainer wurde, habe ich mir gesagt: Du darfst ein Spiel verlieren, du darfst auch fünf Spiele verlieren. Aber du darfst nie dein Gesicht verlieren." Doch auch wenn sich Gerland stets an diesen Spruch hielt, musste er sich eines Tages selbst eingestehen, dass sich in seinem Leben etwas Grundlegendes ändern müsste. Sein Ehrgeiz war viel zu groß, als dass er zeitlebens mit Klubs wie Arminia Bielefeld, Tennis Borussia Berlin oder dem SSV Ulm 1846 seinem Traum vom Erfolg chancenlos hinterherhecheln sollte.

Ein selten fröhlicher Bochumer

Seine Rückkehr 2001 zum Rekordmeister nach München war in der Rückschau also quasi alternativlos. Die Zeiten, in denen Gerland nach Niederlagen (seine Frau Gudrun: "Wir stehen sonntags früh auf, werfen die Sauna an und schwitzen den ganzen Frust raus. Oft fahren wir zu Freunden auf einen Bauernhof, wo mein Mann den Stall ausmistet, Traktor fährt oder sonst wie mithilft") tagelang litt, sollten endlich nicht mehr in der Mehrzahl sein.

Denn der Bochumer hatte erkannt: "Ich bin selten fröhlich, die Welt ist ja so schlecht. Meistens sitze ich in der Ecke und überlege, was ich falsch gemacht habe. Nach Siegen kann man mich ertragen." Und genau diese Erfolge wurden bei den Bayern über die Jahre mehr und mehr - und Gerland selbst hatte daran einen großen Anteil.

So rettete beispielsweise seine Beharrlichkeit die Bayern ein ums andere Mal vor schwerwiegenden Fehlern. Als man Philipp Lahm schon lange im Verein abgeschrieben hatte, kämpfte Gerland immer noch und nun umso energischer um den kleinen, späteren Weltmeister. Und auch als seine eigene Ehefrau ihn schließlich eines Tages fragte, ob es nicht sein könne, dass er sich in diesem einen, ganz speziellen Fall auch einmal irre, antwortete Gerland ohne den Hauch des geringsten Zweifels: "Wenn der kein großer Spieler wird, werde ich Wasserball-Trainer!"

Es ist genau diese unverstellte, bodenständige und ehrliche Art und die seltene Fähigkeit, auch gegen Widerstände seine eigene Meinung zu verteidigen, die Hermann Gerland beim FC Bayern München zu solch einer wichtigen Figur im Hintergrund haben werden lassen. Und natürlich sein "Auge" für talentierte Nachwuchsspieler.

Pflaumes Fingerkuppe und Schweinsteigers Medaille

Sein außergewöhnliches Talent beschrieb Gerland einmal im Magazin "11 Freunde" selbst so: "Der liebe Gott hat mir ein Auge dafür gegeben. Ich kann übrigens auch für meine Frau einkaufen gehen, und hinterher bekommt sie Komplimente: 'Was hast du ein schönes Kleid an.' Ich habe mal mit meiner Frau vorm Fernseher gesessen und sie gefragt: 'Was fällt dir an Kai Pflaume auf?' Sie hatte keine Ahnung, und wahrscheinlich fällt es auch sonst niemandem auf, aber ihm fehlt eine Fingerkuppe."

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Bens aktuellem Buch und seinem gleichnamigen Tourprogramm ("Fußball. Die Liebe meines Lebens") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Wenn Hermann Gerland nicht über solch immense fachliche Fähigkeiten verfügen würde, dann würde man ihn wohl als "gute Seele" des Vereins bezeichnen. Franck Ribéry schwärmte einst: "Super Typ. Ich glaube, alle mögen den 'Tiger'. Guter Mensch, macht immer Spaß." Und Gerland selbst erzählte einmal voller Rührung die Geschichte eines Weltmeisters von 2014: "Nach dem Finale in der Champions League kam Bastian Schweinsteiger an und wollte mir seine Medaille schenken. Und warum? Weil er dachte, ich würde als Co-Trainer keine eigene bekommen."

Die Symbiose aus dem erfolgsbesessenen Mann aus dem Ruhrgebiet und dem deutschen Rekordmeister aus Bayern könnte perfekter nicht sein. Auf das Fundament Gerlands fleißiger Arbeit im Hintergrund bauen seit Jahren die im Rampenlicht stehenden Cheftrainer des FCB ihre Gewinnerteams. Und alle Seiten profitieren und sind glücklich. Bei den Bayern wissen sie das schon lange. Hansi Flick hat es nur für die Öffentlichkeit endlich einmal in die richtigen Worte gefasst.

Und Gerland? Der hat bereits nach dem Gewinn seiner ersten deutschen Meisterschaft 2009/2010 an der Seite von Louis van Gaal sein Herz geöffnet und voller Glück erzählt: "Wissen Sie, ich bin ein besessener Fußballer, aber ich hatte noch nie einen Titel gewonnen. Und jetzt stand ich da auf dem Balkon und war überwältigt von dem Gefühl: Junge, du hier oben - es hat sich alles gelohnt!"

Quelle: ntv.de