Collinas Erben

"Collinas Erben" auf Spurensuche Der Videoschiri sollte kein Schnüffler sein

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Weil das Wolfsburger Führungstor trotz eines Fouls anerkannt wird, hadert man beim SC Freiburg - weniger mit dem Schiedsrichter als mit dem VAR. Doch die sportliche Leitung der Unparteiischen hält dagegen: Ein klarer und offensichtlicher Fehler habe nicht vorgelegen.

Nach dem Abpfiff der Partie zwischen dem VfL Wolfsburg und dem SC Freiburg (3:0) waren sich beide Trainer weitgehend einig in ihrer Bewertung jener Szene in der 21. Minute, die richtungweisend für dieses Spiel sein sollte. "Das 1:0 für Wolfsburg ist ein klares Foulspiel", fand der Freiburger Übungsleiter Christian Streich, und sein Wolfsburger Kollege mochte nicht widersprechen: "Vor dem ersten Tor hätte man Foul geben können oder sogar müssen", sagte Oliver Glasner. Doch der Treffer von John Anthony Brooks zählte, denn Schiedsrichter Tobias Reichel hatte kein Vergehen wahrgenommen und der Video-Assistent kein On-Field-Review empfohlen.

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Kritischer Blick auf die Szene.

(Foto: dpa)

Dem Tor vorausgegangen war ein Eckstoß für die Hausherren, bei dem der Ball hoch vor das Tor der Gäste geschlagen wurde. Es kam zu einem unübersichtlichen Gewühl im Zentrum auf Höhe der Torraumlinie, und plötzlich ging der Freiburger Kevin Schlotterbeck zu Boden. Der Ball gelangte über den Wolfsburger Maxence Lacroix zu dessen Mitspieler Brooks, der die Kugel aus kurzer Distanz im Gehäuse der Breisgauer versenkte. Schlotterbeck blieb liegen und hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den linken Fuß, seine Mitspieler fragten deshalb beim Unparteiischen nach, ob nicht ein Foul vorlag. Doch der Führungstreffer für die Niedersachsen behielt seine Gültigkeit.

Virtuelle Lupe schafft Klarheit

Zwischen der Torzielung und dem Wiederanstoß vergingen zweieinhalb Minuten, so lange dauerte die Überprüfung der Szene im Kölner Video-Assist-Center. In dieser Zeit zeigte der Sender Sky mehrere Wiederholungen dieser Szene aus verschiedenen Perspektiven, und der Kommentator rätselte lange, was der Grund dafür gewesen sein könnte, dass Schlotterbeck so plötzlich fiel. Die ersten Kameraeinstellungen zeigten es nicht oder nicht eindeutig, und aufgrund der Vielzahl an Spielern im Bild war schon die Identifikation keine leichte Aufgabe. Erst in der fünften Zeitlupe konnte man ausmachen, dass der Wolfsburger Kevin Mbabu, während er sich zum herannahenden Ball orientiert hatte, versehentlich mit dem Fuß auf Schlotterbecks Ferse getreten war.

In der Halbzeitpause wiederholte Sky die Szene nochmals stark verlangsamt und hob dabei den Kontakt mithilfe einer virtuellen Lupe hervor. Nun sah das, was zuvor nur schwer zu entdecken und zu erkennen war, eindeutig aus. "Nicht beabsichtigt, aber ein klares Foul", sollte Christian Streich später urteilen. "Der Schiedsrichter kann das nicht sehen, weil zu viele Leute im Strafraum sind", nahm der Coach den Unparteiischen in Schutz, um gleichwohl zu ergänzen: "Dafür ist der Video-Schiedsrichter da." Der Referee sei jedoch "nicht mal nach außen gebeten worden, um sich die Szene anzuschauen". Das sei "völlig unerklärlich".

Das Dilemma der Video-Assistenten

Diese Erklärung lieferte am Abend der offizielle Twitter-Account der DFB-Schiedsrichter nach. "Der Video-Assistent hat ein mögliches Foulspiel an Schlotterbeck anhand der vorliegenden Kameraeinstellungen geprüft", hieß es dort. "Diese brachten keinen eindeutigen bildlichen Beleg für ein regelwidriges Foulspiel an dem SC-Freiburg-Spieler." Hilfsmittel wie eine Lupenvergrößerung würden bei der Überprüfung solcher Szenen "grundsätzlich nicht eingesetzt, weil bewusst auf eine detektivische Suche verzichtet werden soll". Der VAR solle nur "bei klaren, offensichtlichen Fehlentscheidungen eingreifen, die auf der Grundlage aller Kamerabilder, die auch jedem Zuschauer zur Verfügung stehen, basieren".

Der Fall lässt deutlich werden, welchem Dilemma die Video-Assistenten bisweilen ausgesetzt sind. Sie sollen keine Schnüffler sein, die minutenlang beflissen einem möglichen Fehler oder einem vom Schiedsrichter vielleicht übersehenen Vergehen nachspüren, sondern sich auf Dinge konzentrieren, die rasch und gut zu erkennen sind. Doch wenn die Sendeanstalten später, also mit erheblich weniger Zeitdruck, einen keineswegs offensichtlichen Fehler entdecken, optisch hervorheben und in den Mittelpunkt rücken, wendet niemand ein, es sei unnötige Detektivarbeit geleistet worden - zumal die Zuschauer den betriebenen Aufwand nicht ermessen können. Vielmehr wird gefragt: Warum hat der VAR nicht bemerkt, was dem Fernsehen aufgefallen ist?

Der VAR hat weniger Zeit als die Fernsehsender

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Weil er weniger Zeit dafür hatte und die Angelegenheit oft nicht so augenscheinlich ist, wie Superzeitlupe und Ausschnittvergrößerung sie erscheinen lassen, müsste die Antwort lauten, auch wenn sie den Fan nicht zufriedenstellt. Dabei sind die Video-Assistenten bestrebt, Diskussionen wie nach dem Spiel in Wolfsburg gar nicht erst aufkommen zu lassen. Im Zuge dessen ergibt sich für sie manchmal ein weiteres Dilemma: Dauert die Überprüfung vergleichsweise lange, stellt sich die Frage, ob der Sachverhalt und ein möglicher Fehler tatsächlich klar und offensichtlich sein können. Wird sie dagegen schnell abgeschlossen, handelt sich der VAR für den Fall, dass Zweifel an der finalen Entscheidung laut werden, womöglich den Vorwurf mangelnder Sorgfalt und Genauigkeit ein.

Hinzu kommen kann, dass dem Video-Assistenten von seinen technischen Helfern in der Hektik des Augenblicks ausnahmsweise nicht die aussagekräftigste Perspektive aus über 20 Kameraeinstellungen vorgelegt wird, während der übertragende Sender - beide haben Zugriff auf denselben Bilderpool - diesbezüglich treffsicherer ist. Manchmal steckt der Teufel im Detail, und wo Menschen urteilen und handeln müssen, noch dazu unter Zeitdruck, geschehen nun mal auch Fehler. Das sollte man bei allem Anspruch an die Professionalität nicht vergessen.

Was sonst noch wichtig war:

  • Ein Blick auf die Auswechslungen des 1. FC Union Berlin in der Begegnung gegen Borussia Mönchengladbach (1:1) ließ manchen stutzen: Hatten die Gastgeber tatsächlich vier sogenannte Wechselslots in Anspruch genommen, obwohl nur drei - zusätzlich zur Halbzeitpause - zulässig sind? Falls ja, hätte das unangenehme Konsequenzen für die Berliner nach sich ziehen können, bis hin zu einer Spielwertung gegen sie. Doch es ging alles mit rechten Dingen zu: Zwischen den Einwechslungen von Feldspieler Sebastian Griesbeck und Ersatztorwart Loris Karius lagen zwar drei Minuten, sie fanden aber - und nur darauf kommt es an - in derselben Spielunterbrechung statt. Diese dauerte fast sechs Minuten, weil der Berliner Stammkeeper Andreas Luthe bei einem heftigen Zusammenprall mit seinem Teamkollegen Robin Knoche eine Kopfverletzung davongetragen hatte. Am Ende hatte Union fünf Spieler in drei Unterbrechungen ausgetauscht - und das war regulär.
    Alex Feuerherdt ...

    ... ist freier Publizist und Lektor und lebt in Köln. Er betreibt den Blog "Lizas Welt" und ist am Podcast "Collinas Erben" beteiligt, schreibt eine Schiedsrichterkolumne für n-tv.de und zudem für Zeitungen und Zeitschriften, vorwiegend zu den Themen Antisemitismus, Nahost und Fußball.

  • Ein wenig Stirnrunzeln gab es auch, als im Spiel von Borussia Dortmund gegen den FC Augsburg (3:1) Erling Haaland nach 20 Minuten einen - vollauf berechtigten - Handelfmeter gegen die Torlatte schoss und sich Torhüter Rafał Gikiewicz im Moment des Schusses mit beiden Füßen ein Stück vor der Torlinie befand. Eigentlich müssen die Keeper zumindest mit dem Teil eines Fußes auf der Linie bleiben, bis der Ball sich beim Strafstoß nach vorne bewegt hat. Dennoch war es richtig, dass der sehr gute Schiedsrichter Patrick Ittrich keine Wiederholung anordnete. Denn diese ist bei einem Fehlverhalten des Torwarts inzwischen nur noch dann zwingend fällig, wenn der Schlussmann den Ball abwehrt. Verfehlt der Schütze jedoch das Tor oder schießt er den Ball gegen Pfosten oder Latte, dann wird der Strafstoß laut Regelwerk "nur wiederholt, wenn das Vergehen des Torhüters den Schützen eindeutig gestört hat". Wann das der Fall ist, liegt im Ermessen des Unparteiischen; Haalands Fehlschuss ging aber erkennbar nicht darauf zurück, dass sich Gikiewicz ein paar Zentimeter vor seiner Torlinie aufhielt.

Quelle: ntv.de