Fußball

Von Stalin zerschlagen, nun wieder oben ZSKA Moskau fordert den FC Bayern

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Trainiert seit vier Jahren den ZSKA: Leonid Slutskij.

(Foto: imago sportfotodienst)

ZSKA Moskau ist der fußballerische Stolz der Sowjetunion, dann fällt der Klub der Politik zum Opfer. Nun ist der Verein zurück an der Spitze. Und in der Champions League - mit kluger Transferpolitik, aber wirren Strukturen. Nun warten die Bayern.

Wenn heute die Hymne der Champions League in der Münchner Arena erklingt, dann eröffnet der Triple-Sieger FC Bayern München die Saison gegen den russischen Double-Sieger ZSKA Moskau. Beide Vereine gehören zum illustren Kreis der elf Triple-Sieger in der Geschichte des europäischen Fußballs. Und ZSKA Moskau schrieb 2005 als erster russischer Sieger eines europäischen Wettbewerbs zumindest nationale Geschichte. Mit 3:1 gewann der Klub das Finale des Uefa-Pokals gegen Sporting Lissabon. In den vergangenen zehn Jahren feierte der ZSKA vier Meisterschaften und sieben Pokalsiege. Es ist die zweiterfolgreichste Dekade in der 102-jährigen Geschichte des Vereins. Nur von 1946 bis 1951 war der Klub aus der russischen Hauptstadt mit fünf Meisterschaften nacheinander erfolgreicher.

FC Bayern - ZSKA Moskau, 20.45 Uhr

München: Neuer - Lahm, Boateng, Dante, Alaba - Schweinsteiger - Robben, Müller, Kroos, Ribéry - Mandzukic
Moskau: Akinfejew - Nababkin, Beresutskij, Wasilij Ignaschewitsch, Tschchennikow - Wernbloom, Cauna - Zuber, Honda, Vitinho - Musa
Schiedsrichter: Gianluca Rocchi (Italien)

Doch dann wurden die Olympischen Spiele 1952 in Helsinki dem ZSKA Moskau zum Verhängnis. Die Spieler des Klubs - damals aufgrund der Eingliederung in die sowjetische Armee noch unter dem Namen "Sportklub des zentralen Hauses der sowjetischen Armee" (ZSDA) bekannt - bildeten das Herzstück der sowjetischen Auswahlmannschaft. Die UdSSR war nach zähen Verhandlungen erst kurz vor dem olympischen Fußballturnier der Fifa beigetreten. Doch bereits in der ersten Runde kam das Aus. Für die Mächtigen der Sowjetunion war die 1:3-Niederlage gegen Jugoslawien ein nationales Desaster. Wollten sich doch mit der Hilfe des Sports die Überlegenheit ihres politischen Systems demonstrieren. Und die "bürgerliche Fußballwelt" eignete sich hervorragende für das symbolträchtige sportpolitische Vorhaben. Eigentlich. Dass sie gegen Jugoslawien verloren, war ein weiterer Affront, seit 1947 befanden sich beide Länder in einem politischen Konflikt.

Die Niederlage sollte für ZSKA und seine Spieler Konsequenzen haben. Machthaber Josef Stalin ließ den Verein kurzerhand zerschlagen. Für Geheimdienstchef Lawrentij Berija, Schlüsselfigur in der stalinistischen Terrorherrschaft, die Gelegenheit, sich des erfolgreichen Stadtrivalens zu entledigen. Als Chef des KGB war er gleichzeitig Ehrenpräsident von Dynamo Moskau - dem Verein des Geheimdienstes. Für viele Spieler war ihre Nationalmannschaftskarriere beendet. Dass sie in der Heimat nichts Gutes warten würde, ahnten sie, als sie die Heimreise in einem Viehtransporter antreten mussten. Doch schon zwei Jahre später stand der Klub wieder auf. Nachdem Stalin und Berija gestorben waren, spielte der Verein wieder in der Sowjetliga. An die Erfolge der 1940er und 1950er Jahre knüpfte der ZSKA aber erst knapp 50 Jahre später wieder an.

Der Gegenentwurf russischer Oligarchenklubs

Heute gilt ZSKA Moskau als Gegenentwurf zu den oft hektisch agierenden Oligarchenklubs Russlands und kann mit einer gewissen Kontinuität glänzen. Zum einen ist Leonid Slutskij seit 2009 Trainer, zum anderen investiert der Klub seit Jahren nachhaltig in europäische und südamerikanische Toptalente. Während einige Vertreter der Premjer-Liga mit Millionentransfers für Furore sorgen, bewegt sich der aktuelle Tabellenführer auf leisen Sohlen. In den vergangenen vier Jahren investierte der Klub 68 Millionen Euro in neue Spieler; dem gegenüber stehen Transfereinnahmen von 56 Millionen Euro. Eine verblüffend ausgeglichene Bilanz für ein Mitglied im Konzert der Großen.

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Juwel aus Brasilien: Vitinho.

(Foto: imago sportfotodienst)

So zahlte sich die Verpflichtung der schwedischen Nationalspieler Ras mus Elm und Pontus Wernbloom aus der niederländischen Eredivisie aus. Beide sind Stammspieler und stabilisieren das Mittelfeld des russischen Meisters. Elm allerdings ist verletzt und fehlt heute gegen den FC Bayern. Generell strahlen die meisten Transfers aus der holländischen Liga unter dem Roten Stern des Vereinswappens besonders hell. Keisuke Honda zum Beispiel, japanischer Nationalspieler, an dem unter anderem der FC Liverpool und der FC Arsenal interessiert sein sollen, kam für überschaubare sechs Millionen Euro aus Venlo und ist die spielerische Schaltzentrale im Mittelfeld.

Erst Anfang des Monats kauften die Klubverantwortlichen für geschätzte neun Millionen Euro einen 19-Jährigen namens Vitinho aus Brasilien. In seiner Heimatstadt Rio de Janeiro wird ihm ein größeres Talent als Nationalspieler Neymar nachgesagt. Dennoch viel Geld für einen Spieler, der erst 16 Profispiele absolviert und vier Tore erzielt hat. Wahrscheinlich muss sich das brasilianische Talent heute mit einem Platz auf der Bank begnügen. Auch am vergangenen Wochenende wurde er im Meisterschaftsspiel gegen FK Rostov in der 63. Minute eingewechselt. Sieben Minuten später erzielte Stürmer Konstantin Bazelyuk den Siegtreffer für den ZSKA.

Verwirrende Eigentumsverhältnisse

So klar die sportlichen Konturen sind, so verwirrend sind die Besitzverhältnisse. Aktuell befindet sich der Verein im Besitz des russischen Verteidigungsministeriums, der englischen Blue Castle Enterprises Limited und der russischen Kapitalgesellschaft Awo-Kapital, die wiederum eine hundertprozentige Tochterfirma von Blue Castle ist. Nach Recherchen der russischen "Forbes"-Ausgabe steckt hinter Blue Castle ein Geflecht an Unternehmen, deren Spuren über Luxemburg und die Niederlande in die Ukraine führen. In vielen Fällen taucht der Name Giner auf.

Jewgenij Giner, Klubpräsident seit 2001, hält die Fäden in der Hand. Gekonnt bewegt er sich im illustren Kreis russischer Oligarchen. Ihm wird laut "New York Times" eine große Nähe zu Roman Abramowitsch und der Elite um den ehemaligen Präsidenten Boris Jelzin nachgesagt. 2004 gerieten Giner und Abramowitch wegen eines Sponsorendeals in den Fokus der Uefa. Das damalige Unternehmen von Abramowitsch - Sibneft - war von 2004 bis 2006 Hauptsponsor des ZSKA. Da Abramowitsch zugleich Eigentümer des FC Chelsea ist, sorgte der Deal für Aufregung.

Jüngst plauderte der Chef des ZSKA Moskau aus, dass zwischen den Topklubs Russlands eine Absprache bei Transfers besteht. Gegenüber "Sport-Express" sagte er, dass zwischen ihm und Suleiman Kerimow, dem Präsidenten von Anschi Machatschkala, die Vereinbarung gilt, sich gegenseitig keine Konkurrenz bei Auslandstransfers zu machen. Nachdem Kerimow aber im Sommer die Transferpolitik von Anschi grundlegend geändert hat, wirkt die Absprache hinfällig. Unabhängig vom finanziellen Wirrwarr brachte Giner den sportlichen Erfolg zurück. Angestachelt von diesen Erfolgen will sich Moskau heute in München den FC Bayern vor Probleme stellen. Der Nationaltorhüter und Kapitän des ZSKA, Igor Akinfeev, ließ auf der Website der Uefa verlautbaren: "Wir haben ein starkes Team und fürchten keinen Gegner."

Quelle: n-tv.de

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