"Jeder lief planlos umher"Als der FC Bayern den König des deutschen Fußballs stürzte
Von Ben Redelings
Nach 14 erfolgreichen Jahren beim SV Werder Bremen soll Otto Rehhagel 1995 auch beim FC Bayern Titel gewinnen. Der Plan scheitert krachend. Doch nicht alleine sportliche Gründe führen zum Sturz von "König Otto" an der Säbener Straße - sondern ein weit größeres Problem.
"In Bremen habe ich mir im Laufe der letzten Jahre meine Machtposition erarbeitet. Hier quatscht mir niemand rein, und keiner kann sich hinter meinem Rücken bei irgendeinem ausheulen." Irgendwie muss Otto Rehhagel, den sie nach 14 sehr erfolgreichen Jahren an der Weser bei seinem Abschied nur noch "König Otto" nannten, schon vor seinem Start an der Säbener Straße in München geahnt haben, wie und weshalb die Sache beim Rekordmeister eines Tages enden würde. Dass es allerdings so schnell gehen würde, hatte auch Otto Rehhagel nicht für möglich gehalten.
Nur knapp zehn Monate nach seinem Dienstbeginn in München war seine Mission beim FC Bayern bereits wieder beendet. Und einer der Gründe, die zu seinem frühzeitigen Rauswurf führten, waren auch die Gespräche, die hinter seinem Rücken stattfanden. Denn schon Wochen vor seinem Rauswurf hatte sich der damalige Präsident Franz Beckenbauer mit seinen Spielern Thomas Helmer, Jürgen Klinsmann und Lothar Matthäus getroffen, um sich anzuhören, warum es bei den Bayern nicht so wie erhofft lief. Die drei heulten sich aus und erzählten dem "Kaiser", dass sie unzufrieden mit dem ihrer Meinung nach "unzureichenden Training" seien.
Hinter dem Rücken des Trainers hatte auch ein anderer Spieler direkt vor Rehhagels letzter Partie, einer 0:1-Heimniederlage gegen Hansa Rostock, sein Leid geklagt und der "Sport Bild" erzählt, was aus seiner Sicht bei den Bayern im Frühjahr vor dreißig Jahren schieflief: "Bezeichnend für unserem Zustand war unser Abschlusstraining am Freitag. Jeder durfte machen, was er wollte. Da wurden keine Ecken, keine Freistöße angeordnet, nichts. Jeder lief planlos umher. Und so irrten wir dann auch gegen Rostock über den Platz."
Harald Schmidt und Markus Babbel verspotteten Rehhagel
Schon zuvor war Rehhagel in München mit Spielern wie Mehmet Scholl und Jürgen Klinsmann intern angeeckt, aber letztendlich scheiterte der mehrmalige Meistertrainer und spätere Europameister-Coach mit Griechenland am öffentlichen Trubel und großen Medienaufkommen in der bayerischen Landeshauptstadt. Schnell vermutete Rehhagel, dass es bei ihm in der Mannschaft ein "trojanisches Pferd" geben müsse, das der Presse Informationen durchstieß. Doch recht bald schon musste er einsehen, dass es ganz offensichtlich nicht nur ein Spieler war, der hinter seinem Rücken den Medien Interna preisgab.
Als dann auch noch TV-Komiker Harald Schmidt in seiner Sendung über den gelernten Anstreicher und Lackierer Rehhagel lästerte - "Eines Tages Uli Hoeneß: 'Otto, das Training macht jetzt der Augenthaler. Du kannst schon mal die Wand streichen'" - und Markus Babbel nach dem missglückten Start in die Rückrunde mit einer mathematisch interessanten Feststellung die Probleme des FC Bayern ansprach - "In der Truppe stimmt es überhaupt nicht. Im Vergleich zur Vorrunde fehlen uns 100 Prozent" -, war eigentlich bereits klar, dass das Abenteuer von Rehhagel in München ein jähes Ende nehmen würde.
Auch "König Otto" ließ nach seinem Sturz vom Thron des Rekordmeisters durchblicken, dass nicht nur das Team eifrig mit der Presse sprach, sondern auch die Medienvertreter selbst einen direkten Draht zum Trainer hatten. So meinte Rehhagel kurz nach seinem Rausschmiss: "Ich war über die Pläne des Vorstands immer sehr gut informiert, auch wenn ich mir das nicht habe anmerken lassen."
Mit dem FCK nahm "König Otto" Revanche
Am Ende sollte wieder einmal Franz Beckenbauer retten, was wenigstens in puncto Deutsche Meisterschaft nicht mehr zu retten war. Immerhin holte der FC Bayern in diesem Jahr noch den Titel des UEFA-Cup-Siegers. Eine Trophäe für Beckenbauer jedoch mit einem gewissen Geschmäckle, denn schließlich hatte Rehhagel die Mannschaft ins Finale geführt. Doch beim anschließenden Siegerbankett war es alleine Lothar Matthäus, der in diesen Stunden dem Ex-Trainer dankte.
Der Weltmeister von 1990 war es auch, der den Coach als einer der wenigen schon direkt nach Rehhagels Rauswurf mit klugen wie emotionalen Worten verabschiedete: "Vom Menschlichen tut es mir leid. Sportlich kann ich die Entscheidung nachvollziehen. Otto ist ein herzensguter Mensch, der niemandem etwas Böses wollte. Er hat nur an das Gute im Menschen geglaubt. Aber da hat er sich getäuscht."
Und so endete das Abenteuer FC Bayern München für Otto Rehhagel äußerst unbefriedigend. Doch er ließ gleich erkennen, dass er sich so von der Fußballbühne nicht verabschieden wolle ("Ich werde sicherlich bald wieder ins Geschäft einsteigen") und machte allen, die es hören wollten, eine Kampfansage: "Dann wird wieder angegriffen!" Das klappte tatsächlich. Denn nur zwei Jahre später holte "König Otto" bereits mit dem damaligen Aufsteiger, dem 1. FC Kaiserslautern, den Titel des Deutschen Meisters, verpasste den Bayern schon am Spieltag im Olympiastadion eine schmerzhafte Auftaktpleite.. Wahrscheinlich "heulten" sich auf dem Betzenberg die Spieler einfach etwas weniger "hinter dem Rücken" des Trainers aus, als in München.