Redelings Nachspielzeit

Irres Abstiegskampfdrama Als der Weltmeister hemmungslos heulte

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Andreas Brehme teilt unschöne Erinnerungen.

(Foto: imago/HJS)

Heute vor 25 Jahren lieferten sich Bayer Leverkusen und der 1. FC Kaiserslautern ein packendes Finale um den Verbleib in der Ersten Liga. Und mittendrin zwei Weltmeister. Doch nur einer der beiden konnte drinbleiben. Ein legendäres Drama, das Millionen von Fußballfans nie vergessen werden!

Es ist eines der unvergesslichsten Bilder der Bundesligageschichte! Als sich die beiden Weltmeister von Italien 1990 sechs Jahre später in einem TV-Studio in den Armen lagen und Rudi Völler einen hemmungslos weinenden Andreas Brehme tröstete - schaute eine ganze Nation mit feuchten Augen zu.

Eigentlich wollten an diesem Nachmittag beide Helden von Rom ihre Karriere beenden. Doch nun verabschiedete sich nur Rudi Völler in den Ruhestand. Für Andreas Brehme war schnell klar, dass es weitergehen würde. Denn so wollte er sich nicht verabschieden: "Ich habe einige Endspiele verloren: Europameisterschaft, Weltmeisterschaft und Europapokal der Landesmeister. Aber das härteste war mit Abstand der Abstieg. Was Schlimmeres kann dir nicht passieren!"

Brehme musste "zu all den SV Meppens"

Der 18. Mai 1996 ist in die Historie der Bundesliga eingegangen, weil das Drama von Leverkusen sich genau in diesem einzigartigen Duell der beiden Weltmeister zuspitzte. Völler oder Brehme, eine der beiden Legenden musste an diesem Nachmittag den Gang in die Zweite Liga antreten. Und genau diese Ausgangssituation sorgte dafür, dass sich die Spannung anschließend vor einem Millionenpublikum im Studio des damaligen Free-TV-Senders "Premiere" entlud. Rotz und Wasser heulte Andreas Brehme an diesem Tag in den Armen seines Freundes - und schämte sich seiner Tränen nicht. Ganz im Gegenteil.

Für "Mister Zuverlässig" (wie nicht nur Rudi Völler ihn nannte) stand sofort fest, dass er als Absteiger nicht würde aufhören wollen und können: "Zum ersten Mal in seiner Geschichte musste der FCK ins Unterhaus. Zu all den SV Meppens, die sich dort tummelten. Mir tat die ganze Pfalz leid, Fußball ist alles für die Menschen dort."

Rudi Völler ahnte, wie sich sein Freund fühlen musste: "Wir sind damals mit einem blauen Auge davongekommen. Aber für Andy hat es mir sehr weh getan. Er hat so viel für den FCK getan und musste nun eine Saison zweitklassig spielen. Hut ab vor Andy, der beim FCK geblieben ist und dort Wiedergutmachung geleistet hat." Doch wie konnte es an diesem trüben Tag im Mai überhaupt erst soweit kommen, dass der 1. FC Kaiserslautern, der erst fünf Jahre zuvor Deutscher Meister geworden war, zum ersten Mal in die Zweite Liga abstieg?

Brehme telefonierte mit einem Großen

Am Ende war es eine Verkettung von unglücklichen Umständen, die dazu führte, dass der Traditionsverein fast eine komplette Spielzeit lang nicht richtig auf die Beine kam - und erst viel zu spät den wahren Ernst der Lage registrierte. Und auch dabei machte der Klub, angeführt von Manager Rainer Geye, noch einen großen Fehler. Denn die Mannschaft war zu diesem Zeitpunkt fest entschlossen und auch sicher, den Karren gemeinsam mit ihrem Trainer Friedel Rausch aus dem Dreck ziehen zu können.

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Doch es kam anders. Rausch wurde entlassen und nichts wurde besser. Im Gegenteil, wie Andreas Brehme hinterher einmal schockiert schilderte: "Wenn schon ein Wechsel, dann hätte es ein großer Trainer sein müssen. Ich habe damals in Absprache mit dem Verein Trapattoni angerufen. Der wäre auch nach Kaiserslautern gekommen. Alles war schon klar. Am nächsten Morgen klingelte bei mir das Telefon: 'Hier Eckhard Krautzun! Ich bin dein neuer Trainer.' Das war ein völliges Chaos - und so ist auch die ganze Saison zu Ende gegangen."

Besonders erschwerend kam in dieser Saison hinzu, dass Kaiserslautern über den miserabelsten Rasen der Liga, eine "Kraterlandschaft" (O-Ton Brehme), verfügte, der es der eigentlich spielstarken Mannschaft zu Hause fast unmöglich machte, vernünftig ihr Spiel aufzuziehen. Und dann kam es, wie es kommen musste und wie Brehme es später einmal mit einer alten Binsenweisheit umschrieb: "Wenn du unten drinhängst, dann kommt auch noch Pech dazu."

Unfairness ebnet den Weg zum Klassenerhalt

So auch an diesem denkwürdigen 18. Mai vor 25 Jahren im Leverkusener Ulrich-Haberland-Stadion, als sich nur eines der beiden Teams, Bayer Leverkusen oder der 1. FC Kaiserslautern, nach 90 Minuten würde retten können. Bayer reichte an diesem Nachmittag bereits ein Unentschieden für den Klassenerhalt - doch tatsächlich gingen die Lauterer zuerst in Führung. Doch acht Minuten vor Schluss schoss Markus Münch, in seiner letzten Partie für die Leverkusener, das wichtigste Tor seiner Karriere zum 1:1-Ausgleich. Dass Münch allerdings in dieser 82. Minute überhaupt den entscheidenden Treffer zum wichtigen Unentschieden machen konnte, hatte er vor allem auch der Unfairness seiner eigenen Mitspieler zu verdanken.

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Bestseller-Autor und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein legendäres Anekdoten-Schatzkästchen. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und seinem Buch mit den besten Kolumnen ("Zwischen Puff und Barcelona") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Denn zwei Minuten zuvor hatte Lauterns Miroslav Kadlec den Ball ins Seitenaus geschossen, weil sich Lauterns Stürmer Olaf Marschall auf dem Feld vor Schmerzen krümmte. Doch anstatt die Kugel zu den "Roten Teufeln" zurückzuspielen, warf Sergio den Ball zu seinem Torwart Heinen, und der schlug das Leder ab zu Stürmer Völler. Innerhalb der nächsten Sekunden entwickelt sich das entscheidende Tor. Kadlec war hinterher auch weit nach Spielende noch konsterniert: "Was hätte ich anderes machen sollen. Olaf war verletzt und musste behandelt werden." Und tatsächlich wurde Marschall kurz darauf ausgewechselt.

Es war der finale Tiefpunkt einer Saison, die Andreas Brehme später einmal als "die bitterste Enttäuschung meiner Laufbahn" bezeichnen sollte. Doch wie der Fußball nun einmal ist: Nur zwei Jahre später holten die Männer vom Betzenberg als erster Aufsteiger überhaupt die Deutsche Meisterschaft wieder nach Kaiserslautern. Zu diesem Zeitpunkt waren die legendären Tränen des 18. Mai 1996 schon lange getrocknet.

Quelle: ntv.de

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