Redelings Nachspielzeit

Fußball im Osten plattgemachtAls Glücksritter und windige Unternehmer die DDR-Vereine zerstörten

21.03.2026, 06:41 Uhr Ben-RedelingsVon Ben Redelings
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Rolf-Jürgen Otto war der schillerndste Funktionär bei Dynamo Dresden. (Foto: picture-alliance / dpa)

Als die Wende kam, ging auch das System des DDR-Fußball unter. Die Vereine waren plötzlich führungslos. Das war die Chance für Glücksritter und windige Unternehmer aus dem Westen. Sie haben dem ostdeutschen Fußball sehr geschadet - bis heute.

Als die DDR unterging, war da plötzlich ein riesiges Vakuum. All das, was über Jahrzehnte Struktur und Ordnung gegeben hatte, war auf einmal weg. Vielfach auch die Menschen. Wenn sie nicht rübergemacht hatten, wurden sie häufig einfach entsorgt - so wie Walter Toussaint, der für das Staatssekretariat für Körperkultur und Sport den Job übernommen hatte, den Sport in den Betrieben zu fördern und später insbesondere dafür abgestellt wurde, dem "zusehends abgehängten DDR-Fußball auf die Sprünge zu helfen", wie Mathias Liebing in seinem lesenswerten Buch "Plattgemacht. Wie der Westen den ostdeutschen Fußball zerstörte" schreibt. Nach der Wende war kein Platz mehr für Menschen wie Walter Toussaint. Liebing schreibt: "Somit wurde einer der einstigen Denker und Lenker des DDR-Fußballs zu einem Pförtner und später auch Vorsitzender eines Kleingartenvereins."

Das hatte weitreichende Folgen. Denn Toussaint war ja kein Einzelfall. Urplötzlich war da dieses Vakuum im System. Im Buch heißt es: "Der Fußball, wie er in der DDR organisiert war, war führungslos. Zumal die Verflechtungen häufig auf Einzelpersonen zurückgingen, die bis zur Wende im Fußball wie Fürsten regierten und ihr Wissen in einer Art Hofstaat konzentrierten. Sobald die Vereinsfürsten aber vom Hof gejagt waren, mangelte es folgerichtig an Kompetenzen und Fachwissen." Und genau das war die Situation nach der Wende.

"Box-Promoter, U-Bahn-Bauer, Großgastronom"

Eine Situation, die eine Vielzahl von Managern und Beratern aus dem Westen nutzten, um Geschäfte zu machen. Die Transfers dieser Tage liefen (fast) alle - um es vorsichtig auszudrücken - am Rande der Legalität ab. Oder wie es der Dresdener Ralf Minge im Buch über die Spieler-Wechsel und die verschwundenen Erlöse dieser fernen Tage vor über dreißig Jahren sagt: "Die Schatulle mit dem Geld muss irgendwo herunterfallen und in tausend Teile zerbrochen sein."

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Es waren wilde, undurchsichtige Zeiten damals im Osten. Und in diesem luftleeren Raum, den die Vereine boten, "landeten häufig Glücksritter, windige Unternehmer mit schlechten Umgangsformen und wenig Kompetenz, erfolglose Macher, die im Fußballwesten keiner (mehr) wollte." Einer von ihnen, und der wahrscheinlich bis heute bekannteste und schillerndste, war ein gewisser Rolf-Jürgen Otto, der damals Dynamo Dresden unter seine Fittiche bekam. Der Klub war eine echte Macht vor und (anfangs) auch nach der Wende gewesen - auch wenn die Probleme in Dresden genau dieselben waren wie überall im ehemaligen DDR-Fußball. Ansonsten hätte ein Mann wie Otto auch keine Chance gehabt, dort Fuß zu fassen.

Der "Spiegel" schrieb damals über das Vorleben von Rolf-Jürgen Otto, dass er sich als "Box-Promoter, U-Bahn-Bauer, Großgastronom und Immobilienspekulant versuchte - und sich überall als die Nummer eins sah, auch wenn hin und wieder eine seiner Firmen dem Konkursverwalter anheimfiel." Doch wenn man sich heute fragt, wie es damals überhaupt dazu kommen konnte, dass ein Mann wie Otto in Dresden - und abgewandelt an so vielen anderen Orten in der ehemaligen DDR - die Macht an sich reißen konnte, dann ist man immer wieder schnell bei Walter Toussaint und einem System, dem die Führung abhandengekommen war.

Bemerkenswerter Auftritt im "Sportstudio"

Über den Fall Rolf-Jürgen Otto bei Dynamo Dresden schreibt Mathias Liebing in seinem erhellenden und bewegenden Buch: "In Dresden begannen die Jahre von Otto dem Lächerlichen. Mit Schaudern erinnert sich Minge: 'Es war dieser furchtbare Abend im Dresdner Rundkino. Otto hatte alles inszeniert, und am Ende stand die einfache Frage: Friss oder stirb!' Friss bedeutete hier, Otto zum Präsidenten zu machen, der sich gegenüber den Medien und der Öffentlichkeit als der reichste Mann Dresdens verkauft hatte. Stirb stand für den Gang zum Insolvenzrichter. Über 99 Prozent entschieden sich für Otto, auch wenn viele Beteiligte damals das Unheil schon kommen sahen. Minge: 'Otto war der Prototyp des westdeutschen Glücksritters, der im Osten den Dicken gemacht hat.'"

Was genau in den Otto-Jahren in Dresden alles vor und hinter den Kulissen abgelaufen ist, ist heute nur schwer zu rekonstruieren. Aber eins ist klar: Mit rechten Dingen ist sicherlich nicht alles abgelaufen. Und noch etwas anderes spielte damals schon eine Rolle und ist bis heute (leider) nie ganz weggegangen: Der Respekt gegenüber ehemals großen und verdienten Vereinen der DDR hat in diesen Zeiten sehr gelitten. Liebing beschreibt in seinem Buch sinnbildlich einen legendären Auftritt von Rolf-Jürgen Otto im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF. Damals, Ende April 1995, bat Moderator Günther Jauch seinen Gast, im "zitronengelben Jackett in Übergröße", in die Gesprächsecke mit den Worten: "Sie gehen so langsam, dass ich Angst habe, dass der Beifall nicht bis zum Stuhl reicht."

Zum Autor

Das Buch "Plattgemacht. Wie der Westen den ostdeutschen Fußball zerstörte" beschreibt eindrücklich eine Zeit, die genau so nur damals, in den Tagen und Monaten der Wende, ablaufen konnte. Als ein großes Vakuum neu bespielt werden musste, weil alte Strukturen aufgebrochen und entsorgt worden waren. Es war die Zeit der Glücksritter und windigen Unternehmer. Denn an der Stelle von Rolf-Jürgen Otto könnten unzählige andere Namen stehen.

Doch Mathias Liebing hat ihn ausgewählt, weil sein Werdegang bis heute als Symbol nachwirkt: "Und Rolf-Jürgen Otto? Der wurde wegen Veruntreuung von Firmengeldern in Höhe von etwa drei Millionen Mark zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Seine Verfehlungen als Präsident von Dynamo Dresden spielten dabei noch nicht einmal eine Rolle. Aber sein Vermächtnis hat dem Traditionsverein aus Sachsen und dem ostdeutschen Fußball bis heute geschadet. Auch wenn die Peinlichkeiten von einem Hessen ausgingen, klebt der Makel wie ein lästiger Kaugummi am ostdeutschen Fußballschuh."

Quelle: ntv.de

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