Debakel von ParisAls die kleine Schweiz die WM-Träume NS-Deutschlands zerstörte
Von Ben Redelings
Bei der WM 1938 kommt es zu einer besonderen Partie: Die Schweiz spielt gegen eine Auswahl aus Deutschen und Österreichern. Nur wenige Monate nach Hitlers "Heim ins Reich"-Anschluss endet der Versuch Herbergers, zwei großartige Teams zu einem noch größeren zu machen, in einem Debakel.
Als Georges Aeby wieder aufs Feld schlich, kehrte der Kampfesmut der Schweizer zurück. Mit einem riesigen Turban um seinen Kopf hatte der eidgenössische Nationalspieler überraschend den Weg zurück auf den Rasen des Pariser Stadions gefunden. Nur Minuten zuvor hatte man ihn noch mit einer klaffenden Wunde auf einer Bahre vom Feld getragen - gerade in dem Moment, als die Schweizer nach einem 0:2-Rückstand durch Walaschek den Anschlusstreffer erzielt und neue Hoffnung geschöpft hatten. Von nun an berannten die Schweizer unaufhörlich das Tor der großdeutschen Nationalmannschaft. Denn an diesem denkwürdigen 9. Juni 1938 trat erst- und letztmals bei einem großen Fußball-Turnier ein Team aus deutschen und österreichischen Spielern gemeinsam an.
Nur vier Jahre zuvor hatten Deutschland und Österreich noch das Spiel um den dritten Platz bei der Weltmeisterschaft 1934 in Italien bestritten. Nun spielten die beiden Nationen in einer gemeinsamen Mannschaft, um die erste Runde der WM in Frankreich gegen den Nachbarn zu überstehen. Hitlers "Heim ins Reich"-Anschluss von Österreich im März 1938 hatte den neuen Bundestrainer Sepp Herberger vor ungeahnte Probleme gestellt. Er musste zwei Weltklasse-Teams miteinander mixen, die von ihrer Spielweise unterschiedlicher kaum hätten sein können. Herberger selbst sprach davon, dass "jede einzelne Mannschaft" besser gewesen wäre "als eine gemischte".
"Wiener Melange mit preußischem Einschlag"
Mit einem Lächeln, das seine innere Verzweiflung kaschieren sollte, versuchte er das schier unlösbare Problem zu überspielen, als er seine zusammengewürfelte Elf "Wiener Melange mit preußischem Einschlag" nannte. Das Experiment musste einfach scheitern, da auch die Spieler nie zusammenfanden. Dass es allerdings so krachend endete, nachdem die großdeutsche Elf nach einer halben Stunde mit zwei Toren Vorsprung in Führung lag, hätten an diesem Tag die Beobachter allerdings nicht erwartet. Auch wenn das Stadion, das fast geschlossen hinter den "petits Suisses", den kleinen Schweizern stand, die Entwicklungen nach dem Anschlusstreffer mit viel Wohlwollen und tatkräftiger Unterstützung verfolgte.
Spätestens mit dem Ausgleich von Alfred Bickel zum 2:2 war die Partie im Parc des Princes von Paris gekippt. Die Wiederholungsbegegnung - das erste Spiel war auch nach Verlängerung mit einem 1:1-Unentschieden geendet - der K.-o.-Partie gestaltete die Schweiz nun komplett nach ihrer Fasson. Nachdem sie geschickt mit zehn Mann die langen Minuten des Verletzungsausscheidens von Georges Aeby nach der Pause überstanden hatten, drehten die Eidgenossen groß auf.
Schmach für NS-Deutschland
Später sollten Beobachter anmerken, dass die Elf von NS-Deutschland diese knappe Viertelstunde bis zum Wiedereintreffen von Aeby quasi nur Alibifußball gespielt habe, weil die Zuschauer Ludwig Goldbrunner die Schuld an dem Zusammenstoß gegeben hatten und ihrem Unmut lautstark Luft machten - doch das entschuldigte natürlich nicht, dass das Team von Sepp Herberger um den Schalker Meisterspieler Fritz Szepan dann auch im Spiel 11 gegen 11 der Schweiz nicht mehr viel entgegenzusetzen hatte. Es kam, wie es kommen musste: Die Mannschaft fiel in ihre Einzelteile zusammen. "Elf Spieler sind noch lange keine Mannschaft", schrieb der "kicker" hinterher. Der klassische Kampf David gegen Goliath war entschieden.
Das 4:2 ist bis heute in der Schweiz eine Legende. In Deutschland versuchte man die Partie verständlicherweise schnell zu vergessen. Zu mächtig war die Schmach, die das NS-Reich an diesem 9. Juni 1938 erlitten hatte. Nie wieder sollte danach eine deutsche Mannschaft früher, kläglicher und geschichtsträchtiger aus einer Weltmeisterschaft ausscheiden. Das Debakel von Paris hallte noch lange nach. Denn man vergaß auch nicht, dass eine Generation von fantastischen Fußballern aus zwei Ländern aufgrund der politischen Verhältnisse um eine große sportliche Chance gebracht worden war. Oder wie Sepp Herberger es richtig gesagt hat: "Jede einzelne Mannschaft wäre besser gewesen als eine gemischte".