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Alle Exil-Kicker rekrutiert Wie sich Haiti zur Fußball-"Gefahr" mausert

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Mittelfeldspieler Wilde-Donald Guerrier und seine Kollegen der haitianischen Fußball-Nationalmannschaft lassen beim Gold Cup mächtig aufhorchen.

(Foto: imago images / Xinhua)

Die Spieler von Haitis Fußball-Nationalmannschaft kommen aus vielen Ländern. Sie sprechen mitunter nicht die selbe Sprache. Dennoch präsentieren sich "Les Grenadiers" beim Gold-Cup als feste Einheit und sind überzeugt von der eigenen Gefährlichkeit.

Haitis Fußball-Nationalmannschaft ist ein Paradies für Linguistik-Liebhaber. Nationaltrainer Marc Collat gibt seine Anweisungen meist in Französisch - der Amtssprache des Landes. Doch es gibt es auch noch viele andere Töne zu hören. Denn die "Les Grenadiers" sind eine Multikulti-Mannschaft. "Einige sprechen kreolisch, andere nicht. Einige sprechen Französisch, andere nicht. Und dann gibt es welche, die können Spanisch oder Portugiesisch", sagt Andrew Jean-Baptiste dem Internetportal "goal.com". Aber das Entscheidende, betont der Verteidiger, sei, "dass wir auf dem Platz trotzdem alle gut miteinander kommunizieren. Und wir wissen alle, wie man Fußball spielt."

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Nationaltrainer Marc Collat gibt seine Anweisungen meist in Französisch. Es ist aber nicht die einzige Sprache, die in "seiner" Nationalmannschaft gesprochen wird.

(Foto: imago images / ZUMA Press)

Er ist ein gutes Beispiel für eine unkomplizierte Verständigung und Integration. Der in New York geborene Baptiste hat viele Vereine in den USA durchlaufen und spielte einst auch in der U18-Nationalmannschaft des Landes. Derzeit verdient er sein Geld in der schwedischen Liga. Sein Französisch, sagt Baptiste, sei "nicht so gut." Aber wenn es um Fußball gehe, "dann spreche ich es ziemlich fließend." Und das sieht man auf dem Platz. Haitis Nationalmannschaft hat beim Gold-Cup, der Kontinentalmeisterschaft des Concacaf-Verbandes, erstmals das Halbfinale erreicht. Dort geht's in der Nacht zu Mittwoch (4 Uhr deutscher Zeit) gegen Mexiko. Die vier Siege in den bisherigen vier Spielen sind nicht nur eine makellose Bilanz, sondern gar eine gewonnene Partie mehr, als die Karibik-Kicker bei ihren bisherigen sechs Teilnahmen an der Meisterschaft des Verbandes für Nord-und Zentralamerika sowie der Karibik zusammengerechnet erringen konnten.

Vor allem die Triumphe im Gruppenspiel gegen Costa Rica (2:1) und im Viertelfinale gegen Kanada (3:2) haben für einiges Augenbrauenzucken gesorgt - zumindest bei der Konkurrenz. Aber das kennt Stürmer Derrick Etienne Jr. schon. "Sobald von einem Team aus der Karibik die Rede ist, sprechen sie schnell mal von einer Überraschung - weil sie uns eben generell nicht viel zutrauen. Aber genau diese Einstellung spornt uns nur noch mehr an", betont Etienne. Andererseits sind die Erfolge von Haitis Fußballer eben sehr übersichtlich und liegen schon viele Jahre zurück. 1973 gewann das Team daheim den Vorgänger des Gold-Cup - und qualifizierte sich somit für die Weltmeisterschaft ein Jahr später in Deutschland. Dies war umso beachtlicher, da Concacaf damals nur einen WM-Startplatz zugesprochen bekam - und Mexiko sowie Trinidad und Tobago als Favoriten galten.

Historisches Tor gegen Dino Zoff

Dass letztlich Haiti nach Deutschland flog, lag vor allem an Emmanuel "Manno" Sanon. Der hatte beim Qualifikationsturnier fünf der acht Tore geschossen - was außerhalb der Region jedoch kaum jemand wahrnahm. Doch Sanon nutzte die WM-Bühne, um sich einen Namen zu machen. Im ersten Spiel traf Haiti auf Italien, den WM-Zweiten von 1970. Die weiteren Gruppengegner waren Polen und Argentinien. Italiens Torwart Dino Zoff war vor dem Match gegen Haiti zwölf Spiele ohne Gegentor geblieben. Auf die Frage, wer diese Serie brechen könnte, wurden nur Namen von polnischen und argentinischen Spielern genannt. "Das hat mich aufgeregt, denn ich wusste, dass ich es schaffen kann", sagte Sanon.

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Und er konnte die Experten überraschen: In der 47. Minute wurde Sanon im Münchner Olympiastadion mit einem Steilpass angespielt, er ließ Verteidiger Luciano Spinosi stehen, umkurvte auch Zoff und schoss das 1:0. Für Zoff war es das erste Gegentor nach 1142 Minuten - für Sanon der größte Moment seiner Karriere. "So schnell, wie ich bin, darf man nicht nur einen Verteidiger gegen mich stellen. Aber das hat Italien getan. Ich bin Spinosi einfach davongelaufen", sagte er einst. Sanon ist, obwohl 2008 verstorben, bis heute eine Legende in Haiti.

45 Jahre nach Sanons Sternstunde setzt Marc Collat vor allem auf die Jugend. Elf Akteure im aktuellen Kader sind 23 Jahre oder jünger. Als Collat 2015 erstmals den Posten des Nationaltrainers übernahm, schaute er sich vor allem in den USA um. Dort hatte sich nach Angaben des Migration Policy Institute die Anzahl der Haitianer seit 1990 verdreifacht - und war so eine interessante Quelle für die "Les Grenadiers" geworden. In Europa mag Amerika immer noch als kleine Fußballnation gelten. Doch die Fortschritte in den Vereinen sind mitunter beachtlich - und die dortigen Nachwuchs-Akademien kein Vergleich zu dem, was Kindern und Jugendlichen in Haiti, dem ärmsten Land der westlichen Hemisphäre, hinsichtlich einer Förderung angeboten werden kann.

Die internationale Haiti-Familie

Doch Collat wurde auch noch in anderen Nationen fündig. Duckens Nazon beispielsweise, ist in Frankreich geboren worden, sein Sturmkollege Mikael Cantave in Kanada. Und Mittelfeldmann Zachary Herivaux kam in Japan zur Welt. "Als ich herausgefunden hatte, wie viele Haitianer im Ausland Fußball spielen, haben wir sie alle rekrutiert. Denn wir mussten den Altersdurchschnitt unserer Mannschaft senken", erklärt Collat. Der jetzige Erfolg, ergänzt der Coach, wäre mit Mannschaften der Vergangenheit nicht möglich gewesen. Ihm ist jedoch zugleich wichtig, hervorzugehen, dass "alle Spieler, egal, wo sie geboren wurden, mit Stolz das Nationaltrikot Haitis tragen - und das wiederum macht uns sehr stolz."

Mittelfeldmann Steeven Saba spricht von "einem Familiengefühl", das sich breit mache, sobald die Spieler zusammen seien. Er kam auf Haiti zur Welt, spielte aber viele Jahre in den USA. Im Halbfinale treffen Saba und seine Teamkollegen auf Mexiko, den Gold Cup-Rekordsieger. Doch Haiti sieht sich längst nicht mehr als chancenloser Außenseiter. Die Einstellung in der Mannschaft und rund um das gesamte Team habe sich geändert, hebt Andrew Jean-Baptiste hervor. Wer Haiti als "dieses kleine Land aus der Karibik" ansehe, nun ja, der werde sich schon wundern. "Ich denke, wir sind eine Gefahr. Jawohl, das sind wir."

Quelle: n-tv.de

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