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Montag, 05. Februar 2018

"Collinas Erben" klären auf: Warum Hertha sich zu Unrecht beschwerte

Von Alex Feuerherdt

In Berlin steht der Schiedsrichter vor einer regeltechnisch komplexen Strafraumsituation: Abseits oder Strafstoß? Er löst den kniffligen Fall korrekt. Der HSV ärgert sich, dass der Video-Assistent nicht eingreift. Doch der folgt nur der neuen Linie des DFB.

Wer sich schon im vergangenen Jahrhundert für Fußball interessiert hat, wird sich womöglich noch an ein taktisches Mittel erinnern, das so manche offensiv ausgerichtete und eigentlich überlegene Mannschaft an den Rande des Wahnsinns trieb: die Abseitsfalle. Vor allem die belgische Nationalmannschaft beherrschte sie in den 1980er-Jahren nahezu perfekt. Dabei ging es darum, bei einem Angriff des Gegners die gegnerischen Stürmer durch ein rechtzeitiges geschlossenes Vorrücken der Abwehrspieler kollektiv ins Abseits zu stellen. Der Zeitpunkt dieses Vorrückens orientierte sich dabei am Moment des erwarteten gegnerischen Passes auf einen Angreifer. Sofern das Timing der Defensive stimmte, befanden sich anschließend oft mehrere Stürmer gleichzeitig im Abseits, was zu einem Pfiff des Schiedsrichters führte.

Elfmeter für Hoffenheim: Schiedsrichter Deniz Aytekin im Berliner Olympiastadion.
Elfmeter für Hoffenheim: Schiedsrichter Deniz Aytekin im Berliner Olympiastadion.(Foto: imago/Contrast)

Heute ist die Abseitsfalle praktisch ausgestorben. Sie war ein so einfaches wie unansehnliches Mittel, um das Offensivspiel des Gegners zu zerstören und Tore zu verhindern. Deshalb gab es in den vergangenen Jahrzehnten mehrere Modifikationen der Abseitsregel, die allesamt zugunsten der Offensive ausfielen. Zur Hochzeit der Abseitsfalle führte, etwas verkürzt gesagt, bereits die bloße Abseitsstellung eines Angreifers im Moment der Ballabgabe durch seinen Mitspieler zu einem Pfiff, auch wenn dieser Angreifer weder den Ball spielte noch einen Gegner beeinflusste. Das hat sich dank der obersten Regelhüter vom International Football Association Board grundlegend geändert.

Längst ist eine Abseitsstellung an sich kein Grund mehr für eine Spielunterbrechung, nur noch das aktive Einwirken auf das Spiel aus dem Abseits heraus wird bestraft. Das Ifab definierte vor allem den Tatbestand der Beeinflussung eines Gegners mehrmals neu und schuf dabei die Grundlage für eine Regelauslegung, die im Abseits befindlichen Stürmern vergleichsweise viel Handlungs- und Bewegungsspielraum lässt. Eine Abseitsfalle wäre deshalb ein gänzlich unkalkulierbares Risiko. Im Sommer 2013 kam eine weitere Änderung hinzu: Seitdem liegt kein strafbares Abseits mehr vor, wenn ein im Abseits befindlicher Spieler "den Ball von einem gegnerischen Spieler erhält, der den Ball absichtlich spielt". Mit "absichtlich" ist dabei nicht "kontrolliert" gemeint, sondern das bewusste Zum-Ball-Gehen, das auch in einem Fehlpass oder einem Ballverlust münden kann.

Schulz' Abseitsstellung war nicht relevant

Diese Veränderungen haben den Offensivfußball begünstigt, die Abseitsregel aber auch komplexer und komplizierter werden lassen. Ein Beleg dafür ist eine Szene aus der 38. Minute des Spiels zwischen der Berliner Hertha und der TSG Hoffenheim (1:1), die für Kontroversen sorgte. Bei einem Angriff der Hoffenheimer brachte Serge Gnabry den Ball von der rechten Seite in den Strafraum, in der Mitte verpasste Adam Szalai die Kugel, derer sich daraufhin der Berliner Verteidiger Niklas Stark bemächtigte. Er verlor sie jedoch gleich wieder an Nico Schulz, den er in seinem Rücken übersehen hatte. Beim Versuch der Wiedereroberung brachte er den Hoffenheimer zu Fall, Schiedsrichter Deniz Aytekin entschied sofort auf Strafstoß.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Dass Stark gefoult hatte, war unstrittig. Die Berliner protestierten aus einem anderen Grund: Bei Gnabrys Pass befand sich Schulz knapp außerhalb des Feldes und war damit in dem Moment, als er den Platz wieder betrat, im Abseits. Hertha argumentierte, dass er aus dieser Abseitsposition heraus Stark angegriffen und den Ball erobert hatte. Nach ihrer Ansicht hätte es deshalb keinen Elfmeter geben dürfen, sondern einen indirekten Freistoß für die Hausherren. Auch der frühere Fifa-Schiedsrichter Markus Merk vertrat beim Bezahlsender Sky diese Position.

Doch Aytekin hatte richtig entschieden, wie die Schiedsrichter-Kommission des DFB umgehend bestätigte: "Der Berliner Spieler Niklas Stark geht in der betreffenden Szene klar zum Ball und nimmt diesen an. Damit ist die vorherige Abseitsstellung des Hoffenheimer Spielers Nico Schulz regeltechnisch nicht mehr relevant", hieß es in einer Erklärung. Die Regelauslegung durch das Schiedsrichterteam sei somit "absolut korrekt", weshalb auch "kein Anlass für einen Eingriff des Video-Assistenten" bestanden habe.

Zwischen Gnabry und Stark war kurz nach der strittigen Aktion aber alles wieder in Ordnung.
Zwischen Gnabry und Stark war kurz nach der strittigen Aktion aber alles wieder in Ordnung.(Foto: imago/Bernd König)

Tatsächlich konnte der Herthaner die Kugel unbedrängt annehmen - auch das gilt als "absichtliches Spielen" des Balles -, Schulz' Abseitsstellung war deshalb in diesem Moment nicht strafbar. Anders hätte sich die Sachlage dargestellt, wenn Stark bereits bei der Ballannahme vom Hoffenheimer angegriffen worden wäre. So aber entstand eine neue Spielsituation, und die vorherige Abseitsposition von Schulz war nicht mehr von Belang. Man mag es seltsam finden, dass es für die Hertha besser gewesen wäre, wenn Stark gar nicht erst zum Ball gegangen wäre oder diesen verfehlt hätte - dann nämlich wäre Schulz' Abseitsstellung im Moment der Ballberührung strafbar gewesen. Doch über Sinn und Unsinn einer Regel oder von deren Auslegung haben die Unparteiischen nicht zu befinden. Sie müssen sie lediglich korrekt anwenden. Das tat Deniz Aytekin im Verbund mit seinem Assistenten - und das in Echtzeit.

Sané gegen Kostic: (K)ein klarer Elfmeter?

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Aufregung gab es auch beim 1:1 zwischen dem Hamburger SV und Hannover 96, ebenfalls in Strafraumsituationen. Nach 33 Minuten schoss Hamburgs Gotoku Sakai den Ball aufs Tor der Gäste, Pirmin Schwegler hielt ihn im Sechzehnmeterraum mit der Hand auf. Schiedsrichter Sascha Stegemann ließ jedoch weiterspielen, denn Schweglers Arm hing locker herab und war in einer natürlichen Haltung, durch den unbeabsichtigten Kontakt mit dem Ball wurde er ein Stück nach hinten geschleudert.

Das alles sind Kriterien, die gegen ein strafbares Handspiel sprechen, die Entscheidung des Referees war zumindest vertretbar. Ein klarer und offensichtlicher Fehler, der den Video-Assistenten zum Eingreifen gezwungen hätte, lag jedenfalls nicht vor. Kurz vor der Pause setzte der Hannoveraner Salif Sané im eigenen Strafraum zu einem Tackling gegen Filip Kostic an. Die Aktion galt erkennbar dem Ball, der auch gespielt wurde, allerdings ging Sané mit einigem Körpereinsatz zu Werke und brachte den Hamburger dadurch zu Fall.

Wieder ließ der sehr gut postierte Stegemann die Partie laufen, und erneut gab es aus der Video-Zentrale in Köln keine anderweitige Empfehlung. Betrachtet man die Zeitlupe, dann spricht einiges für einen Strafstoß, zumal Sanés Kontakt mit dem Hamburger Angreifer einen Sekundenbruchteil vor dem Kontakt mit dem Ball stattfand. Doch der Leiter der DFB-Schiedsrichter-Kommission, Lutz Michael Fröhlich, hatte die Video-Assistenten vor dem Beginn der Rückrunde angewiesen, sich nicht als Detektive zu betätigen. Wenn nicht unmittelbar und unzweifelhaft klar ist, dass der Schiedsrichter eine Fehlentscheidung getroffen hat, sollen sie nicht intervenieren.

Die Zahl der Korrekturempfehlungen ist durch diese Anweisung deutlich zurückgegangen, vor allem in Situationen, in denen der Unparteiische freie Sicht und eine gute Position hatte. Dem entspricht, dass auch bei der Partie in Hamburg der Video-Assistent nicht vorschlug, die Entscheidung zu ändern - weil Sané bei seinem ballorientierten Einsatz auch die Kugel gespielt und der Schiedsrichter deshalb beschlossen hatte, dass die Aktion nicht elfmeterwürdig ist. Es gibt Gründe, das anders zu sehen. Aber die Kriterien, die der DFB für einen klaren und offensichtlichen Fehler zugrundelegt, waren nicht erfüllt.

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Quelle: n-tv.de