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"Collinas Erben" staunen Warum Leipzigs Forsberg mit Verspätung flog

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Rudelbildung nach Forsberg-Grätsche: Schiedsrichter Felix Zwayer behielt dennoch die Durchblick.

(Foto: imago/MIS)

Beim Topspiel in München will der Schiedsrichter Gelb zeigen, kommt aber nicht dazu - und zeigt letztlich Leipzigs Forsberg Rot. Grund für Verschwörungstheorien? Keineswegs. In Hamburg glänzt der Referee als Fachmann für taktische Fouls.

Ihr erstes Spiel gegen den FC Bayern München hatten sich die Rasenballsportler aus Leipzig zweifellos anders vorgestellt. Mutig und forsch wollten sie auch beim deutschen Rekordmeister auftreten. Doch der war in überragender Spiellaune und zeigte dem Aufsteiger früh, wo der Bartel den Most holt. Nach 25 Minuten stand es bereits 2:0, und als die Mannschaft von Trainer Carlo Ancelotti vier Minuten später einen Leipziger Eckstoß abfing und zu einem rasanten Konter ansetzte, drohte den Gästen sogar der dritte Gegentreffer. Also packte Emil Forsberg gegen den davoneilenden Philipp Lahm wenige Meter vor der Mittellinie die Grätsche aus und brachte den Kapitän der Münchner von hinten unsanft zu Fall.

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Schiedsrichter Felix Zwayer pfiff sofort und nahm umgehend die Gelbe Karte aus seiner Brusttasche. Er kam jedoch nicht dazu, sie zu zeigen. Auf dem Rasen entstand eine Rudelbildung, als die erbosten Bayern den Sachsen – insbesondere Forsberg – deutlich machten, was sie vom Einsteigen des Leipziger Mittelfeldregisseurs hielten. Der Referee war dadurch erst einmal gezwungen, dazwischenzugehen, die Streithähne zu trennen und die Gemüter zu besänftigen. Er tat das mit einer Mischung aus Ruhe und Entschlossenheit – und verhinderte so, dass es zu ahndungswürdigen Unsportlichkeiten kam.

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Als sich die Traube schließlich aufgelöst hatte, wandte sich Zwayer dem am Spielfeldrand stehenden Vierten Offiziellen Martin Petersen zu und kommunizierte kurz mit ihm über das Headset. Anschließend zeigte er Forsberg die Rote Karte statt der Gelben. Das war korrekt, denn der Schwede hatte nicht nur, wie der Unparteiische zunächst augenscheinlich glaubte, einen aussichtsreichen Angriff der Gastgeber unterbunden, also ein taktisches Vergehen begangen. Er hatte sich dabei auch eines groben Foulspiels schuldig gemacht, denn bei seinem Tackling hatte er Lahm in vollem Lauf mit der offenen Sohle an Unterschenkel und Achillessehne getroffen – und das auch noch ohne jede Chance auf den Ball. Ein gesundheitsgefährdendes Vorgehen, für das der Platzverweis die angemessene Sanktion war - und das vom DFB-Sportgericht mit drei Spielen Sperre bestraft wurde.

Spitzenspiel mit Spitzenschiedsrichter

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In den sozialen Netzwerken äußerten manche den Eindruck, Felix Zwayer habe sich vom wütenden Protest der Münchner beeindrucken lassen und deshalb am Ende zur härteren persönlichen Strafe gegriffen. Ausschlaggebend war aber eindeutig die Intervention des Vierten Offiziellen, der einen optimalen Blick auf Forsbergs Grätsche hatte und sie auch nicht im Vollsprint beurteilen musste, sondern sie aus einer Ruheposition beobachten konnte. Etwas unglücklich wirkte das allzu rasche Hervorholen der Gelben Karte zwar, doch wesentlich ist, dass die letztgültige Entscheidung stimmt – und das tat sie dank des guten Teamworks. Übrigens wäre auch dann noch ein Feldverweis möglich gewesen, wenn der Schiedsrichter Forsberg die Gelbe Karte schon gezeigt hätte. Denn jede Entscheidung kann geändert werden, solange die Partie noch nicht wieder mit der Zustimmung des Referees fortgesetzt wurde.

  Nicht nur beim Platzverweis wählte Felix Zwayer das richtige Maß, auch ansonsten war er ein konsequenter, sicherer und allseits akzeptierter Leiter dieses Spitzenspiels. Seine Linie bei der Zweikampfbeurteilung passte zum Spielcharakter, der Strafstoß für den FC Bayern nach einem Foul des Leipziger Torwarts Peter Gulacsi an Douglas Costa war unstrittig und auch bei der Handhabung der Vorteilsbestimmung bewies der 35-Jährige mehrmals ein sehr gutes Auge. So beispielsweise vor dem Führungstreffer der Bayern, als er die Begegnung trotz eines Fouls an Arjen Robben bewusst weiterlaufen ließ, weil Philipp Lahm in Ballbesitz kam und die Kugel gezielt vor das Tor brachte, wo Robert Lewandowski den Pfosten traf, bevor Thiago schließlich abstaubte. Auch bei dem Konter, der in den Feldverweis für Forsberg mündete, hatte der Unparteiische zu Recht auf Vorteil erkannt, als Lewandowski an der Grenze des eigenen Strafraums zu Fall gebracht wurde, der Ball jedoch zu Lahm gelangte.

Eine Rote Karte gab es auch bei der Partie zwischen Eintracht Frankfurt und dem 1. FSV Mainz 05 (3:0), nämlich für den Mainzer Jhon Cordoba. Dieser hatte den Frankfurter Kapitän David Abraham im Laufduell zu Fall gebracht und war ihm beim Aufstehen auf den Unterschenkel gestiegen. In solchen Fällen ist es für die Unparteiischen äußerst schwierig, zu beurteilen, ob Vorsatz vorliegt oder die Aktion eher unglücklich war – zumal die Spieler eine gewisse Kunstfertigkeit darin entwickelt haben, derartige Handlungen aussehen zu lassen wie einen Unfall. Der gut postierte Schiedsrichter Günter Perl erkannte in Cordobas Tritt jedenfalls Absicht und stellte den Kolumbianer vom Platz. Ein Grenzfall, bei dem auch die Zeitlupe keinen endgültigen Aufschluss gab. Das Sportgericht des DFB sperrte Cordoba wegen einer "Tätlichkeit in einem leichteren Fall" für zwei Spiele und verhängte zusätzlich eine Geldstrafe von 10.000 Euro.

Taktische Fouls: Wann es kein Gelb gibt

Eine regeltechnisch interessante Situation ergab sich derweil im Spiel zwischen dem Hamburger SV und dem FC Schalke 04 (2:1). In der 42. Minute verlor der Hamburger Nicolai Müller kurz vor dem eigenen Strafraum den Ball an Max Meyer und verhinderte anschließend durch ein unfaires Tackling, dass der Schalker in den Strafraum eindringen kann. Der aufmerksam leitende Unparteiische Jochen Drees entschied jedoch auf Vorteil, weil Meyers Mitspieler Sead Kolasinac die Kugel kontrolliert übernehmen und eine Flanke vor das Gehäuse der Hausherren schlagen konnte. Der Ball wurde jedoch abgefangen, der HSV konterte und kurz hinter der Mittellinie bremste Alessandro Schöpf den davoneilenden Michael Gregoritsch mit unfairen Mitteln, wodurch er einen aussichtsreichen Angriff der Gastgeber unterband.

Hier war es innerhalb weniger Sekunden zu zwei taktischen Fouls gekommen – erst von Müller an Meyer, dann von Schöpf an Gregoritsch. Doch während Schöpf verwarnt wurde, kam Müller ungeschoren davon. Beides war allerdings richtig. Denn die Referees haben die Anweisung, bei der Verhinderung oder Unterbindung eines aussichtsreichen Angriffs die Gelbe Karte stecken zu lassen, wenn die Vorteilsbestimmung angewandt wird. Schließlich ist der Versuch, den Angriff mit unsportlichen Mitteln zu beenden, dann nicht von Erfolg gekrönt gewesen – und nur bei einer Vollendung (die bei Schöpf gegeben war, bei Müller jedoch nicht) soll die Verwarnung ausgesprochen werden. Es sei denn, das Foul als solches war gelbwürdig, beispielsweise wegen seiner Härte oder wenn ein unsportliches Halten vorliegt. In diesem Fall (der bei Nicolai Müller aber nicht gegeben war) wird doch die Gelbe Karte gezeigt – nur eben nicht aufgrund des taktischen Aspekts des Vergehens, sondern wegen seiner Schwere.

Nicht nur Felix Zwayer und Jochen Drees gaben an diesem 16. Spieltag bei ihren Einsätzen eine gute Figur ab, auch ihre Kollegen auf den anderen Plätzen zeigten ganz überwiegend starke Leistungen, so etwa Manuel Gräfe beim rheinischen Duell zwischen dem 1. FC Köln und Bayer 04 Leverkusen (1:1). Nachdem die Schiedsrichter zuletzt mehrfach in der Kritik standen, gab es über ihre Entscheidungen nun kaum Aufregung. Sie können also mit einem Erfolgserlebnis in die Winterpause gehen – und das ist für das 19. Team der Bundesliga nicht weniger wichtig als für die anderen Mannschaften.

Quelle: n-tv.de

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