Redelings Nachspielzeit

Zum Bundestrainer "genötigt"? Beckenbauer-Masche zieht auch bei Matthäus

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Der eine (Beckenbauer, links) war schon Bundestrainer, der andere (Matthäus) will es noch werden.

(Foto: imago sportfotodienst)

Lothar Matthäus wird seit einigen Tagen medial gepusht. Der Boulevard wünscht sich den Weltmeister von 1990 als kommenden Bundestrainer. Das erinnert alles sehr an den Sommer 1984, als Franz Beckenbauer quasi zum Amt des Teamchefs "genötigt" werden musste.

"Na, i net. Meinst, i bin so blöd und will mich den ganzen Tag ärgern?", meinte Franz Beckenbauer im Sommer 1984 und glaubte so, alle aufkommenden Gerüchte im Keim ersticken zu können. Ein großes Boulevardblatt hatte damals für ihn getrommelt. Beckenbauer und kein anderer sollte nach der Europameisterschaft in Frankreich Nachfolger des unglücklich agierenden Bundestrainers Jupp Derwall werden. Doch tatsächlich hatte Beckenbauer eigentlich gar keine Lust, den Posten zu übernehmen. Und das konnten die meisten sogar sehr gut verstehen. Denn der deutsche Fußball lag spätestens nach dem katastrophalen Vorrunden-Aus bei der EM sportlich am Boden.

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Was aber noch viel schlimmer war: Das Ansehen der Nationalmannschaft in der Öffentlichkeit war auf einem neuen Tiefpunkt angelangt. Viel tiefer konnte es fast schon nicht mehr gehen. Es brauchte dringend einen Neustart - und vor allem natürlich jemanden, der diesen allein durch seine Person verkörperte. Das alles sah auch der "Kaiser" so, aber noch zierte er sich: "Ja, klar, es muss was passieren. Aber warum ich?"

Doch wen das große Blatt mit den vier Buchstaben einmal ausgewählt hat, den lässt es auch so schnell nicht mehr los. Und so war es im Sommer 1984 auch bei Franz Beckenbauer. Während die öffentliche Kampagne für ihn weiter auf Hochtouren lief, wurde der Kaiser intern von verschiedenen Seiten beackert. Sein langjähriger Manager und väterlicher Freund Robert Schwan konnte der Idee "Bundestrainer Beckenbauer" nämlich durchaus viele lukrative Vorteile abgewinnen. Ein Jahr nach dem endgültigen Ende der Spielerkarriere des Weltmeisters von 1974 galt es die Zukunft Beckenbauers zu gestalten. Und was sprach da eigentlich gegen den höchsten Posten im deutschen Fußball? Im Grunde nichts.

Tatsächlich Messias

Die Sache war also entschieden. Nun musste nur noch Beckenbauer selbst überzeugt werden. Und das geschah auf eine sehr spezielle Art und Weise. Denn nachdem Schwan signalisierte hatte, dass sein Mandant bei den richtigen Rahmenbedingungen das Ganze schon machen würde, nutzte die Zeitung mit den vier Buchstaben einen besonderen Umstand: Franz Beckenbauer war seit der Europameisterschaft Kolumnist des Blatts. Und da er natürlich seine Texte nicht selber schrieb, sondern allenfalls die Leitplanken für seine Kommentare in Gesprächen mit der Redaktion festlegte, durfte der "Kaiser" eines Morgens die fette Schlagzeile auf Seite 1 über sich lesen: "Franz: Bin bereit!"

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Aus der Nummer, man kann es sich denken, kam Beckenbauer nun nicht mehr raus. Und da das öffentliche Echo auf diese unmissverständliche Ansage durchaus positiv war und die Boulevardzeitung weiter kräftig für ihn trommelte, wollte er es irgendwann auch. Mögliche andere Kandidaten hatten gegen die Macht und Wucht des bunten Blatts während des gesamten Suchprozesses des DFB im Grunde keine echte Chance. Und so ging der Plan der Boulevardzeitung auf. Franz Beckenbauer wurde Nachfolger Jupp Derwalls und sorgte höchstpersönlich dafür, dass die Presse immer tüchtig was zu schreiben hatte.

Doch der mediale Wirbel um den "Kaiser" half auch dem deutschen Fußball an sich. Bereits ein halbes Jahr nach der Amtsübernahme stieg das Ansehen der Nationalelf um beinahe 100 Prozent. 31 Prozent aller Befragten waren nun dem DFB-Team durchaus positiv zugetan. Die Medien stellten in einem Gespräch mit Beckenbauer erstaunt wie begeistert fest: "Sie sind anscheinend tatsächlich der Heilsbringer geworden, der Messias, nach dem alle riefen."

Und der "Kaiser" selbst? Hatte er sich nach wenigen Monaten auch schon mit der neuen Aufgabe arrangiert? Sein Resümee fiel trotz der vielen positiven Ergebnisse, die er bereits nach so kurzer Zeit erzielt hatte, noch etwas nüchtern aus: "Also, einer, der unbedingt Spaß sucht, sollte sich den Job nicht aufhalsen. Sagen wir statt Spaß lieber: Ich habe Freude an dieser Arbeit gefunden, auch Lebensfreude und Geschmack an den Schwierigkeiten, denen man sich gegenübersieht."

Wird Matthäus noch weiter gepusht?

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und Projekten gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Seit der Bekanntgabe von Bundestrainer Jogi Löw, dass er nach der EM sein Amt aufgeben wird, trommelt die "Bild" sehr lautstark für einen bestimmten Nachfolger: Lothar Matthäus. Täglich präsentiert das Blatt neue prominente Befürworter dieser Lösung. Wenn man den Worten der Zeitung folgt, ist die Wahl von Matthäus eigentlich alternativlos. Das alles erinnert sehr an den Sommer 1984. Und noch etwas anderes: Genau wie Beckenbauer damals ziert sich auch der Weltfußballer heute. Er habe ganz andere Lebensplanungen, ließ er verlauten, und denke gar nicht daran, diesen Posten überhaupt nur für sich in Erwägung zu ziehen.

Doch gestern dann die "spektakuläre Wende". Im hauseigenen Podcast des Boulevardblatts ("Also doch! Matthäus: Ich werde Bundestrainer, wenn …") verkündete Matthäus: "Ein Franz Beckenbauer wollte 1984 auch nicht Teamchef werden, sondern hat es im Endeffekt gemacht, auch auf einen gewissen öffentlichen Druck hin. Wenn ich diesen spüre und er positiv ist, würde ich es mir überlegen."

Man darf gespannt sein, wie die Geschichte nun ausgeht. Denn anders als vor 36 Jahren ist die Medienlandschaft heute um einiges breiter aufgestellt. Und neben Matthäus existieren andere aussichtsreiche Kandidaten, die ebenfalls energisch von ihren Befürwortern gepusht werden. Der mediale Kampf um die Meinungshoheit wird an Schärfe in den nächsten Tagen und Wochen also mit ziemlicher Gewissheit noch zulegen. Bis der DFB schließlich zu einer Entscheidung quasi gezwungen wird. Mal schauen, was denn der "Kaiser" selbst zu dem Thema sagen wird. Aber im Grunde kann man es sich eigentlich schon denken.

Quelle: ntv.de

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